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Politik

Ethikrat diskutiert ethische Herausforderungen der Robotik in der Pflege

Mittwoch, 26. Juni 2019

Assistenzroboter EDAN von Caritas und DLR /dpa
Assistenzroboter EDAN von Caritas und DLR /dpa

Berlin – Was in Japan längst Usus ist, könnte auch in deutschen Pflegeheimen zum Standard werden: Pflegeroboter, treffender auch als Assistenzroboter beschrieben, versprechen Auswege aus der drohenden Pflegekrise. Dabei müsse der Mensch weiterhin im Mittelpunkt stehen als zu Pflegender und auch als Pflegender, betonte der Ratsvorsitzende Peter Dabrock bei der Jahrestagung des Deutschen Ethikrats, die heute in Berlin stattfand.

Im Zuge des demografischen Wandels steigt die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutsch­land Prognosen zufolge bis in das Jahr 2050 auf 5,3 Millionen Menschen. Den personellen und finanziellen Engpässen wollen Politik und Forschung verstärkt auch mit Robotikprojekten begegnen. Wie diese beiden Megatrends Digitalisierung und demografischer Wandel zusammenpassen, wolle der Ethikrat auf seiner Jahrestagung thematisieren, erklärte Dabrock.

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Roboter sollen zum einen Pflegekräfte entlasten, zum anderen aber auch die Selbst­be­stimmung der Betroffenen verbessern. Der hochautomatisierte maschinelle Zugriff auf das Leben der Pflegebedürftigen setzte einen gewissen Grad an sensomotori­schen Fähigkeiten voraus, erklärte der Robotik-Wissenschaftler von der Technischen Universität München (TUM), Sami Haddadin.

Inzwischen gäbe es „erstmalig Roboter, die mithilfe künstlicher Intelligenz (KI) inner­halb weniger Minuten die Feinfühligkeit eines erwachsenen Menschen erlernen“ wür­den. Als Beispiel nannte Haddadin die Fähigkeit, einen Kolben in ein Loch einzufügen oder auch einen Schlüssel in ein Schloss.

Zudem könne die KI-Technik inzwischen einmal erlerntes Wissen an andere Systeme übertragen, so dass diese den Schlüssel direkt beim ersten Versuch in das Schloss einführen könnten und auch andere Schlüssel in andere Schlösser. „Das war der nöti­ge Durchbruch, um die Sicherheit und die motorische Kontrolle in die Welt der KI zu übertragen und Interaktion mit dem Menschen zu ermöglichen“, erklärte der Münchner Professor für Robotik und Systemintelligenz.

Damit seien die Voraussetzungen geschaffen, um ein Pilotprojekt der TUM umzu­set­zen. In Garmisch-Partenkirchen soll eine Modellstadt für intelligente Assistenz-Robo­tik-Systeme im Alter entstehen. Die ersten Geriatronik-Wohnungen sollen Ende 2019 aufgebaut sein. 

Genderstereotype nutzen oder vermeiden?

Neben den motorischen Voraussetzungen, müssen sich Geriatronik-Entwickler aber auch um soziale Aspekte an der Schnittstelle von Mensch und Maschine Gedanken machen.

Denn Studien würden belegen, dass Geschlechterstereotype auch auf Roboter an­wend­bar seien, erklärte die Informatikerin Elisabeth André von der Universität Augs­burg. Dabei bestimmen der Name des Roboters und dessen Stimme im Wesentlichen das Geschlecht.

Es gäbe nun die Möglichkeit, diese Stereotype auszunutzen, sagte André. Beispiels­weise reagierten in einem Experiment männliche Teilnehmer schneller auf Anweisun­gen eines männlichen als eines weiblichen Roboters. Die andere Option wäre es, gen­derneutrale Roboter zu favorisieren, um Vorurteile und falsche Erwartungen zu ver­mei­den.

Der Einsatz von Technik müsse sich dabei immer am Bedarf des Menschen ausrich­ten, betonte Haddadin. Dabei sei der Roboter trotz aller Fortschritte der KI weiter als Maschine und Hilfsmittel anzusehen.

Fehlende Anreize für Robotik-Unternehmen

Ähnlich argumentierte auch die niederländische Ethikerin Aimee von Wynsberghe. Die Vorsitzende und Mitbegründerin der Foundation for Responsible Robotics (FRR) be­klagte, dass angesichts der Herausforderung einer alternden Gesellschaft eine Ten­denz bestehe, Probleme technisch zu beheben.

Dabei würden die Werte auf die technologische Machbarkeit reduziert und nicht mehr im Rahmen einer umfassenden menschlichen Interaktion verstanden. Sie forderte da­zu auf, die Frage: „Was sollten Roboter für eine gute Pflege leisten“ in den Mittelpunkt zu stellen, anstatt der Frage: „Was können Roboter alles tun?“ 

Van Wynsberghe bemängelte zudem fehlende Anreize für Unternehmen, sich mit ei­ner ethisch vertretbaren Datenspeicherung, Transparenz oder auch einer Einwilligung der Nutzer zu befassen. Zum eine sollte der Gesetzgeber tätig werden, zum anderen sei aber auch die Öffentlichkeit gefragt, Ansprüche zu stellen. Um Konsumenten eine transparente Wahl für verantwortsvolle Robotertechnik zu ermöglichen, arbeitet sie mit der FRR an einem Qualitätssiegel.
© gie/kna/aerzteblatt.de

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