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Ausland

Zahl der Flüchtlinge weltweit stieg 2018 auf Höchststand

Mittwoch, 19. Juni 2019

/dpa

Berlin/Genf – Weltweit gibt es so viele Flüchtlinge und Vertriebene wie nie zuvor in der fast 70-jährigen Geschichte des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR). Ende vergange­nen Jahres lebten 70,8 Millionen Menschen fern ihrer Heimat, die vor Gewalt, Konflik­ten, Verfolgung oder Menschenrechtsverletzungen geflohen waren, wie die Organisa­tion heute in Genf und Berlin berichtete. Das waren gut zwei Millionen Menschen mehr als noch ein Jahr zuvor.

Lob spendete der UN-Hochkommissar für Flüchtlinge, Filippo Grandi, der Bundesre­publik. „Deutschland ist ein Modell, das andere Länder kopieren sollten“, sagte er. Das Land habe Geld in die Integration gesteckt und es widerlegt, dass diese Krise nicht zu managen sei. Bundeskanzlerin Angela Merkel habe zwar vielleicht einen hohen Preis für ihre Politik gezahlt, sagte Grandi. „Aber die Geschichte wird darüber urteilen und ihre Politik wird als positiv in die Geschichte eingehen.“

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Großes Bedauern äußerte Grandi darüber, dass Flüchtlinge vor allem in westlichen Ländern teilweise als bedrohliche Invasoren dargestellt würden. „Das haben manche Politiker ausgenutzt, indem sie sagen: ,Wenn ihr mich lasst, baue ich eine Mauer, ich dränge die Menschen zurück und mache eine sehr restriktive Gesetzgebung'“, sagte er. Das biete jedoch keine Lösung der Flüchtlingsfrage. Das Problem bleibe auf der anderen Seite bestehen und es werde zurückkommen, wenn man sich nicht kümmere.

Neben den Flüchtlingen gibt es weltweit Migranten, die bessere Arbeits- und Lebens­be­dingungen im Ausland suchen. Ihre Zahl schätzte das UN-Büro für Migration (IOM) 2017 auf 258 Millionen weltweit.

Mehr als die Hälfte der Flüchtlinge war im vergangenen Jahr im eigenen Land vertrie­ben. Fast 30 Millionen waren über Grenzen geflohen und vier von fünf kamen in Nach­barländern unter, nicht in Europa oder den USA, wie Grandi betonte. Die größte Bürde trügen nicht die westlichen Länder, in denen viele Politiker heute von einer Krise sprä­chen, die nicht mehr zu bewältigen sei.

Die Ärmsten nehmen die Schwächs­ten auf

Reiche Länder haben nach UNHCR-Angaben zusammen 16 Prozent der Flüchtlinge aufgenommen. Ein Drittel der Flüchtlinge weltweit habe Zuflucht in den ärmsten Län­dern gefunden. „Das heißt schlicht und einfach: Die Ärmsten nehmen die Schwächs­ten auf und die Reichen schotten sich ab“, kritisierte der Generalsekretär der inter­na­tionalen Hilfsorganisation Care, Karl-Otto Zentel. Die Lage in vielen Entwicklungslän­dern berge großes Konfliktpotenzial. Denn die ohnehin knappen Ressourcen würden durch die Aufnahme von Geflüchteten noch knapper.

Vor diesem Hintergrund mahnte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) an, dass Flüchtlingen nicht nur in der EU, sondern auch in Entwicklungs- und Schwellenländern geholfen werden müsse. „Auch sie benötigen unsere Unterstützung. Und sie benöti­gen eine neue Lebensperspektive. Denn Menschenwürde ist unveräußerlich“, schrieb der SPD-Politiker heute auf Twitter.

Grandi sprach von einer „Krise der Solidarität“. Die Welt sei zunehmend polarisiert: „Der Weltsicherheitsrat kann nicht einmal mehr gemeinsame Positionen finden, wenn es um humanitäre Fragen geht.“ Unter den fünf Ländern mit den meisten Flüchtlingen ist Deutschland nach der UNHCR-Statistik das einzige westliche Land. In Deutschland waren Ende vergangenen Jahres demnach 1,1 Millionen anerkannte Flüchtlinge sowie rund 370.000 Asylsuchende, über deren Fälle noch nicht entschieden war. Mehr Flüchtlinge gab es nur in der Türkei (3,7 Millionen) sowie in Pakistan, Uganda und dem Sudan.

Maas begrüßte es deshalb, dass Grandi den UNHCR-Bericht in diesem Jahr auch in Berlin vorstellte. „Das ist für mich eine große Anerkennung für den wichtigen Beitrag, den Deutschland zum weltweiten Flüchtlingsschutz leistet“, sagte er.

Die Grünen forderten die Bundesregierung zu mehr Engagement für Flüchtlinge auf. Im Mittelmeerraum müssten die EU-Mitgliedsstaaten endlich eine gemeinsame, zivile Seenotrettung auf den Weg bringen, sagte Luise Amtsberg, Sprecherin für Flüchtlings­politik. Erst heute hatte die deutsche Hilfsorganisation Sea-Watch auf die Aufnahme von 53 Migranten gedrängt, die vor einer Woche gerettet worden waren. Das Rettungsschiff muss seit Tagen vor italienischen Gewässern ausharren.

Neben der Lage im Mittelmeer-Anrainerstaat Libyen nannte Grandi als Beispiele für Krisenherde auch die Flucht der Rohingya aus Myanmar und die Konflikte in Venezu­ela. Die Zahl der neuen Asylanträge von Venezolanern ist nach UNHCR-Angaben auf 350 000 hochgeschnellt. Das sind mehr als dreimal so viele wie im Jahr davor. Vene­zolaner machten damit ein Fünftel aller neuen Anträge weltweit aus und sie waren mit Abstand die größte Asylsuchergruppe, gefolgt von Afghanen und Syrern.

Weltweit die meisten neuen Asylanträge wurden wie im Jahr davor in den USA ge­stellt, gut 250.000. Auf dem zweiten Platz stand Peru wegen des Andrangs von Vene­zolanern, gefolgt von Deutschland. Hier kamen die meisten neuen Anträge von Sy­rern, Irakern und Iranern. © dpa/aerzteblatt.de

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