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Politik

Mehr Krankenhäuser brauchen Schutzkonzepte zur Prävention von sexueller Gewalt

Dienstag, 11. Juni 2019

/Fernando Cortés, stockadobecom

Berlin – Sexueller Missbrauch kann auch durch Ärzte und Pflegefachkräfte in Kran­kenhäusern stattfinden. Kliniken und Ärzte mahnten daher am vergangenen Freitag gemein­sam mehr Kon­zepte zum Schutz vor Missbrauch an.

„Kliniken können Tatort sein – diese Perspektive wird häufig unterschätzt“, sagte Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm, bei der Fachtagung „Schutzkonzepte und Kinderschutz im Krankenhaus“ in Berlin. Gera­de Krankenhäuser sollten aber ein Schutz­raum sein. Dieses Versprechen an die Patienten müsse man einhalten, so Fegert.

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Zusammen mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) und dem Unabhängi­gen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (UBSKM) der Bun­desregierung, die die Tagung mitveranstalteten, setzt sich Fegert für den Schutz von Kindern und Jugendlichen ein.

Onlinekurs für Klinikleiter und ausgewählte Fachkräfte

Helfen sollen dabei eine neue Broschüre, die konkrete Ratschläge an Klinikleiter gibt, was zu tun ist, um Mädchen und Jungen vor sexueller Gewalt zu schützen und bei Übergriffen zu helfen. Der Flyer kann kostenfrei im Internet bestellt werden.

Außerdem bietet der von der Ulmer Klinik entwickelte Onlinekurs „Kinderschutz in Institutionen“ mit einem besonderen Modul „Leitungswissen“ vor allem Führungskräf­ten und ausgewählten Fachkräften Unterstützung dabei an, wie Schutzkonzepte in ihren Institutionen verankert werden können. Der Kurs kann in 30 bis 35 Stunden absolviert werden und ist mit 40 CME-Punkten akkreditiert.

DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum will sich zudem dafür einsetzen, dass das Vorhandensein von Schutzkonzepten vor sexuellem Missbrauch in den Qualitätsbe­richten der Krankenhäuser aufgelistet werden muss. Beschlossen werden könne dies über die Qualitätsmanagement-Richtlinie des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses. „Wir müssen mehr Bewusstsein für dieses Thema schaffen – mit der flächendeckenden Einführung von Schutzkonzepten kann das gelingen“, betonte Baum bei der Fachta­gung.

„Eine enge Beziehung, wie sie sich in Kliniken zwischen Professionellen und Patienten entwickeln kann, stellt immer auch eine Gefahr dar“, sagte der UBSKM, Johannes-Wilhelm Rörig. Leitungskräfte in Kliniken müssten in der Lage sein, Gefahrensituatio­nen zu erkennen. Kliniken müssten Regeln zu Nähe und Distanz aufstellen. Der On­linekurs zur Implementation von Schutzkonzepten könne sie darin unterstützen.

Nur wenige Häuser haben Schutzkonzepte

Nach einer Umfrage des Deutschen Jugendinstituts (DJI) haben nur 20 Prozent von befragten 165 Kliniken umfassende Schutzkonzepte überhaupt umgesetzt. „Das sind viel zu wenig – es fehlt die strukturelle Verantwortung und es fehlen Orientierungs­punk­te, was qualitativ wirksam ist“, sagte Heinz Kindler vom DJI.

Befragt wurden 165 Kliniken für Kinder und Jugendliche in Deutschland (77 Prozent somatische Kliniken, 33 Prozent Kinder- und Jugendpsychiatrien, 14 Prozent Rehabili­tationseinrichtungen). Die Umfrage des DJI fand im Rahmen des Monitorings zum Stand der Prävention sexualisierter Gewalt an Kindern und Jugendlichen statt, das der UBSKM initialisiert hat. 69 Prozent der befragten Kliniken haben immerhin interne An­sprech­partner für das Thema sexuelle Gewalt; Verhaltensregeln haben rund die Hälfte der Kliniken aufgestellt.

Tarnung als medizinisch notwendige Interventionen

Der Kinder- und Jugendpsychiater Fegert legte bei der Fachtagung gezielt den Finger in die Wunde. „Die Täter tarnen ihre Handlungen oft als medizinisch notwendige Inter­ventionen. Sie setzen zum Teil Medikamente ein oder nutzen das Ausgeliefertsein von narkotisierten oder schwer beeinträchtigten Patienten.“

Viele Täter seien zudem „sehr geschickt und manipulativ“ in der Tarnung ihrer Taten. „Wir trauen das bestimmten Personen gar nicht zu“, erklärte Fegert. Da das Thema lange tabuisiert wurde, gibt es nach Aussage von Fegert keine Daten zur Häufigkeit von Übergriffen durch Pflegekräfte oder Ärzte.

„Ein System von spezifischen Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen stärkt die Rechte von Kindern und schreckt potenzielle Täter ab“, betonte Fegert. Lei­tungskräften komme bei der Implementierung von Schutzkonzepten eine besondere Rolle zu.

„Die Institutionsstrukturen können das Risiko für sexuelle Gewalt erhöhen oder ver­min­dern“, erklärte Michael Kölch, ärztlicher Direktor der Kinder- und Jugendpsychia­trie, Universitätsmedizin Rostock. Eine besonders gefährdete Gruppe seien Patienten in der Kinder-und Jugendpsychiatrie und auch in Rehaeinrichtungen. „Begünstigt werden die Bedingungen für Täter dort durch längere vertrauensvolle Beziehungen und die längeren Aufenthalte der Patienten“, sagte Kölch.

Bei der Implementation von Schutzkonzepten sei es wichtig, alle Verantwortlichen im Krankenhaus miteinzubeziehen. „Ein Personalrat beispielsweise, der in solche Pro­zesse nicht eingebunden wird, kann sie auch leicht schon mal blockieren“, erläuterte Kölch. Schutzkonzepte müssten „dauerhaft lebendig gehalten werden“, das einfache Abhaken von Checklisten sei wenig sinnvoll.

Wichtig sei ein gutes Beschwerdemanagement, Mitarbeiterschulungen, Achtsamkeit bei der Personalwahl und auch die Information der Eltern. Für spezielle Situationen, bei denen die körperliche Integrität der Patienten gefährdet sein könnte, müsse es Leitlinien geben. Dazu gehören beispielsweise Leibesvisitationen, Zu-Bett-Situationen oder Urin-Drogentestungen.

„Insbesondere sollten die jungen Patienten selbst in die Gefährdungsanalysen einge­bunden werden, denn sie könnten Hinweise auf Situationen oder Orte geben, die die Klinikleitung leicht übersehen kann“, betonte Kölch. Auch über die Rehabilitation von Mitarbeitern, die Täter geworden sind, sollte sich eine Klinikleitung Gedanken machen. Darüber hinaus könne die Implementation von Schutzkonzepten zu höherer Arbeitszu­friedenheit führen und sich gerade in Zeiten von Fachkräftemangel günstig für eine Klinik auswirken. © PB/aerzteblatt.de

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