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Vermischtes

„Wir übernehmen zum jetzigen Zeitpunkt zu 100 Prozent den Nutri-Score-Algo­rithmus“

Donnerstag, 30. Mai 2019

Berlin – Wie im Koalitionsvertrag vorgesehen, hat das staatliche Max-Rubner-Institut (MRI) gestern im Auftrag der Bundeslandwirtschafts­minis­te­rin Julia Klöckner (CDU) einen Entwurf für eine Nährwertkennzeichnung (NWK) vorgelegt. Das MRI-Modell sieht – anders als der von vielen medizinischen Fachgesellschaften und Verbraucher­organisationen präferierte farbig abgestufte Nutri-Score – keine Ampelfarben vor. Das neue Modell basiert auf waben­förmigen Feldern mit fünf An­gaben zu Fetten, Zucker, Salz und Kalorien.

Fünf Fragen an Benedikt Merz, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Physiologie und Bioche­mie der Ernährung am Max-Rubner-Institut in Karlsruhe.

DÄ: Wie lange hat es gedauert, das neue Modell zu entwickeln?
Benedikt Merz: Die Entwicklung des Modells ist noch nicht abgeschlossen. Der vorliegende Entwurf ist das Ergebnis einer vierwöchigen Entwicklungsphase, an der ausschließlich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des MRI beteiligt waren. Neben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die fachliche Basis erarbei­tet haben, hat eine Mediengestalterin den Entwurf grafisch umgesetzt.

DÄ: In einem Bericht hat das MRI andere NWKs  verglichen und anhand von 18 Kriterien bewertet. Welche dieser Prüfkriterien erfüllt das neue Modell?
Merz: Diese Frage ist schwierig zu beantworten, da es sich, wie bereits angespro­chen, um einen Entwurf in einem frühen Entwicklungsstadium handelt. Einige der Prüfkriterien basieren auf Ergebnissen wissenschaftlicher Studien, die mit bereits bestehenden beziehungsweise am Markt eingeführten spezifischen Modellen durch­geführt wurden. Da sich das MRI-Modell noch im Entwurfsstadium befindet, konnten beispielsweise noch keine Verbraucherstudien durchgeführt werden. Von den Krite­ri­en, die in einem so frühen Stadium beurteilt werden können, erfüllt das Modell elf von zwölf. Lediglich das Kriterium, ob mehrere Akteursgruppen an der Entwicklung betei­ligt waren, wird nicht erfüllt.

DÄ: Welche Vor- und Nachteile gibt es gegenüber dem Nutri-Score?
Merz: Ein Vorteil gegenüber dem Nutri-Score ist, dass zusätzliche Zielgruppen ange­sprochen werden, indem neben der Gesamtbewertung auf den ersten Blick der Gehalt an Energie und den Nährstoffen Fett, gesättigte Fettsäuren, Zucker und Salz erkennt­lich ist. Dies kommt besonders Verbraucherinnen und Verbrauchern zugute, die auf bestimmte Nährstoffe achten müssen, zum Beispiel auf Salz wegen Bluthochdrucks. Gleichzeitig kann dies natürlich auch einen Nachteil darstellen, da durch diese zusätz­li­che Information die Komplexität des Modells zunimmt und somit für einige Verbrau­che­rinnen und Verbraucher auf den ersten Blick schwerer verständlich sein könnte als der Nutri-Score.

DÄ: Inwieweit unterscheidet sich das Modell vom Health Star Ranking – eine NWK, die in Neuseeland und Australien empfohlen wird?
Merz: Das Modell greift in der Tat zentrale Aspekte des Health Star Ratings auf, indem es eine Gesamtbewertung mit der Darstellung und gegebenenfalls positiven Bewer­tung von Energie und bestimmten Nährstoffen kombiniert. Somit sollen neben der Breite der Bevölkerung auch die Verbraucherinnen und Verbraucher erreicht werden, die gezielt auf Energie beziehungsweise diese Einzelnährstoffe achten möchten, zum Beispiel Hypertoniker oder Diabetiker.

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Unterschiede gibt es hinsichtlich des Algorithmus als Grundlage für die Gesamtbewer­tung sowie der Grenzwerte, die zur Bewertung von Energie und Einzelnährstoffen he­rangezogen werden. Hier orientieren wir uns für die Gesamtbewertung am Algorith­mus des Nutri-Scores, für die Darstellung und Bewertung von Energie und Nährstoffge­halten an den Grenzwerten der europäischen Verordnung über nährwert- und gesund­heitsbezogene Angaben (Health Claims Verordnung [HCVO]); das Health Star Rating nutzt hierfür die Grenzwerte der in Australien/Neuseeland gültigen Verordnung über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben.

DÄ: Wie unterscheidet sich der Bewertungsalgorithmus vom Nutri-Score?
Merz: Wir übernehmen zum jetzigen Zeitpunkt zu 100 Prozent den Nutri-Score-Algo­rithmus. Die Entwicklung eines eigenen Algorithmus ist in einer vierwöchigen Entwick­lungsphase nicht zu leisten. Zudem hat der Nutri-Score eine wissenschaftlich fundierte­ Basis und liefert bei den meisten Produkten eine problemlose Orientierung innerhalb derselben Produktgruppe. Somit würde eine Fünf-Sterne Bewertung des MRI-Modells einer Nutri-Score-Bewertung A entsprechen.

DÄ: Im Sommer soll eine Verbraucherbefragung stattfinden. Was genau sollte hier nach Empfehlung des MRI abgefragt werden?
Merz: Derzeit bereitet das Bundesministerium für Ernäh­rung und Landwirtschaft (BMEL) die Vergabe der Verbraucherforschung an eine geeignete Agentur vor. Da das MRI mit einem eigenen Entwurf an der Verbraucherbefragung teilnimmt, können wir diese nicht selbst durchführen.  

DÄ: Welche Schritte müssten anschließend folgen, bevor man das neue MRI-Modell auf Verpackungen abdrucken könnte?
Merz: Dieselben Schritte, die nach einem konkreten Beschluss zur Nährwertkenn­zeichnung für alle Kennzeichen durchlaufen werden müssen, angefangen bei der Erstellung von geeigneten Informationsmaterialien für die Verbraucherinnen und Ver­braucher, über die rechtliche Prüfung bis zur weiteren Optimierung des Algorithmus. Letzteres würde natürlich entfallen, falls die Entscheidung für ein Nährwertkennzeich­nungsmodell ohne Gesamtbewertung getroffen wird. © gie/aerzteblatt.de

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