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Behörden prüfen Patientenakten wegen Missbrauchsverdachts an Uniklinik des Saarlandes

Dienstag, 25. Juni 2019

/dpa

Homburg – Ein zurückliegender Fall von möglichem Kindesmissbrauch erschüttert die Universitätsklinik des Saarlandes in Homburg. Gegen einen Arzt wurde ermittelt, weil er Behand­lun­gen von Kindern dazu genutzt haben soll. Die Eltern der betroffenen Kinder wurden jahrelang nicht informiert.

Das Universitätsklinikum teilte jetzt mit, dass ein inzwischen gestorbener Assistenzarzt in Homburg bis 2014 womöglich mehrere Kinder bei Untersuchungen sexuell miss­braucht haben könnte. Es bestehe der Verdacht, dass er medizinisch nicht notwendige Untersuchungen am Intimbereich der Kinder vorgenommen habe, die als Routinemaß­nahmen dargestellt wurden, hieß es gestern.

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Die möglichen Opfer seien im Schnitt zwischen fünf und acht Jahre alt gewesen sein. Es habe sich überwiegend um Jungen gehandelt. Der Arzt sei auch Judotrainer eines örtlichen Vereins gewesen. Dieser sei damals über die Ermittlungen informiert worden und habe ihn daraufhin als Trainer entlassen. Der Mediziner wurde 2014 vom Univer­si­tätsklinikum entlassen.

Ermittlungen gegen ihn wurden nach seinem Tod 2016 eingestellt. Wie der leitende Oberstaatsanwalt Michael Görlinger gestern bei einer Pressekonferenz im Homburg sagte, starb der Mann im Alter von 36 Jahren eines natürlichen Todes. Konkret be­fassten sich die Ermittlungen mit der Behandlung von 34 Patienten, teilte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Saarbrücken mit.

Ermittler prüfen 300 Patientanakten

Die Öffentlichkeit wurde gestern in Homburg von der Klinikleitung, der Rechtsaufsicht und den Behörden informiert. Demnach werden mehr als 300 Patientenakten noch ein­­mal überprüft. Sie seien bereits einmal nach möglichen Missbrauchsopfern durch­sucht worden, dabei hätten sich aber zunächst keine Anhaltspunkte ergeben, teilte die Klinikleitung mit. Es sei nicht auszuschließen, dass sich weitere Verdachtsfälle erge­ben – daher die erneute Prüfung.

Demnach ging es in den damaligen Ermittlungen um „möglicherweise nicht medizi­nisch indizierte Untersuchungen insbesondere des Genital- und Analbereiches von kindlichen Patienten“, die in der sogenannten Ausscheidungsambulanz des Klinikums vorgenommen wurden. Diese Spezialambulanz kümmert sich um Patienten, die ein­nässen oder einkoten.

Das Verfahren war ins Rollen gekommen, nachdem die Klinik 2014 Strafanzeige ge­gen den Mediziner gestellt hatte. Nach Angaben der Uniklinik war der Arzt von 2010 bis 2014 an der Kinder- und Jugendpsychiatrie beschäftigt. Allerdings habe man erst in den vergangenen Monaten damit begonnen, die möglichen Opfer und deren Eltern zu informieren und Hilfe anzubieten, hieß es von Seiten der Klinik. Bisher habe man aber nur einen Teil der Betroffenen erreicht.

Als Grund für die späte Aufklärung der betroffenen Kinder beziehungsweise ihrer El­tern, gab der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums, Wolfgang Reith an, damals habe die Erwägung im Vordergrund gestanden, den Kindern durch die nötigen Befra­gun­gen am Ende womöglich „mehr geschadet als genutzt“ zu haben, sagte er. Man sei davon damals ausgegangen, dass die Kinder in der Regel nicht bemerkt hätten, dass der Assistenzarzt sie sexuell missbraucht habe.

Man habe die jungen Patienten schützen und nicht traumatisieren wollen. Weshalb man aber auch die Eltern nicht informiert hatte, konnte gestern nicht schlüssig von der Klinkleitung beantwortet werden. Die gesetzlichen Vertreter der in der Klinik behandel­ten Kinder wurden auch nicht von der Staatsanwaltschaft informiert. Dafür habe es keine rechtliche Grundlage gegeben.

Nach den für die Staatsanwaltschaft maßgebli­chen Vorschriften wäre dafür Voraus­setzung gewesen, dass die Kinder den Status „Verletzte“ gehabt hätten. „Das war nicht der Fall“, sagte ein Sprecher der Staatsan­waltschaft. Allerdings war auch die saarländische Rechtsaufsicht erst im April über die Fälle war informiert worden.

Wie die zuständige Abteilungsleiterin Annette Groh gestern sagte, hat man einen Sachverständigen im Bereich des Kinder- und Opferschutzes zu Rate gezogen. Er habe empfohlen, größtmögliche Transparenz walten zu lassen und die Umstände auf­zuklären. Dem Rat sei man nun gefolgt. In diesem Zusammenhang  werde disziplinar­rechtlich gegen einen Beamten ermittelt, der am Uniklinikum arbeitet.

Während der Ermittlungen 2015 stellte die Staatsanwaltschaft bei dem Beschuldigten elektronische Datenträger mit Bilddateien sicher, die den sexuellen Missbrauch von Kindern zeigten. Die Aufnahmen seien außerhalb der Klinik ohne Bezug zu Untersu­chungshandlungen entstanden, sagte der Sprecher. Hier seien drei Geschädigte er­mittelt worden, zu denen weitere Verfahren eingeleitet wurden. Bei diesen drei Kindern seien die Eltern informiert worden. Wie Oberstaatsanwalt Görlinger sagte, gebe es aber keinen Hinweis darauf, dass der alleinstehende Arzt in einem Netzwerk von Pädophilen aktiv war.

Sexueller Missbrauch in Krankenhäusern: Gefahrensituationen erkennen

Auch Krankenhäuser können Tatort für sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen sein. Strukturierte Schutzkonzepte mit Gefährdungsanalysen tragen maßgeblich zur Prävention bei. Doch nur 20 Prozent der Einrichtungen für junge Patienten haben umfassende Konzepte. Die Delikte des sexuellen Missbrauchs von Kindern sind 2018 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als sechs Prozent oder 40 Fälle pro Tag

Der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) teilte mit: „Die Nachrichten aus dem Universitätsklinikum des Saarlandes erschüttern mich zutiefst. Wenn ein sol­cher Verdacht im Raum steht, muss umgehend eine lückenlose Aufklärung erfolgen.“

Das Wohl der Kinder stehe für ihn an erster Stelle. „Gerade Kinder und Jugendliche und ihre Eltern müssen sich darauf verlassen können, dass ihr Vertrauen nicht durch Behandler schändlich ausgenutzt wird. So etwas darf nie wieder passieren“, sagte er. Der frühere Ministerpräsident des Bundeslandes, Oskar Lafontaine, forderte, die Landesregierung müsse die Vorgänge bei Homburger Kinder- und Jugendpsychiatrie dringend aufklären. © dpa/aerzteblatt.de

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