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Medizin

USA: Weniger Neuerkrankungen am Typ-1-Diabetes seit Einführung der Rotavirusimpfung

Freitag, 14. Juni 2019

Rotaviren /dpa

Ann Arbor/Michigan – Gegen Rotaviren geimpfte Kinder erkranken in den USA möglicherweise seltener an einem Typ-1-Diabetes. Darauf deutet eine Analyse von Versichertendaten in Scientific Reports (2019; doi: 10.1038/s41598-019-44193-4) hin. Im Januar hatten Epidemiologen aus Australien einen ähnlichen Trend beschrieben.

Der Typ-1-Diabetes ist eine Autoimmunerkrankung, die zur Zerstörung der insulin­produzierenden Betazellen führt. Die meisten Erkrankungen treten heute im Kindergarten- oder Schulalter auf, die Antikörper, die die Immunattacke auslösen, sind jedoch oft schon im Säuglingsalter nachweisbar. Warum das Immunsystem die zerstörerischen Antikörper bildet, ist wie bei anderen Autoimmunerkrankungen nicht bekannt.

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Es gibt aber verschiedene Hinweise, die auf Rotaviren und andere Erreger von Darminfektionen als mögliche Verursacher hinweisen. So konnte in tierexperimentellen Studien an Mäusen gezeigt werden, dass Rotaviren eine Entzündung der Inselzellen verursachen, die das Risiko auf einen nachfolgenden Typ-1-Diabetes erhöhen. Peptide des Rotavirus und der Betazellen stimmen in einigen Abschnitten überein, was einen versehentlichen Angriff im Sinn einer „molekularen Mimikry“ erklären könnte. Kinder, die an Typ-1-Diabetes erkranken, haben höhere Antikörpertiter gegen Rotaviren im Blut als andere Kinder.

Wenn die Hypothese zutrifft, dann könnte eine Impfung gegen Rotaviren die Kinder vor einer späteren Erkrankung am Typ-1-Diabetes schützen. Eine Wirkung wäre jedoch nicht sofort nachweisbar, da die Impfung in den ersten 6 Lebensmonaten erfolgt, die Erkrankungen am Typ-1-Diabetes jedoch erst viele Jahre später auftreten.

Die heutigen Impfstoffe gegen Rotaviren wurden 2006 (RotaTeq) und 2008 (Rotarix) eingeführt. Die USA und Australien gehörten zu den ersten Ländern, in denen die Impfung in den Impfkalender aufgenommen wurde. In beiden Ländern erreichen die Kinder jetzt das Alter, in dem die Zahl der Erkrankungen am Typ-1-Diabetes zunimmt. In beiden Ländern deutet sich ein Rückgang der Erkrankungen am Typ-1-Diabetes an. Für Australien beschrieb Kirsten Perrett vom Murdoch Children's Research Institute in Melbourne kürzlich in JAMA Pediatrics (2019; doi: 10.1001/jamapediatrics.2018.4578) einen Trend. Ihre Zeitreihenanalyse ergab, dass seit 2008 die Zahl der Erkrankungen bei den Untervierjährigen um 14 % zurückgegangen ist.

Mary Rogers von der Universität Michigan in Ann Arbor hat jetzt die Entwicklung in den USA untersucht. Grundlage waren die Daten von Säuglingen, die zwischen 2006 und 2017 in den USA geboren wurden und die aufgrund einer Privatversicherung ihrer Eltern kostenlos gegen Rotaviren geimpft werden konnten.

Von  540.317 geimpften Kindern erkrankten bisher 192 an einem Typ-1-Diabetes. Das entspricht einer Inzidenz von 12,2 pro 100.000 Kinder pro Jahr. Von 246.600 Kindern, die im selben Zeitraum geboren, aber nicht geimpft wurden, erkrankten 166 an einem Typ-1-Diabetes. Dies ergibt eine Inzidenz von 20,6 pro 100.000 Kinder pro Jahr. Rogers ermittelt eine relative Inzidenzrate (IRR) von 0,59, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,48 bis 0,73 hochsignifikant war. Die Zahl der Neuerkrankungen am Typ-2-Diabetes ist demnach um 41 % gesunken. Diese protektive Assoziation war nur bei Kindern erkennbar, die alle Dosen des Impfstoffs erhalten hatten. Bei einer partiellen Impfung betrug die IRR 0,99 (0,75-1,30).

Trotz der statistischen Signifikanz sind die Daten auch für die USA nur ein erster Trend. Das mittlere Erkrankungsalter in der Kohorte lag bei 3 bis 4 Jahren. In der Altersgruppe der Untervierjährigen nimmt die Zahl der Erkrankungen seit Einführung der Impfung um 3,4 % pro Jahr ab. Bei den älteren Kindern steigt die Zahl in gleicher Weise wie vor Einführung der Impfung an. Dies liegt daran, dass die wenigsten geimpften Kinder ein Alter erreicht haben, in dem die meisten Erkrankungen am Typ-1-Diabetes auftreten. Es wird deshalb noch einige Jahre dauern, bis Gewissheit besteht.

Interessant ist, dass der Impfstoff RotaTeq, der 5 Rotavirusstämme enthält, mit einer Hazard Ratio von 0,66 (0,53 bis 0,81) eine stärkere Schutzwirkung gegen den Typ-1-Diabetes zu erzielen scheint als Rotarix, das nur einen Stamm enthält. Die Hazard Ratio betrug bei Rotarix nur nicht signifikante 0,90 (0,62 bis 1,31). Auch hier muss die weitere Entwicklung abgewartet werden. © rme/aerzteblatt.de

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