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Früherer Krankenpfleger Niels H. wegen 85-fachen Mordes verurteilt

Donnerstag, 6. Juni 2019

Niels H. (links) im Gespräch mit seinen Anwältinnen. /dpa

Oldenburg – Der ehemalige Krankenpfleger Niels H. ist wegen weiterer 85 Morde an Intensivpatienten verurteilt worden. Das Landgericht in Oldenburg verhängte heute gegen den zuvor bereits wegen sechs Patiententötungen verurteilten 42-Jährigen zusammenfassend für sämtliche Taten eine lebenslange Haftstrafe. „Manchmal reicht die schlimmste Fantasie nicht aus, um die Wahrheit zu beschreiben“, sagte der Vor­sitzende Richter Sebastian Bührmann in seiner Urteilsbegründung.

Die Richter stellten außerdem die besondere Schwere der Schuld fest. Sie sprachen den 42-Jährigen in dem rund siebenmonatigen Prozess um die wohl beispiellose Mordserie zugleich in 15 von 100 angeklagten Fällen frei. Bei diesen lasse sich eine Täterschaft nicht zweifelsfrei beweisen, erläuterte Bührmann. Die Anklage hatte eine Verurteilung wegen 97 Morden gefordert, die Nebenklage in 99 Fällen.

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Nach Überzeugung des Gerichts vergiftete H. zwischen 2000 und 2005 auf Inten­siv­stationen in zwei Krankenhäusern in den niedersächsischen Städten Oldenburg und Delmenhorst Patienten mit verschiedenen Medikamenten, um lebensbedrohliche Zustände auszulösen und sie anschließend wiederzubeleben. Viele starben. Der An­geklagte habe die Menschenwürde seiner Opfer „mit Füßen getreten“, sagte Bühr­mann.

Der Verstand müsse vor der unfassbaren Zahl der Taten „kapitulieren“. Das Gesche­hen „sprengt jegliche Grenze“, ergänzte der Richter in seiner rund eineinhalbstündigen Urteilsbegründung. Die Motive für das Handeln von H. seien für Gericht und Verfah­rens­beteiligte größtenteils unklar geblieben. Es sei ihm nicht um das Töten gegangen, sondern um die Spannung bei der Reanimation.

Dieses Gefühl sei H. offensichtlich „wichtiger gewesen als das Leben von Men­schen“, ergänzte Bührmann. Ansonsten bleibe vieles „im Nebel“, auch die vom Gericht anfangs erhoffte umfassende Aufklärung sämtlicher Vorgänge sei erneut nicht gelun­gen. Er kritisierte dabei unter anderem auch „Vertuschung“ vor allem am Krankenhaus Oldenburg. Auch diese behindere die Wahrheitssuche.

Vertreter von Angehörigen der Opfer, von denen mehr als 120 als Nebenkläger an dem Verfahren teilnahmen, begrüßten das Urteil dennoch. Er empfinde „Genugtuung“, betonte deren Sprecher Christian Marbach. „Das war ein großes und klares Urteil.“ Die 15 Freisprüche seien juristisch zu bewerten, das Landgericht habe H. trotzdem erstmals umfassend verurteilt. Marbachs Angaben zufolge bereiten die Angehörigen nun auch Klagen gegen die Kliniken vor, an denen H. arbeitete.

Der in zwei früheren Strafprozessen bereits wegen sechs Tötungen zu lebenslanger Haft verurteilte H. musste sich seit Ende Oktober erneut vor dem Landgericht Olden­burg verantworten. Das aktuelle Verfahren war das Ergebnis umfangreicher Ermittlun­gen, die während des bislang letzten Prozesses 2014 und 2015 eingeleitet wurden. Damals verdichteten sich Hinweise darauf, dass der Ex-Pfleger noch weitaus mehr Verbrechen begangen haben dürfte als angenommen.

Auch die Verteidigung von H. hatte eine lebenslange Freiheitsstrafe gefordert, war allerdings von 55 Morden sowie 14 Mordversuchen ausgegangen. Der Angeklagte selbst hatte sich gestern in seinem letzten Wort für seine „schrecklichen Taten“ ent­schuldigt und betont, dass er diese bereue.

Aufgrund der vorangegangenen Verurteilungen sitzt H. bereits seit 2009 im Gefängnis. Entdeckt wurde er 2005 auf frischer Tat, danach begann die Aufarbeitung. Diese ver­lief jedoch schleppend und kam erst während des zweiten Prozesses gegen ihn ab Ende 2014 auch systematisch in Gang. Auch die Krankenhäuser, an denen H. früher arbeitete, stehen bereits seit längerem massiv in der Kritik. Es gibt Hinweise, dass Kollegen und Vorgesetzte teils relativ früh Verdacht schöpften.

Vier Mitarbeiter des Klinikums Delmenhorst sind deshalb bereits angeklagt und müssen sich bald vor Gericht verantworten. Auch gegen Verantwortliche aus Olden­burg wird ermittelt. © afp/aerzteblatt.de

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