NewsMedizinGenetischer Morbus Parkinson könnte mit Serotoninmangel beginnen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Genetischer Morbus Parkinson könnte mit Serotoninmangel beginnen

Freitag, 21. Juni 2019

Rezeptor - 3d Render/fotoliaxrender, stock.adobe.com
/fotoliaxrender, stock.adobe.com

London – Die ersten Veränderungen beim Morbus Parkinson treten offenbar nicht, wie allgemein angenommen, in dopaminergen Neuronen, sondern im serotonergen System auf. Darauf deutet eine Studie an Menschen mit einer erblichen Form der Erkrankung hin. Die Publikation in Lancet Neurology (2019; doi: 10.1016/S1474-4422(19)30140-1) könnte die Früherkennung der degenerativen Hirnerkrankung erleichtern.

Etwa 5 bis 10 % der Parkinsonerkrankungen haben eine genetische Ursache. Besonders gefährdet sind Menschen mit Mutationen im SNCA-Gen. Es enthält den Bauplan für das Protein alpha-Synuclein, der Hauptkomponente der Lewy-Körper, die sich beim Morbus Parkinson in vielen Nervenzellen nachweisen lassen.

Anzeige

Menschen mit der Punktmutation Ala53Thr im SNCA-Gen erkranken fast immer an einem Morbus Parkinson. Die Mutation ist auf dem nördlichen Peloponnes und in den benachbarten Regionen Süditaliens verbreitet. Von dort stammen die 14 Genträger, die ein Team um Marios Politis vom King's College in London genau untersucht hat. Die Hälfte der Genträger wies bereits erste motorische Symptome auf, die anderen 7 waren noch nicht erkrankt.

Die Patienten mit den motorischen Symptomen wiesen Defizite im dopaminergen System auf, die die Forscher in der Einzelphotonen-Emissions-Computertomografie (SPECT) mit dem Marker 123I-FP-CIT darstellen konnte. Dieser Marker bindet an einem Dopamintransporter. Die fehlende Bindung zeigt an, dass bei diesen Patienten bereits viele dopaminerge Neurone abgestorben sind.

Schäden des serotonergen Systems vermutlich an erster Stelle

Bei den 7 Patienten ohne motorische Symptome wurden in der SPECT mit 123I-FP-CIT keine Veränderungen gefunden. Bei ihnen scheint das dopaminerge System noch intakt zu sein. Bei Verwendung des Markers 11C-DASB wurden bei den „prämotorischen“ Patienten jedoch ausgedehnte Defizite nachgewiesen. 11C-DASB bindet im Gehirn an einem Serotonin-Transporter. Die Untersuchung zeigt deshalb, dass das serotonerge System Schäden aufweist und dass diese den Ausfällen des dopaminergen Systems vermutlich um viele Jahre vorausgehen.

Politis geht deshalb davon aus, dass die Erkrankung zunächst die serotonergen Neurone zerstört, bevor die dopaminergen Neurone angegriffen werden. Dazu passt, dass auch die „motorischen“ Patienten Defizite in den serotonergen Neuronen aufwiesen. Diese waren sogar deutlich ausgeprägter als bei den „prämotorischen“ Patienten.

Die räumliche Verteilung der Defizite bestätigt die von dem deutschen Neuropathologen Heiko Braak aufgestellte Hypothese, wonach sich die Erkrankung vom Hirnstamm und dem Riechnerven ausgehend auf das gesamte Gehirn ausbreitet. Braak vermutet einen infektiösen Erreger (ein Prion?), der über den Gastrointestinaltrakt oder die Nase ins Gehirn gelangt und sich dort über Jahre in 6 Stadien ausbreitet.

Prodromalsymptome gehen motorischen Symptomen häufig voraus

Die jetzigen Befunde zeigen, dass die Veränderungen im serotonergen System bei den „prämotorischen“ Patienten auf die Hirnregionen beschränkt sind, die den Braak-Stadien 1 bis 3 entsprechen. Bei den „motorischen“ Patienten waren dann auch die Regionen der Stadien Braak 4 bis 6 betroffen.

Der Ausfall des serotonergen Systems könnte auch einige Prodromalsymptome bei Morbus Parkinson erklären, zu denen Riechstörungen, Verstopfungen, Depressionen und Schlafstörungen gehören. Diese gehen den motorischen Symptomen häufig um viele Jahre voraus.

Im Prinzip könnte die SPECT-Untersuchung für eine frühzeitigere Diagnose genutzt werden. Dagegen spricht, dass die Prodromalsymptome sehr unspezifisch sind und selten Verdacht erregen. Außerdem ist die Untersuchung kostspielig und nur an wenigen Zentren möglich. Schließlich wäre eine Frühdiagnose nur sinnvoll, wenn es eine Behandlung gäbe, die den Verfall der Nervenzellen aufhalten könnte.

Solche Medikamente gibt es derzeit nicht. Die neuen Studienergebnisse könnten die Suche nach solchen protektiven Wirkstoffen stimulieren. Zunächst muss jedoch untersucht werden, ob die Veränderungen auch bei der Mehrheit der Patienten auftreten, bei der die Erkrankung keine genetischen Ursachen hat. © gie/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

22. Juli 2019
Osnabrück – Experten der Bundesregierung prüfen derzeit, ob Parkinson bei Landwirten als Berufskrankheit anerkannt wird. Wie die Neue Osnabrücker Zeitung heute berichtete, geht es dabei um den Kontakt
Regierung prüft Anerkennung von Parkinson als Berufskrankheit bei Landwirten
10. Juli 2019
Hannover/München – Die in grünem Tee enthaltene Substanz Epigallocatechingallat (EGCG), ein Oligomermodulator, hat in einer Studie bei Patienten mit Multisystematrophie (MSA) keine ausreichende
Substanz aus grünem Tee ohne ausreichende Wirkung bei Multisystematrophie
28. Juni 2019
Baltimore – US-Forscher haben bei Mäusen durch Injektion von Alpha-Synuclein in die Darmwand ein Parkinson-ähnliches Krankheitsbild ausgelöst. Ihre in Neuron vorgestellten Experimente zeigen, dass die
Mausmodell bestätigt Prionen-Hypothese bei Morbus Parkinson
17. Juni 2019
Boston – US-Forscher haben herausgefunden, mit welchen Enzymen Darmbakterien das Parkinsonmedikament L-Dopa inaktivieren. In Science berichten sie, wie dies verhindert werden könnte (2019; 364:
Wie Darmbakterien L-Dopa bei Parkinsonpatienten verdauen
24. Mai 2019
Taipeh – Krankenversicherte aus Taiwan, die wegen einer bipolaren Erkrankung in Behandlung waren, erkrankten in den Folgejahren deutlich häufiger an einem Morbus Parkinson als andere Versicherte. Dies
Auf bipolare Störung kann Morbus Parkinson folgen
11. April 2019
Berlin – In Deutschland leben mittlerweile rund 400.000 Menschen mit einer Parkinsonerkrankung. „Besorgniserregend ist die in den letzten Dekaden rasant gestiegene Prävalenz: Im Jahr 2016 gab es laut
Fachgesellschaft und Betroffene fordern mehr Forschung bei Parkinson
2. April 2019
Berlin – In Deutschland sind viele Patienten mit Parkinson unterversorgt. Das kritisiert die Deutsche Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG). „Viele Parkinson-Erkrankte in
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER