NewsÄrzteschaftGassen wehrt sich gegen staatliche Eingriffe in die Selbstverwaltung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ärzteschaft

Gassen wehrt sich gegen staatliche Eingriffe in die Selbstverwaltung

Montag, 27. Mai 2019

Andreas Gassen /Jürgen Gebhardt

Münster – Gegen zunehmende staatliche Eingriffe in die Selbstverwaltung hat sich heute in Münster erneut der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesver­einigung (KBV) ausgesprochen. Bei der KBV-Ver­tre­ter­ver­samm­lung knüpfte Andreas Gassen dabei an die Wahl zum Europaparlament am Wochenende an.

Er betonte, das Prinzip der Europäischen Union sei die Subsidiarität. Dahinter stecke die Überzeugung, dass jeder in seinem Land und in seiner Region am besten wisse, wie gemeinsame europäische Ziele umgesetzt werden. „Das deutsche Gesundheits­wesen ist ebenso organisiert und fährt seit Jahrzehnten exzellent damit“, sagte Gassen. Wer meine, dirigistisch in die Versorgung vor Ort hineinregieren zu müssen, setzte auf das falsche Pferd.

Anzeige

In diesem Zusammenhang erneuerte Gassen die Kritik an Teilen des Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG), das vor zwei Wochen in Kraft trat, und mit denen der Gesetzgeber in die Praxisabläufe der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte eingreife.

Regeln wie verpflichtende offene Sprechstunden für bestimmte Arztgruppen oder Honorarzuschläge für die Versorgung neuer Patienten bergen nach Ansicht des KBV-Chefs durchaus die Gefahr, Abläufe in den Praxen zu behindern und die Versorgung für bestimmte Patientengruppen wie chronisch Kranke zu verschlechtern.

Krankenkassen betreiben Obstruktion

Allerdings beinhalte das TSVG auch sinnvolle Lösungen wie die Möglichkeit, Patien­ten besser durch das Gesundheitssystem zu steuern, so Gassen. Dazu komme die Zusage von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU), die Mehrarbeit der Vertragsärzte auch zusätzlich zu vergüten. Die ersten Gespräche mit den Kranken­kassen darüber ließen jedoch nichts Gutes ahnen.

„Es scheint Strategie zu sein, jedwede Regelung so zu verkomplizieren, dass es de facto nicht zu mehr Geld, aber dafür zu mehr Aufwand und Kontrolle führen wird“, kritisierte Gassen. Er forderte die Krankenkassen auf, diese „Obstruktionspolitik“ zu stoppen. „Es wäre fatal, wenn die Kassen dieses Gesetz in weiten Teilen ins Leere laufen lassen“, meinte der KBV-Vorstand. Das Vertrauen der Ärzte und Psychothe­ra­peuten in die Politik würde damit nachhaltig gestört.

Angesichts politischer Bestrebungen, Gesundheitsberufen unter anderem durch eine Akademisierung mehr Kompetenzen und Handlungsspielräume zuzugestehen, wies Gassen darauf hin, wie wichtig es sei, dass die Gesamtverantwortung für die Patien­ten­behandlung auch weiterhin in der Hand der Ärzte liege.

„Noch steht in unserem System der Arzt im Zentrum. Er koordiniert, er behält den me­dizini­schen Überblick, er haftet juristisch und mit seinem Privatvermögen, er trägt die Budgetverantwortung“, sagte Gassen. Er betonte zugleich, dass er die Aufwertung von Gesundheitsberufen wie Hebammen oder operations- und anästhesietechnischen Assistenten befürworte. Die sinnvolle Koordination medizinischer Leistungen müsse aber den Ärzten überlassen bleiben.

Digitalisierung ist kein Heilsversprechen

Ähnlich sehe es mit der IT und Telemedizin in der Versorgung aus. Die Digitalisierung habe unbestreitbar großes Potenzial, „prophetische Heilsversprechen“ seien aber fehl am Platz. „Wir prüfen vorurteilsfrei und wenn es unseren Patienten hilft, setzen wir es ein“, meinte der KBV-Chef mit Blick auf telemedizinische Anwendungen: „Sonst verlieren wir unsere Glaubwürdigkeit.“

Entscheidend sei, dass telemedizinische Angebote in den Praxen gemacht würden und nicht durch Callcenter, die womöglich in der Hand der Krankenkassen liegen oder von profitorientierten internationalen Großkonzernen betrieben werden. Telemedizini­sche Angebote müssten zudem angemessen im Einheitlichen Bewertungsmaßstab (EBM) abgebildet sein, sonst werde sich kein Kollege in diesen zusätzlichen Bereich einbringen.

Gassen hob außerdem die Bedeutung der Vertragsärzte für die Sicherstellung der Patientenversorgung hervor. Drohende Versorgungsengpässe in strukturschwachen oder ländlichen Regionen durch eine Öffnung der Krankenhäuser für die ambulante Versorgung zu beheben, hält er für unrealistisch. „Wo sind die neurologischen, der­matologischen und augenärztlichen Stationen in diesem Land?“, fragte Gassen.

„Welches Landkrankenhaus kann noch mit mehr als zwei, drei Fachabteilungen auf­warten? Wo müssen Abteilungen schließen, weil die Stellen nicht besetzt werden können?“ Das KV-System setze sich aber auch hier für Lösungen ein, zum Beispiel durch die Umwandlung von unrentablen kleinen Krankenhäusern in integrierte Ge­sundheitszentren. „So kann mit vereinten Kräften aus ehemaliger stationärer Ver­sorgung und ambulanter Versorgung etwas entstehen, dass den Menschen in unserem Land hilft“, sagte Gassen. © HK/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 28. Mai 2019, 09:45

Mit dem Zeigefinger…

auf die exzessiv-überbordende Ministerial-Bürokratie zu zeigen, bedeutet, dass zumindest 3 Finger auf einen selbst zurückweisen. Dabei ist vollkommen klar, alle Versuche, an der ärztlichen Selbstverwaltung zu rütteln, sind keine Innovationen.

Doch auch Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Gemeinsamer Bundes­aus­schuss der Ärzte und Krankenkassen (G-BA) und Bewertungsausschuss treiben mit hoher Taktung und immer verworreneren Ideen uns Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte vor sich her. Insbesondere KBV-Chef und Kollege Dr. med. Andreas Gassen hätte sich gestern an die eigene Nase fassen müssen, als er auf der Ver­tre­ter­ver­samm­lung beim deutschen Ärztetag in Münster zu mehr Besonnenheit bei Versorgungsinitiativen und Schutz vor Pseudo-Innovationen im GKV-System riet. 3 Beispiele dazu:

1. Beispiel GESU
Beispiel Gesundheits-Vorsorgeuntersuchung (bisher Check-up 35) nur noch alle 3 Jahre mit einem realitätsverleugnenden Laborpaket:
Wer neben "Gesamtcholesterin künftig auch das LDL- und HDL-Cholesterin sowie die Triglyceride" bestimmen lassen will, ist lipidologisch in der Jahrtausendwende steckengeblieben. Dabei hat Deutschland
- ein Alkoholkonsum-, Übergewichts- und Leber-Problem (z.B. NASH)
- ein gender-spezifisches Anämie- und Fehlernährungs-Problem
- ein Nieren- und endokrinologisches Problem und
- ein COPD/ASTHMA-Problem.

Doch die Kreatinin-Bestimmung fiel vor weit über 20 Jahren dem vorauseilenden KBV-Gehorsam einer Sparpolitik zum Opfer. Ebenso das damals noch fakultative EKG. Zur modernen Vorsorgeuntersuchung gehören Kreatinin und eGFR-Berechnung, Leber- und Schilddrüsenwerte, ein Blutbild und die Glucosebilanz mittels HbA1c statt fehleranfälligem Nüchtern-"Blutzucker". Mit den bisherigen Check-up-35-Problemfeldern KHK, hypertensive Herzkrankheit und Diabetes mellitus (mittels HbA1c!) wären damit etwa 80% aller haus- und familienärztlichen Beratungsprobleme abgedeckt.

Was sich die KBV bei einer 50-prozentigen Ausdünnung der bisher 2-jährlichen Untersuchungsintervalle ab dem 35. Lebensjahr auf nur noch alle 3 Jahre gedacht hat, bleibt im Nebel konfabulierender Fantasie stecken: Mit Empirie und Evidenz hat das nichts zu tun.

Einmalige Früherkennungsuntersuchungen ab dem 1.4.2019 zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr anzubieten, ist Unfug: Nur ein einziges Mal in diesem langen Zeitraum und ohne reguläres Labor? Aus meiner hausärztlichen Erfahrung wird diese Zielgruppe mit einer dilettantischen Ungleichbehandlung/Diskriminierung gar nicht erreicht. „Blutuntersuchungen bei diesen jüngeren Patienten seien nur bei einem entsprechenden Risikoprofil durchzuführen“, teilt die KBV mit. Was die KBV offenkundig nicht weiß: Adoleszenten und gesunde 18 bis 35 Jahre alte Patientinnen und Patienten suchen zu präventiven Zwecken i.d.R. Arztpraxen nur zu Schutzimpfungen auf.

Wer in dieser Altersgruppe richtig krank ist, trägt dagegen eine hohe Krankheitslast und eine häufig hochspezifische Morbidität (Typ-1 Diabetes mellitus, Asthma, Tumor- und Systemkrankheiten, Behinderungen, Stoffwechselstörungen, Rheuma, Vitien, Fehl- und Falschernährung, metabolisches Syndrom, endogene und exogene Krankheitsinduktionen).

2. Beispiel Krebsvorsorge und Krebsfrüherkennung
Wer bei Krankheits-Früherkennungsuntersuchungen in weit über 95 Prozent keinen pathologischen Befund aufweist, hat damit eine erfolgreiche V o r s o r g e-Untersuchung ohne zusätzliche invasive Prozeduren erledigt. Nur in einem Prozentsatz von weit unter 5 Prozent ergeben sich echte Früherkennungsuntersuchungen bei einer präformierten Morbidität... Derzeit etwa 50 verschiedene Krebsregister und inkompatible Datenerhebungs-Systeme in Deutschland sind eine “Neue Unübersichtlichkeit” (Jürgen Habermas).

Implementierungen von Adipositas-Beratung, Prävention von Nikotinabusus, Alkohol- und anderen Abhängigkeitserkrankungen, Fehlernährung als karzinogene Co-Faktoren stehen nicht auf der KBV-, G-BA oder GKV-Agenda. Die Krebsvorsorge beim Mann findet kaum Akzeptanz: Während bei Frauen ab 20, 30 und 50 Jahren differenzierter Früherkennungs- und Vorsorgeumfang im gynäkologischen Bereich seit Jahrzehnten implementiert wurde, herrscht beim Mann dagegen Leitlinienchaos: Ab 45 Jahren Genital-, Prostata-Vorsorge bzw. -Früherkennungsuntersuchungen. Hautuntersuchungen ab dem 35 Lebensjahr alle 2 Jahre. Digitale Darmuntersuchungen aber erst ab 50. Keine verbindlich evaluierte PSA-Testung. Von 50 bis 55 Jahren 1 x jährlich “immunological faecal blood test (iFOBT).

Männer und Frauen ab 55 Jahren, die k e i n e Präventivkoloskopie machen, sollen dann nur alle 2 Jahre einen iFOBT bekommen: Obwohl in diesen 10 Jahren Darmkrebsprävalenz und -inzidenz besonders ansteigen. Mit 55 die erste Präventivkoloskopie und mit 65 Jahren die zweite durchgeführt, senken Morbidität und Mortalität hochsignifikant. Nur bei Männern wurde bei diesem Vorschriften-Desaster die 1. Präventiv-Koloskopie auch noch auf das 50. Lebensjahr vorverlegt, um die Verwirrung komplett zu machen. Damit werden die Beteiligungsquoten vorsätzlich verringert. Da helfen vollmundige KBV-Muster-Einladungsschreiben zur Koloskopie auch nicht weiter!

3. Beispiel Laborreform
Ab 1.4.2018 "wird quasi als Verteilungsfaktor für jedes Quartal der individuelle Fallwert der Praxis ermittelt. Dazu wird die Summe aller Laborkosten eines Quartals durch die Fallzahl im Quartal geteilt. Hat unser Hausarzt zum Beispiel 1.400 Euro Laborkosten verursacht, beträgt sein individueller Fallwert also 1,40 Euro (1.400 : 1.000 = 1,4).
Ein festgelegter Korridor bestimmt nun, wie hoch der Anteil ist, den der Arzt aus dem errechneten Wirtschaftlichkeitsbonus erhält. Bei Hausärzten liegt der Korridor zwischen 1,60 Euro und 3,80 Euro. Er wurde auf Basis der Abrechnungsdaten des Jahres 2015 für die einzelnen Fachgruppen berechnet und ist im EBM festgelegt.
Liegt der arztindividuelle Fallwert oberhalb jener Obergrenze, erhält der Arzt von seinen 2.024,32 Euro keinen Cent, denn er hat zu hohe Laborkosten ausgelöst. Liegt er unterhalb des Korridors, war er also besonders sparsam, erhält er den kompletten Betrag von 2024,32 Euro. Liegt er innerhalb des Korridors, erhält er entsprechende Anteile des Bonus quotiert gutgeschrieben.
Welchen Wirtschaftlichkeitsbonus ein Arzt erhält, entscheidet sich also nicht nur an der Fall- und Punktzahl, sondern auch daran, wie viele Kosten er mit seinen Anforderungen ausgelöst hat." (KBV-Zitat Ende)

Grundsätzlich ändern daran auch zahlreiche Ausnahmeziffern nichts. Denn diese sind viel zu rigide gefasst: Ein Diabetiker bekommt z.B. kein Blutbild zum Ausschluss einer Anämie, sondern nur einen HbA1c und die Kreatinin - Bestimmung. Alles andere, wie z.B. TSH (Schilddrüsen-Fehlfunktion), GPT/GGT (Hepatopathie), LDL-Cholesterin, Insulin/Insulin-AK ö. ä. fließen trotzdem in die Gesamt-Budgetrechnung mit ein.

Vor dem 1.4.2018 bewirkte die Angabe einer Labor-Ausnahme-Kennziffer, dass alle in dem betreffenden Behandlungsfall durchgeführten und angeforderten Laborleistungen nicht mehr auf das Laborbudget angerechnet werden konnten. Bei unseren sehr häufig multimorbiden Patientinnen und Patienten wurden dann alle zusätzlich notwendigen und indizierten Laboruntersuchung gemacht, ohne über dabei durchgeführte oder veranlasste Laborparameter Ängste um Überschreitung des Laborbudgets auszulösen. Von daher sind die neuen Laborregelungen der KBV kontraproduktiv und bilden die Versorgungsrealität in der vertragsärztlichen Praxis gar nicht mehr ab.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Avatar #88767
fjmvw
am Montag, 27. Mai 2019, 18:07

Gassen hisst die weiße Fahne!

Zitate:
"dirigistisch in die Versorgung vor Ort hineinregieren"
"mit denen der Gesetzgeber in die Praxisabläufe der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte eingreife"
"Gespräche mit den Kranken­kassen darüber ließen jedoch nichts Gutes ahnen"
und so weiter und so fort .....

Gassen hält nicht dagegen, Gassen hisst die weiße Fahne!
LNS

Nachrichten zum Thema

3. Juli 2019
Berlin – Das von Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) geplante Faire-Kassenwahl-Gesetz stößt offenbar auch bei der gesetzlichen Rentenversicherung auf Kritik. Die Tendenz einiger politisch
Rentenversicherung kritisiert Faire-Kassenwahl-Gesetz
14. Juni 2019
Berlin – Der eTerminservice steht seit dem 25. Januar 2016 den Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) im Internet und im Sicheren Netz der KVen (SNK) zur Verfügung. Über erste
Mehr als 100.000 Praxen nutzen eTerminservice
3. Juni 2019
Münster – Der 122. Deutsche Ärztetag hat die Bundesregierung aufgefordert, ein Forschungsprogramm zum medizinischen Nutzen von Cannabisarzneimitteln und -blüten aufzulegen. Seit März 2017 dürfen Ärzte
Medizinischer Nutzen von Cannabis sollte wissenschaftlich belegt werden
3. Juni 2019
Münster – Der 122. Deutsche Ärztetag in Münster hat den Gesetzgeber aufgefordert, weitere Änderungen an dem Gesetzentwurf zur Reform der Ausbildung der Psychologischen Psychotherapeuten sowie der
Ärztetag fordert weitere Änderungen an Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung
3. Juni 2019
Münster – Rund 430.000 Medizinische Fachangestellte (MFA) stellen in Deutschland an der Seite der Ärzte die ambulante Versorgung sicher. Beim 122. Deutschen Ärztetag haben die Abgeordneten auf die
Medizinische Fachangestellte verdienen Anerkennung
3. Juni 2019
Münster – Der 122. Deutsche Ärztetag hat den Gesetzgeber aufgefordert, im Rahmen der Überarbeitung des Präventionsgesetzes eine Vergütung des ärztlichen Präventionsgesprächs vorzusehen. Zudem müsse
Ruf nach Vergütung für das Präventionsgespräch
3. Juni 2019
Münster – Zur Förderung der Kindergesundheit hat der 122. Deutsche Ärztetag beschlossen, die Initiative „Kinderrechte ins Grundgesetz!“ des Aktionsbündnisses Kinderrechte zu unterstützen. Die
LNS LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER