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Mangelnde Präventions­intelligenz verhindert Reduktion der Krebstodesraten

Mittwoch, 26. Juni 2019

 /dpa

Berlin – In Deutschland ließen sich zahlreiche Krebsneuerkrankungen und Todesfälle durch Prävention und Früherkennung vermeiden – aber es fehlt sowohl an den dafür notwendigen Strukturen als auch am politischen Willen. So lautete das Fazit eines Pressegesprächs im Vorfeld des 5. Interdisziplinären Symposiums „Innovations in Oncology“, das heute in Berlin stattfindet.

Jeder zweite Deutsche erkrankt im Laufe seines Lebens an Krebs. Die derzeit noch 500.000 Neuerkrankungen pro Jahr werden Schätzungen zufolge in den nächsten zehn Jahren auf 600.000 ansteigen.

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„Um solch großer Zahlen noch Herr zu werden bleibt nur, mehr in die Forschung zu investieren“, sagte Michael Baumann, wissenschaftlicher Vorstand und Vorstandsvor­sitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg, „aber nicht nur – wie bisher – in die Erforschung neuer Diagnosemöglichkeiten und Therapien, sondern auch in neue Ansätze zur Prävention und Früherkennung“ .

Baumann lobte die im Januar ausgerufene Nationale Dekade gegen Krebs, die alle Akteure aus Forschung und Behandlung zusammenbringen und besser aufstellen soll. Ganz neu für Deutschland: Obwohl die Dekade vom Bun­des­for­schungs­minis­terium (BMBF) vorangebracht worden sei würde sich auch das Bundesministerium für Ge­sund­heit (BMG) beteiligen, so Baumann. Die klassischen Grenzen würden für ein gemein­sames Ziel außen vor gelassen.

Der Professor für Radioonkologie sprach sich für „ambitionierte Ziele“ aus: „Wir wollen alle zehn Jahre zehn Prozent mehr verhinderbare Erkrankungen auch tatsächlich verhindern.“ Und die Krebs-Überlebenschance von 62 Prozent sei zwar schon heute gut im internationalen Vergleich, „aber in zehn Jahren wollen wir drei von vier Krebs­patienten garantieren können, dass sie mindestens fünf Jahre überleben werden“.

Dass, um diese Ziele zu erreichen, ein drastisches Umdenken erforderlich ist, betonte auch Christa Maar, Geschäftsführende Vorständin der Felix Burda Stiftung, denn „bis­her mangelt es im deutschen Gesundheitssystem an Präventionsintelligenz und Prä­ventionspraxis.“ Selbst bereits etablierte Maßnahmen zur Früherkennung würden un­zureichend umgesetzt.

Da nur ein Bruchteil der Zielgruppe erreicht werde, seien die Teilnahmequoten an den vorhandenen Programmen, etwa der Koloskopie zur Darmkrebsprävention, viel zu nie­drig. Besonders stark kritisierte sie unnötige Hindernisse und die allzu wissenschaft­lich korrekte Aufklärung über Sinn und Zweck einer Früherkennungsuntersuchung, die die Menschen nicht ausreichend zur Teilnahme motiviere. Eine Aufklärung, die zur Teilnahme motiviere, sei oft unvereinbar mit einer „informierten Entscheidung“.

Teilnahme an Früherkennung muss leicht sein

Außerdem müsse man den Menschen die Teilnahme an Früherkennungsuntersu­chun­gen leicht machen, so die Präsidentin des Netzwerks gegen Darmkrebs weiter: In Deutschland gingen zum Beispiel Schätzungen davon aus, dass künftig nur etwa 20 Prozent an der Darm­krebs­früh­erken­nung per Stuhltest teilnehmen würden. In den Niederlanden würden 70 Prozent erreicht, so Maar. Dort würden die Menschen den Test direkt mit dem Einladungsschreiben nach Hause geschickt bekommen. Hierzu­lande müssten sich die Teilnehmer den Test erst beim Arzt abholen, um ihn dann zu­hause durchzuführen und ihn dann wieder zurück in die Praxis zu bringen.

Auch in der Ärzteschaft gebe es Kollegen, die der Früherkennung von Krebs nicht die notwendige Bedeutung zumessen würden, räumte Baumann auf Nachfrage ein. Die Ursache dafür sieht er unter anderem darin, dass die Themen Prävention und Früher­kennung in der Ausbildung der Ärzte stark unterrepräsentiert seien. Auch an dieser Stelle müsse sich etwas ändern.

„Die Zeit ist reif für eine Vision Zero in der Onkologie, einen Paradigmenwechsel“, sagte Christof von Kalle, Chair des Berlin Institute of Health (BIH) an der Charité und Gründungsdirektor des BIH Charité Studienzentrums. „Wir müssen uns auf Gesell­schafts­ebene entscheiden, Krebstodesfälle nicht mehr akzeptabel zu finden – so wie es etwa in der Vergangenheit mit Unfällen und Todesfällen im Straßenverkehr der Fall war.“

Außerdem gelte es, Krebs als gemeinsames Problem – „und nicht die Schuld des Einzelnen“ – und Prävention als kosteneffektiv anzusehen. Bislang versuchen wir ein Problem, das die Hälfte der Menschen betrifft, mit einem Fünfzehntel der Gesund­heits­aufwendungen zu lösen“, so von Kalle. © nec/aerzteblatt.de

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