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Medizin

Zahl der Beatmungspatienten in Deutschland nimmt exponentiell zu

Mittwoch, 29. Mai 2019

Patienten mit chronischer respiratorischer Insuffizienz, die im häuslichen Setting beatmet werden, müssen für Kontrolluntersuchungen oder bei Akut-Problemen immer wieder stationär behandelt werden. /CMP, adobe.stock.com

Köln – In Deutschland sind immer mehr Menschen dauerhaft auf Beatmungsgeräte angewiesen. Darunter befinden sich laut einer epidemiologischen Studie in der DMW Deutsche Medizinische Wochenschrift immer mehr ältere und mehrfach erkrankte Patienten (2019; doi: 10.1055/a-0758-4512). Für sie ist es besonders schwer, nach einer längeren intensivmedizinischen Behandlung wieder selbstständig zu atmen.

In Weaningzentren gelingt es, nur etwa 60 % der Intensivpatienten von der Beatmung zu entwöhnen. Ein Teil von ihnen benötigt auch danach noch eine Atemunterstützung in Form einer nichtinvasiven Maskenbeatmung. Knapp 25 % der Weaningpatienten müssen die Beatmung über die Trachealkanüle außerklinisch fortsetzten. Rund 15 % der Patienten versterben.

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Experten gehen davon aus, dass die Rate des erfolglosen Weanings außerhalb der etablierten Fachzentren noch wesentlich höher ist. Auch außerklinisch beatmete Patienten müssen regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen oder bei akuten Problemen ins Krankenhaus.

Im Jahr 2016 mussten nach einer Datenbankrecherche von Christian Karagiannidis, Lungenklinik Merheim, in Deutschland rund 86.000 ambulant beatmete Patienten in einer Klinik betreut werden. Im Jahr 2006 waren es nur rund 25.000. Gleichzeitig sank die Sterblichkeit der beatmeten Patienten im Krankenhaus von 13,2 % auf 5,7 %.

Zunehmend hochbetagte und mehrfach erkrankte Patienten werden beatmet

Die Datenanalyse offenbarte auch, dass immer häufiger sehr alte Menschen mit einem Beatmungsgerät versorgt werden. Knapp 1.500 der im Jahr 2016 künstlich beatmeten Patienten waren älter als 90 Jahre.

Viele der dauerbeatmeten Patienten haben eine oder mehrere schwerwiegende Erkran­kungen. Mehr als die Hälfte (58 %) leidet an einer chronisch-obstruktiven Lungen­erkrankung (COPD), ein Drittel hat eine Pumpschwäche des Herzens (32 %) oder einen Typ-2-Diabetes (32 %). Ein Viertel leidet an einer Verengung der Herz­kranz­gefäße (25 %) oder an einer Nierenschwäche (24 %). Auch neurologische Erkrankungen sind häufig zu verzeichnen.

Hinzu kommen Infektionen mit Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika resistent sind. Der exponentielle Anstieg der pflegeintensiven Patienten stellt das Gesundheits­sys­tem nach Ansicht von Karagiannidis vor extreme finanzielle und personelle Heraus­forde­rungen.

„Die Vielzahl der zugrunde liegenden Haupt- und Nebendiagnosen erfordern die Expertise unterschiedlichster Fachdisziplinen in der ambulanten und stationären Versorgung“, betonte Wolfram Windisch, Seniorautor der Studie. Hinsichtlich der zunehmenden Zahl solcher Patienten gefährde der Mangel an qualifiziertem Pflege­personal zunehmend die Versorgung der Betroffenen.

Darüber hinaus wirft die Beatmungstherapie bei hochbetagten, mehrfach erkrankten Patienten ethische Fragen für Windisch auf. Denn im Falle eines erfolglosen Weanings sei die Fortsetzung einer invasiven Langzeitbeatmung im außerklinischen Bereich mit einer stark eingeschränkten Lebensqualität verbunden, wie aktuelle Studien belegten. „In diesem Sinne ergibt sich die Frage, ob alles das, was die moderne Medizin heute leisten kann, unter ethischen Betrachtungen auch geleistet werden muss“, so Windisch. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #771757
Pfleger
am Montag, 3. Juni 2019, 10:49

Lebensqualität in Wohngemeinschaften für beatmete Menschen

Mir geht diese Hetzerei gegen Wohngemeinschaften auf die Nerven. Es ist keineswegs so, dass dort unqualifiziertes Personal arbeitet. Kostenträger kontrollieren sehr genau und sehr regelmäßig welches Personal mit welcher Qualifikation entsprechende Pflegemaßnahmen durchführt. Für die Behandlungspflege (u.a. Beatmungsüberwachung und Sekretmanagement) dürfen nur examinierte Pflegekräfte eingesetzt werden, die mindestens eine zertifizierte Zusatzqualifikation erworben haben. Lediglich Grundpflege darf mit Unterstüzung von Pflegehilfskräften durchgeführt werden. Die Regeln zu den Personalqualifikationen sind daher häufig strenger, als die in so manchen Krankenhäusern.
Sicher müssen Therapieziele immer gut überlegt und besprochen werden, damit Menschen, die schwerst durch Krankheit gezeichnet, nicht noch beatmet, zum sterben, kurzzeitig in WGs untergebracht werden. Lebensqualität mit Beatmung ist aber nicht nur eine Frage des Alters oder des "erfolglosem Weanings", so wie es in der Studie suggeriert wird. Soziale Anbindung und Coping sind wohl mindestens ebenso wichtige Faktoren. Dass das Leben ohne Beatmung wohlmöglich schöner ist, dafür bedarf es wohl keiner Studie.
Avatar #106024
Mabued
am Freitag, 31. Mai 2019, 23:22

Woher kommen die Fachkräfte für Intensivstationen?

Oft werden alte Menschen mit vielen Vorerkrankungen, die im Sterben liegen, mit Hilfe dieser Art von Intensivmedizin gegen ihren Willen am Leben gehalten und dadurch sogar gequält. Aus falsch verstandener Fürsorge unterstützen viele Bevollmächtigte und gesetzliche Betreuer dieses Vorgehen. Es verschlingt Unsummen an Pflegestunden, die für Patienten mit heilbaren Erkrankungen auf Intensivstationen benötigt werden.
In den ambulanten Intensivpflegeeinrichtungen wird oft mit einem Schlüssel von 1:2 gearbeitet. Ausgebrannten und verzweifelten Intensivschwestern habe ich noch vor 5 Jahren geraten, sich in solchen Einrichtungen etwas zu erholen – Dauerlieger, keine aufwendige Diagnostik und Therapie, keine fordernden Intensivmediziner vor Ort, bessere Bezahlung, deutlich weniger Fehltage von Kollegen, planbare Schichten. Auf Intensivstationen erlebe ich oft einen Pflegeschlüssel von 1:3 bis sogar 1:4. Dies vermehrt in Zeiten von Grippewellen, Magen-Darm-Infekten etc. So zerstören wir unser gutes Intensivpflegesystem.
In vielen Gesprächen im gesamten Balkan und Baltikum – aber auch in Deutschland - habe ich gerade bei jungen Menschen eine zunehmende Ablehnung gegenüber dem Pflegeberuf in den letzten beiden Jahren feststellen müssen. Woher sollen wir unsere Fachkräfte nehmen? Ich meine nicht Hilfskräfte oder Menschen, die nur einen Job machen wollen.
Nur ein gut informierter Bevollmächtigter und ein durch Ärzte geschulter Betreuer kann ermöglichen, dass dieses Quälen am Lebensende eingedämmt wird und so sinnlos Mittel verschleudert werden. Man braucht eine Patientenverfügung, die gerade die Therapie am Lebensende – in der Sterbephase - regelt und man benötigt Mediziner, die erkennen, wann der Patient nicht mehr leben will und zu schwach geworden ist zu atmen, zu essen, zu trinken, sich im Bett zu drehen, die Arme seinen Liebsten entgegenzustrecken, …
Seit 35 Jahren bin ich Notarzt und habe 45 Jahre auf Intensivstationen gearbeitet
Avatar #79783
Practicus
am Donnerstag, 30. Mai 2019, 15:59

Ganz einfach

Die Langzeitbeatmung wird nämlich in sogenannten "Beatmungs-WGs" durchgeführt. Das funktioniert so: Ein Pflegedienst mietet eine geräumige Wohnung an und untervermietet dann pro Zimmer 1-2 "Wohnplätze" für die "Heimbeatmung". Für die ganze Wohung - die NICHT dem Heimgesetz mit seinen Mindestanforderungen unterliegt - stellt dann der Pflegedienst die 24-Stunden-Betreuung zur Verfügung, die überwiegend von unqualifiziertem Hilfspersolnal durchgeführt wird. Pro Beatmungsplatz können so Umsätze von 10.000 EUR pro Patient und Monat erlöst werden.
Vegleichbares läft in den sogenannten "Demenz-WGs",wo ebenfalls die Vorgaben des Heimgesetzes gewinnbringend umgangen werden können.
Avatar #105631
Edward Meyer
am Donnerstag, 30. Mai 2019, 12:36

Beatmung zu guter letz???

Und wo erfahre ich, wieviel Geld mit der Behandlung gemacht wird - kleiner Nebenverweis auf Herrn Kollegen Thöns?!

Edward Meyer
Avatar #38398
weisser
am Mittwoch, 29. Mai 2019, 21:11

Neuro - Pädiater

die andere Seite: Junge Menschen z. B. mit Spinaler Muskelatrophie oder MD Duchenne profitieren insbesondere von der nicht - invasiven Beatmung enorm in puncto Lebensqualität und auch Lebenserwartung und beim weaning z. B. nach Operationen
LNS

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