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Politik

Erfolgreiche Maßnahmen gegen den Konsum zuckerhaltiger Getränke

Mittwoch, 12. Juni 2019

Viele öffentliche Gesundheitsbehörden, darunter die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), haben Regierungen, die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, Bildungseinrichtungen, Arbeitsstätten und die Zivilgesellschaft aufgefordert, eine gesündere Getränkeauswahl zu unterstützen. /dpa

München – Weltweit wurden bereits diverse Maßnahmen gegen den Konsum zucker­haltiger Getränke durchgeführt und in Studien evaluiert. Zu den erfolgreichsten Inter­ventionen zählen unter anderem das Kennzeichnen von Lebensmitteln, etwa mit einem Ampelsystem, sowie preisliche Anreize. Am besten belegt ist der Effekt von Haushalts­interventionen bei Übergewichtigen, berichten deutsche und britische Forscher in einem Cochrane Systematic Review (2019; doi: 10.1002/14651858.CD012292.pub2).

Das Autorenteam um Peter von Philipsborn von der Ludwig-Maximilians-Universität München hatte 58 Studien zu verschiedenen Maßnahmen gegen den Konsum zucker­haltiger Getränke analysiert und einzelne Interventionen nach dem Grad ihrer Evidenz bewertet.

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Die stärkste Evidenz erreichten Haushaltsinterventionen. Bei Menschen mit erhöhten Körpergewicht, die viel Süßgetränke konsumierten, führte die bessere Verfügbarkeit von kalorienarmen Getränken zu Hause zu einer Gewichtsabnahme. Das konnten zwei randomisierte kontrollierte Studien (RCT) beweisen (Pediatrics 2006, New England Journal of Medicine 2012).

Farbliche Lebensmittelkennzeichnung im Vorteil

Eine Evidenz mit moderater Vertrauenswürdigkeit, erreichte die farbliche Ampelkenn­zeichnung in zwei unterbrochenen Zeitreihenstudien (Appetite 2017, Health Promotion Practice 2017). Die farbliche Kennzeichnung ging mit weniger Süßgetränkeverkäufen einher.

Etwas weniger überzeugend war der Einfluss auf die Kaufentscheidung für Kennzeich­nungssysteme, die keine Farben nutzen, sondern nur auf numerischen Nährwertsco­res beruhen – so wie das aktuell vom Max-Rubner-Institut im Auftrag des Ernährungs­ministeriums entwickelte Sternlabel.

„Diese Kennzeichnung sehen wir kritisch, weil sie mit nur einer Farbe arbeitet und zu­dem nicht intuitiv verständlich ist“ sagte Barbara Bitzer, Sprecherin der Deutschen Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten DANK, „es wäre nicht nachvollziehbar, wenn die deutsche Politik nicht das wirksamste System wählt – und das ist eine Kennzeich­nung in Ampelfarben.“

Ebenfalls gut belegt (moderat Vertrauenswürdigkeit) sind ökonomische Anreizsyste­me. Preiserhöhung bei zuckerhaltigen Getränken in Restaurants, Läden und Freizeit­ein­richtungen senkten deren Verkaufszahlen (Journal of Epidemiology and Community Health 2017; Journal of the Academy of Nutrition and Dietetics 2018, Plos One 2018).

Den Effekt einer Zuckersteuer haben die Autoren nicht untersucht, da dies Thema eines gesonderten Cochrane Review sein wird. Im Lancet hatten Forscher bereits 2018 etwa 300 internationalen Studien zu Steuern auf Erfrischungsgetränke, Alkohol und Tabak analysiert und diese als effektive Maßnahme eingestuft, um nichtübertrag­bare Krankheiten weltweit zu stoppen.

Steuer auf ungesunde Lebensmittel soll vor allem einkommensschwache Menschen schützen

London/Seattle – Kritiker bezeichnen die Zuckersteuer gerne auch als Armensteuer, weil sie in erster Linie Menschen mit wenig Einkommen und Bildung treffen würde. Dieser Theorie widersprechen jetzt Forscher aus den USA und dem UK mit einer umfassenden Analyse, die sie im Lancet veröffentlicht haben (2018; doi: 10.1016/S0140-6736(18)30667-6). Steuern auf Erfrischungsgetränke, Alkohol und Tabak (...)

Selbstverpflichtung und viele weitere Interventionen ohne Evidenz

Aus einigen Interventionen konnten die Münchner Forscher aus bisherigen Studien keine Evidenz ableiten, da widersprüchliche Ergebnisse vorliegen. Dazu zählte unter anderem der Zusammenhang zwischen verbesserter Trinkwasserverfügbarkeit in Schu­len und Körpergewicht der Schüler.

Für die Angabe des Kaloriengehalts von Getränken auf Speisekarten variierten die berichteten Effekte ebenfalls. Unerwünschte Effekte, wie etwa Umsatzrückgänge, kompensatorischer Süßgetränkekonsum, unzufriedene Betroffene oder ein Anstieg des Gesamtenergiegehalts, wenn kalorienarme Getränke subventioniert werden wür­den, erreichten in den meisten Fällen niedrige Effekte.

Die Bundesministerin Klöckner kann nach Lage der Evidenz nicht mehr lediglich auf Selbstverpflichtungen der Industrie pochen, son­dern muss die vorhandene Evidenz endlich zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln. Stefan K. Lhachimi, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie

Auch die freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie konnte keine einheit­liche Evidenz erzielen. Genau auf diese Taktik setzt Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) bei der Reduktionsstrategie von Zucker, Fett und Salz in Fertiglebens­mitteln.

Dass die freiwillige Selbstverpflichtung wirkt, wollte sie vergangene Woche in einem Video mit dem Nestlé-Deutsch­landchef Marc-Aurel Boersch zeigen. Nach massiver Kritik an dem Video und dem Vorwurf der Schleichwerbung prüft jetzt die Medienan­stalt Berlin-Brandenburg den Clip.

„Die Bundesministerin Klöckner kann nach Lage der Evidenz nicht mehr lediglich auf Selbstverpflichtungen der Industrie pochen, sondern muss die vorhandene Evidenz endlich zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln“, sagte Stefan K. Lhachimi,
Leiter der Forschungsgruppe „Evidence-Based Public Health“ am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS).

Der Konsum zuckerhaltiger Getränke gilt als zentraler Faktor für die weltweite Adiposi­tasepidemie, die mit Karies, Diabetes und Herzerkrankungen einhergeht. Die Verrin­ge­rung des Konsums von zuckerhaltigen Getränken sei von nicht zu unterschätzender Bedeutung, um der Adipositasepidemie zu begegnen, ist Lhachimi überzeugt.

„Viele Konsumenten nehmen alleine schon durch Süßgetränke mehr als die täglich empfohlene Menge an Zucker zu sich. Süßgetränke sind dabei besonders tückisch, da diese trotz hoher Kalorienmenge kein Sättigungsgefühl erzeugen.“

Viele öffentliche Gesundheitsbehörden, darunter die Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), haben Regierungen, die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, Bildungsein­rich­tungen, Arbeitsstätten und die Zivilgesellschaft aufgefordert, eine gesündere Ge­tränkeauswahl zu unterstützen. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Donnerstag, 13. Juni 2019, 19:57

Rote Karte für die Bundeslandwirtschaftsministerin!

Wer sich wie die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Julia Klöckner, unter "BMEL - Verifizierter Account - @bmel - 3. Juni"
äußert:
"Weniger #Zucker, Fette und #Salz in Fertigprodukten – dafür setzt sich BMin @JuliaKloeckner mit der #Reduktions- und #Innovationsstrategie ein.
Dass dies geht, zeigt @NestleGermany, die die Strategie unterstützen. Sie haben 10% der Inhalte reduziert; weitere 5% sollen folgen"
https://twitter.com/bmel/status/1135815350224924672
praktiziert einen "Kuschelkurs" gegenüber einer hochtechnisierten, entfesselten Lebensmittelindustrie bzw. blamiert sich mit einem der Marktführer namens Nestle® bis auf die Knochen.

Eine echte "Reduktions- und Innovationsstrategie" ist das natürlich nicht! Denn wenn ich auf "freiwilliger" Grundlage einer Reduktions- und Innovationsstrategie den Zucker-, Fett- und Salzgehalt in Fertigprodukten um ganze 10 Prozent reduziere, müsste ich doch zugleich zugeben, 90 Prozent dieser gesundheitsgefährdenden Bestandteile in meinen Fertignahrungsmitteln ("ultraprocessed food") weiterhin belassen zu wollen.

An einer einprägsamen und wirksamen Lebensmittel-Ampel führt kein Weg vorbei!

Aber die wurde bereits von Julia Klöckners Vorgänger konterkariert: "...im Ernährungs-Report, den Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) Anfang des Monats [Januar 2017] vorgestellt hat, steht kein Wort davon. Im Gegenteil: Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft teilt dem NDR auf Anfrage mit, dass "eine farblich unterlegte Kennzeichnung von Nährstoffen unwissenschaftlich und der Information der Verbraucher nicht dienlich" sei." (Zitat Ende)
https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Ernaehrungsminister-uebergeht-Verbraucherwillen-,ernaehrung500.html

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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