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Ärzteschaft

Ärzte für mehr Informationsfreiheit bei Schwangerschafts­abbrüchen

Dienstag, 18. Juni 2019

/dpa

Berlin/Hamburg – Nach der Verurteilung von zwei Berliner Frauenärztinnen wegen eines Verstoßes gegen das kürzlich reformierte Werbeverbot für Schwan­gerschafts­abbrüche (Paragraf 219a Strafgesetzbuch), fordern Ärzte mehr Informations­frei­heit.

„Frauen in schwierigen Situationen sollten auf Internetseiten gynäkologischer Praxen erfahren können, ob und wie diese zum Schwangerschaftsabbruch beraten und wel­che Behandlungsmöglichkeiten es gibt, um herauszufinden, ob sie sich an andere Stellen wenden müssen“, erklärten die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Berlin, Margret Stennes, und die Vorsitzende der Berliner KV-Ver­treterversammlung, Christiane Wessel, heute.

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Das Amtsgericht Berlin-Tiergarten hatte die beiden Gynäkologinnen vor wenigen Ta­gen zu Geldstrafen ver­urteilt. Die Ärztinnen hatten auf der Internetseite ihrer Gemein­schaftspraxis darüber informiert, dass in ihrer Praxis Schwangerschaftsabbrüche mit der medikamentösen Methode möglich sind.

Das ist aber auch nach der Reform des 219a weiterhin verbo­ten, wie das Gericht ent­schied. Erlaubt ist nur der Hinweis, dass Abbrüche vorgenom­men werden. Für weitere Details muss an die Bundes­ärzte­kammer und die Bundes­zentrale für gesundheitliche Aufklärung verwiesen werden.

Scharfe Kritik an der augenblicklichen rechtlichen Regelung kommt auch aus der Ärztekammer Hamburg. Die Kammerdelegierten forderten gestern bei einem Treffen, den Paragrafen 219a aus dem Strafgesetzbuch zu streichen.

„Wir sprechen an allen Ecken und Enden davon, Menschen mit Kompetenzen auszu­statten, um eigenverantwortlich handeln zu können. Den Frauen, die sich in einer ab­soluten Notlage befinden und dringend Informationen und Hilfe benötigen, sprechen wir dieses Recht auf Information jedoch ab“, kritisierte der Ärtekammerpräsident Pedram Emami. © hil/aerzteblatt.de

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dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 25. Juni 2019, 09:02

Zum Davonlaufen!

Die Neu-Fassung des Paragrafen 219a hat nach angeblich umfänglichen Diskussionen in der Großen Koalition zu einem weiteren "faulen" Kompromiss als "Gesetzes zur Verbesserung der Information über einen Schwangerschaftsabbruch" vom 22.03.2019 (BGBl. I S. 350) geführt. In Kraft getreten am 29.03.2019, bringt der aktuelle § 219a mehr Desinformation der Öffentlichkeit, Verwirrung der Ratsuchenden, juristischen Unfug und einen unsachgemäß breiten Interpretationsspielraum, anstatt wie ursprünglich geplant, ersatzlos gestrichen zu werden.

Im Wortlaut: "§ 219a - Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft

(1) Wer öffentlich, in einer Versammlung oder durch Verbreiten von Schriften (§ 11 Abs. 3) seines Vermögensvorteils wegen oder in grob anstößiger Weise
1. eigene oder fremde Dienste zur Vornahme oder Förderung eines Schwangerschaftsabbruchs oder
2. Mittel, Gegenstände oder Verfahren, die zum Abbruch der Schwangerschaft geeignet sind, unter Hinweis auf diese Eignung
anbietet, ankündigt, anpreist oder Erklärungen solchen Inhalts bekanntgibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.

(2) Absatz 1 Nr. 1 gilt nicht, wenn Ärzte oder auf Grund Gesetzes anerkannte Beratungsstellen darüber unterrichtet werden, welche Ärzte, Krankenhäuser oder Einrichtungen bereit sind, einen Schwangerschaftsabbruch unter den Voraussetzungen des § 218a Abs. 1 bis 3 vorzunehmen.

(3) Absatz 1 Nr. 2 gilt nicht, wenn die Tat gegenüber Ärzten oder Personen, die zum Handel mit den in Absatz 1 Nr. 2 erwähnten Mitteln oder Gegenständen befugt sind, oder durch eine Veröffentlichung in ärztlichen oder pharmazeutischen Fachblättern begangen wird.

(4) Absatz 1 gilt nicht, wenn Ärzte, Krankenhäuser oder Einrichtungen
1. auf die Tatsache hinweisen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche unter den Voraussetzungen des § 218a Absatz 1 bis 3 vornehmen, oder
2. auf Informationen einer insoweit zuständigen Bundes- oder Landesbehörde, einer Beratungsstelle nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz oder einer Ärztekammer über einen Schwangerschaftsabbruch hinweisen." (Zitat Ende)
https://dejure.org/gesetze/StGB/219a.html

- Nach wie vor bezieht sich der § 219a, Absatz 1, in seinem Wortlaut unverändert auf eine Zeit, in der jeder Schwangerschaftsabbruch illegal war und pönalisiert wurde.

- Die Ausnahmetatbestände des legalen Schwangerschaftsabbruchs nach § 218a Absatz 1 bis 3 könnte man rechtstheoretisch zwar mit einem "§ 219a - Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft" flankieren wollen.

- Dann muss aber ein reformierter § 219a auch klarstellen, dass "Informationen" über einen medizinisch möglichen Sachverhalt nicht zugleich zwangsläufig "Werbung" bedeuten.

- Juristische Exegese, Semiotik und Sprachkultur sind eindeutig: Nur unter intellektueller Missachtung der unterschiedlichen Begrifflichkeiten von „Information“ und „Werbung“ könnte man Ärztinnen und Ärzten vorwerfen, gegen §219a StGB zu verstoßen.

Im digitalen Informations-Zeitalter bedeuten m.E. die juristischen Folgen des reformierten § 219a StGB weiterhin ein rechts- und gesellschaftspolitisches Einknicken vor fanatisch-fundamentalistischen Lebensschützer-Positionen bzw. eine Revision von Frauenrecht und reproduktiver Selbstbestimmung.

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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