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Menschen handeln ehrlicher als man gemeinhin unterstellt – mit deutlich regionalen Unterschieden

Freitag, 21. Juni 2019

Verliert man seine Geldbörse mit persönlichen Papieren oder den Hausschlüssel, bleibt nur die vage Hoffnung, ein ehrlicher Finder werde sich melden. Doch dieser befindet sich meist im Widerstreit. Siegt am Ende die Ehrlichkeit oder doch der Eigennutz? /Andrey Popov, adobe.stock.com

Ann Arbor/Zürich – Wer schon mal eine Geldbörse gefunden hat, kennt den Zwiespalt: Soll man den unverhofften materiellen Gewinn behalten oder zurückgeben? Verhaltensökono­men und -ethiker aus den USA und der Schweiz um Alain Cohn haben diesen moralischen Konflikt zwischen Ehrlichkeit und Eigennutz in einem weltweiten Feldver­such untersucht und dabei deutliche Unterschiede zwischen den Ländern beobachtet. Am ehrlichsten waren demnach die Dänen. Die Arbeit wurde in Science publiziert (2019; doi: 10.1126/science.aau8712).

In 355 Metropolen in 40 Ländern der Erde stellten die Forscher Menschen auf die Probe: Jemand gab vor, eine Brieftasche gefunden zu haben, sei in Eile und übergab sie einer fremden Person an einem offiziellen Ort wie einer Information oder Rezeption, einem Bank- oder Postschalter, einer Polizeiwache oder einer anderen öffentlichen Anlaufstelle.

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Die durchsichtigen Brieftaschen waren durchgängig bestückt mit persönlicher Visitenkarte, darauf Name und Adresse, einer Einkaufsliste, einem Schlüssel und – zufällig verteilt – mit einem mittleren oder einem hohen Geldbetrag, aber manchmal auch ganz ohne Geld. Die Geldsumme war in Landeswährung und dem regionalen Lebensstandard angepasst.

Was mit diesen 17.303 Brieftaschen passierte, wer und ob sich jemand meldete bei der angegebenen Adresse und wie sich Länder im Verhalten unterscheiden – das überraschte nicht nur die Forscher, sondern auch Finanz- und Ethikexperten, die vorhersagen sollten, wie sich die Finder entscheiden.

Überraschendes Ergebnis

Anders als man erwarten würde, belegt die Studie: Die Bereitschaft, sich ehrlich zu verhalten, steigt signifikant, je mehr Geld in der Börse ist. Im Schnitt stieg die Rückgabequote von 40 Prozent bei Börsen ohne Geld auf 51 Prozent, wenn Geld in Höhe von etwa 13 US-Dollar enthalten war.

Diese Aversion ist wahrscheinlich durch soziale und moralische Normen kulturell geprägt: Sie ist gesamtgesellschaftlich zu verstehen, nicht rein individuell. Benjamin Enke, Harvard University in Cambridge

Dieses Ergebnis findet auch Benjamin Enke vom Department of Economics an der Harvard University in Cambridge „auf den ersten Blick sehr überraschend“, suggeriere es doch, dass Menschen eine grundlegende Aversion gegenüber dem Stehlen haben. „Diese Aversion ist wahrscheinlich durch soziale und moralische Normen kulturell geprägt: Sie ist gesamtgesellschaftlich zu verstehen, nicht rein individuell“, erklärt der Bonner Verhaltensökonom.

Schlusslicht China hat die geringste Rückgabequote

Die Rückgabequoten steigern sich statistisch signifikant in Ländern wie Dänemark, das an der Spitze aller Länder steht, von 68 Prozent ohne Geld auf 82 Prozent mit Geld im Portemonnaie, es folgen Schweden, Neuseeland, Tschechien und Australien. Am Ende der Liste steht China mit einer signifikanten Steigerung von 7 auf 22 Prozent Rückgabequote ohne und mit Geld.

Dagegen waren in Ländern wie der Schweiz, Norwegen, den Niederlanden, Polen und Deutschland (Rückgabequote steigert sich von 55 auf 65 Prozent) die Steigerungen statistisch nicht signifikant. Mit länderspezifischen Aussagen sollte man daher zurückhaltend sein, sagten die Autoren bei der Vorstellung ihres Papers auf einer Pressekonferenz am Dienstag.

„Die allermeisten Menschen sind ehrlich zu oder prosozial gegenüber ihrer Familie oder Freunden, doch Prosozialität gegenüber Fremden variiert teilweise dramatisch“, erklärt Enke. Oft spreche man diesbezüglich vom sozialen Kapital einer Gesellschaft. Dieses soziale Kapital wurde in früheren Studien durch reine Fragebögen oder abstrakte Laborexperimente mit relativ wenigen Versuchspersonen gemessen. „Cohn und sein Team liefern nun einen Meilenstein in dieser Forschung, indem sie soziales Kapital in einem Feldversuch mit Tausenden von ahnungslosen Teilnehmenden in 40 Ländern messen“, sagt Enke.

Die Daten unserer Studie legen nahe, dass Ehrlichkeit vom Ausmaß an typischen 'Regelverletzungen' in einer Gesellschaft (Korruption, Steuerhinterziehung, politische Korruption) beeinflusst wird: je weniger Regelverletzungen, desto ehrlicher. Simon Gächter, University of Nottingham

Regelverletzungen in einer Gesellschaft könnten Unterschiede begründen

Die Studie sage zumindest im Haupttext nicht viel über die Ursachen für die große Variation zwischen den Gesellschaften aus, ergänzt Simon Gächter, Professor der Psychologie der ökonmischen Entscheidungsfindung an der University of Nottingham. Er hatte 2016 eine Studie in Nature publiziert, welche in 23 Ländern anhand von Würfelspielen die Ehrlichkeit untersucht hatte (2016; doi: 10.5061/dryad.9k358). „Die Daten unserer Studie legen nahe, dass Ehrlichkeit vom Ausmaß an typischen 'Regelverletzungen' in einer Gesellschaft (Korruption, Steuerhinterziehung, politische Korruption) beeinflusst wird: je weniger Regelverletzungen, desto ehrlicher. Mein erster Eindruck von den Daten legt nahe, dass die Daten dieser Studie mit dieser Erklärung konsistent sind.“

Politische Entscheidungsträger sollten, so die Autoren, die Förderung ehrlichen Verhaltens nicht unterschätzen, etwa Menschen zu sensibilisieren für die negativen Folgen ihres Handelns auf andere. Das ändert nichts am globalen, länderübergreifenden Trend: Menschen handeln wesentlich ehrlicher als man gemeinhin unterstellt. © gie/aerzteblatt.de

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