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Ärzte definieren Qualitätsstandards für Reform der Notfallversorgung

Freitag, 21. Juni 2019

/dpa

Berlin – Qualitätsstandards für den „gemeinsamen Tresen“ und für die medizinische Ersteinschätzung von Notfallpatienten haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Marburger Bund (MB) heute in Berlin vorgestellt.

Weil viele Patienten die Notaufnahmen der Krankenhäuser aufsuchen, obwohl ihnen ebenso gut ein niedergelassener Arzt helfen könnte, hatten beide Organisationen be­reits im September 2017 ein Reformkonzept für die Notfallversorgung vorgestellt.

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Um eine bessere Steuerung zu erreichen, sieht das Konzept vor, Patienten künftig auf der Grundlage einer standardisierten medizinischen Ersteinschätzung entweder am Telefon (über die Rufnummern 116117 oder 112) oder an einer von niedergelassenen und Krankenhausärzten gemeinsam betriebenen zentralen Anlaufstelle am Kranken­haus in die angemessene Versorgungsebene weiterzuleiten.

Das kann je nach Schwere des Falls die Krankenhausambulanz, der kassenärztliche Bereitschaftsdienst oder die Vertragsarztpraxis zu den regulären Sprechzeiten sein.

Patientensicherheit hat oberste Priorität

Die Patientensicherheit hat nach dem Qualitätskonzept der beiden Organisationen oberste Priorität bei der medizinischen Ersteinschätzung am Telefon oder am gemein­samen Tresen. Die Fragen müssten geeignet sein, die Dringlichkeit einer Behandlung zuverlässig einzuschätzen und lebensbedrohliche Zustände schnell zu erkennen.

Das Ersteinschätzungssystem müsse einfach anzuwenden und von Angehörigen der Gesundheitsberufe eingesetzt werden können, ohne dass im Regelfall ein Arzt hinzu­gezogen werden müsse. Die Dokumentation sollte softwaregestützt erfolgen, und die Daten sollten sektorenübergreifend ausgetauscht werden können.

Ein Instrument, das nach Ansicht von KBV und MB diese Kriterien erfüllt, ist SmED (strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland). Das Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung, ein Forschungsinstitut von KBV und Kassenärztli­chen Vereinigungen (KVen), hatte das ursprünglich für die Schweiz entwickelte soft­waregestützte Ersteinschätzungssystem bereits im Mai vorgestellt. Das Zi hatte SmED gemeinsam mit dem Aqua Institut und dem Schweizer Unternehmen in4medicine an deutsche Verhältnisse angepasst.

Barrierefreier Zugang zu zentralen Anlaufstellen am Krankenhaus

Zweck der gemeinsamen Anlaufstellen ist es, die Versorgung der Patienten zu steuern und angesichts knapper Personaldecken Doppelstrukturen und -untersuchungen zu vermeiden. Für einen niedrigschwelligen Zugang ist es nach Ansicht von KBV und MB notwendig, dass die Anlaufstellen klar gekennzeichnet und barrierefrei zugänglich sind.

Nach der Ersteinschätzung finde die weitere Behandlung dann entweder in der Notfall­ambulanz oder in der Bereitschaftspraxis statt, die schon aus rechtlichen Gründen räumlich getrennt, sich aber dennoch in unmittelbarer Nähe zueinander befinden soll­ten.

Zusätzlich zur Regelausstattung einer Hausarztpraxis sollte die Bereitschaftspraxis EKG, Pulsoxymetrie, ein Labor zur Erhebung von Akutparametern sowie ein Sonogra­fie­gerät enthalten. Die Ausstattung könne auch in Kooperation mit dem Krankenhaus vorgehalten werden. Die Ärzteorganisationen betonen jedoch, dass die ambulante Akutversorgung in der Bereitschaftspraxis die Regelversorgung beim Haus- oder Facharzt nicht ersetzen könne.

Nach dem Konzept von KBV und MB wird die Zusammenarbeit von niedergelassenen und Krankenhausärzten in den zentralen Anlaufstellen über Verträge zwischen KV und Krankenhausträger geregelt. Wünschenswert sei eine Ausweitung des ambulanten vertragsärztlichen Notdienstes auch zu den regulären Sprechzeiten. Dafür bedürfe es aber einer Gesetzesänderung.

Notfallversorgung darf kein eigener Versorgungssektor werden

Niedergelassene und Krankenhausärzte hätten gemeinsam ein integratives Konzept vorgelegt, sagte der KBV-Vorstandsvorsitzende Andreas Gassen heute in Berlin. „In­te­grativ bedeutet, dass ambulanter und stationärer Bereich gemeinsam intersektorale Lösungen erarbeiten“, betonte er.

Man habe bewusst den Schulterschluss mit den Kollegen aus dem Krankenhaus ge­sucht, um zu vermeiden, dass der Gesetzgeber die Notfallversorgung als eigenständi­gen dritten Sektor etabliere. „Das schafft keine Verbesserungen, sondern nur neue Schnittstellen sowie zusätzlichen Koordinierungs- und Finanzierungsbedarf“, zeigte sich Gassen überzeugt. Dabei räumte der KBV-Vorsitzende ein, dass zur Finanzierung der neuen Strukturen zusätzliches Geld fließen müsse.

Der Vorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, betonte, dass auch heute schon vielerorts Krankenhausärzte mit dem vertragsärztlichen Bereitschaftsdienst er­folgreich zusammenarbeiteten. „Von einer flächendeckenden Umsetzung des Reformkonzepts sind wir aber noch ein gutes Stück entfernt“, sagte Henke.

Aus der Ärztekammer Nordrhein, deren Präsident er ist, nannte er Zahlen: Es gebe zurzeit 120 allgemeinmedizinische Notfallpraxen, von denen seien 110 am Kranken­haus angesiedelt seien, aber nur 20 verfügten über einen gemeinsamen Tresen. Wie zuvor Gassen sprach sich auch Henke gegen einen dritten Sektor für die Notfallmedizin aus.

„Wir plädieren dafür, bei der anstehenden Rahmengesetzgebung zur Notfallversor­gung auf die Kooperationsbereitschaft der unmittelbar Beteiligten zu setzen und ihnen möglichst viel Freiraum bei der Gestaltung der am Ort besten Versorgung der Patien­ten zu geben“, so Henke. Alles andere schaffe unnötige Bürokratie und greife in die Organisationshoheit der Krankenhäuser ein.

„Mit unseren Vorschlägen zur Reform der Notfallversorgung wollen wir vor allem dazu beitragen, Patienten besser und zielgerichteter zu steuern“, sagte Stefan Hofmeister, stellvertretender KBV-Vorsitzender. Dreh- und Angelpunkt hierfür seien Instrumente, die eine strukturierte und standardisierte medizinische Ersteinschätzung ermöglichten. „Ganz gleich über welchen Weg der Patient den Kontakt aufnimmt, ob telefonisch oder persönlich: Überall sollte gewährleistet sein, dass der Fall nach gleichen und sicheren Kriterien beurteilt und eingeordnet wird“, erklärte Hofmeister.

Streit mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist programmiert

Für Streit mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) dürfte die Forderung sorgen, zentrale Anlaufstellen nicht an jedem Krankenhaus einzurichten. Entschei­dungs­­k­rite­r­ien für die Wahl der Standorte wollen KBV und MB noch erarbeiten.

„Wir wollen Kriterien entwickeln, die einer flächendeckenden Versorgung mit gemein­sa­men medizinischen Anlaufstellen dienen“, sagte Susanne Johna, Mitglied im Bun­desvor­stand des MB. Als Kriterien eigneten sich zum Beispiel die Bevölkerungsdichte, Fallzahlen der Notaufnahme, die Entfernung oder auch personelle Voraussetzungen. Die Standortauswahl müsse regional unter Beteiligung von Vertrags- und Kranken­haus­ärzten erfolgen.

Es sei gut, dass sich die KBV und der MB Gedanken über medizinische Steuerungs­kriterien für Notfallpatienten machten, erklärte DKG-Hauptgeschäftsführer Georg Baum zu dem Konzept. Gut sei auch, dass die KBV anerkenne, dass die ambulante Notfallversorgung in Zukunft in den Krankenhäusern stattfinden solle. „Damit geht die Zuständigkeit auf die Träger der Krankenhäuser über, die über den Personaleinsatz im Krankenhaus und über Kooperationsmöglichkeiten mit niedergelassenen Ärzten ei­gen­verantwortlich entscheiden“, sagte Baum. © HK/aerzteblatt.de

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