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Erhitzte Gemüter: Führt der Klimawandel zu mehr Gewalt?

Donnerstag, 27. Juni 2019

/7maru, stock.adobe.com

Berlin – Bei unangenehm hohen Temperaturen hupen Autofahrer länger, greifen Poli­zisten in Trainingssituationen häufiger zur Waffe, sinkt bei Verkäufern im Laden die Hilfsbereitschaft. Studien zeigen auf den ersten Blick ein eindeutiges Bild: Unter Hitze­stress zeigen sich Menschen feindseliger, unsozialer, reizbarer.

Auch in Deutschland dürfte sich an Hitze-Tagen wie gestern so manches sonst sanfte Gemüt zum Hitzkopf verwandelt haben. Kann das in Zeiten des Klimawandels Folgen für die Gesellschaft haben? Bringt er neben der erwarteten Zunahme an Hitzewellen auch Wellen der Gewalt?

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Es sei offensichtlich, dass schnelle Klimaerwärmung mehr Gelegenheiten für aggres­si­ve und gewalttätige Situationen schaffe. Das zumindest schreiben Autoren um den US-Gewaltforscher Craig Anderson (Iowa State University) in einer Studie von Feb­ruar. Seit Jahrzehnten beschäftigen sich amerikanische Experten mit dem Thema, lange, heiße und auch mit Gewalt einhergehende Sommer sind dort nichts Neues. Sie stellten entsprechende Experimente an und werteten Kriminalitätsraten nach Regio­nen und Jahren aus.

Dass Hitzestress zu einer Zunahme von Gewalt und Aggression führe, sei durch sol­che Studien belegt, schreibt Anderson im Fachblatt Current Climate Change Reports. Er führt unter anderem eine frühere Studie an, der zufolge mit jedem Grad Celsius Klimaerwärmung die Mordraten um sechs Prozent zunehmen könnten, Daten aus 60 Ländern lägen dem zugrunde. Für die USA sei eine Untersuchung zum Schluss ge­kommen, dass eine Temperaturzunahme von gut einem Grad Celsius zu 25.000 mehr Fällen von schweren bis hin zu tödlichen Angriffen führe.

Datenlage uneindeutig

Es muss aber nicht so kommen. Unter dem Strich sei die Datenlage uneindeutig, sagt der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick. Dass Hitze einen Effekt habe, sei unum­stritten. Für sich genommen sei dieser Effekt jedoch gering, man müsse immer in Wechselwirkungen denken, betont der Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld. Er nennt Hitze aber durchaus einen „Verstärker“ in bestimmten Stimmungslagen.

Was gemeint ist, hat sich in so manchem Berliner Schwimmbad in früheren Jahren ge­zeigt: Badegäste gerieten in Streit, die Gewalt drohte zu eskalieren, das Bad schloss vorzeitig. „Immer Hitze, immer Testosteron“, seien da zusammengekommen, sagte Sprecher Matthias Oloew. Und der „Gedrängefaktor“ spiele ein Rolle.

Wenn es in Brennpunktvierteln knallt, könnte auch das Wetter eine Rolle spielen: Da­ten der Berliner Senatsverwaltung für Umwelt zeigen, dass sich die Wärme besonders in Kiezen staut, wo sich ohnehin schon die sozialen Probleme ballen – und wo mehr als 600.000 Berliner leben. Es geht etwa um dicht bebaute Teile von Moabit, Wedding und Neukölln.

Realität ist komplexer als Studien

Kurz pralle Sonne an der roten Ampel etwa sollte aber nicht für Aggressionsschübe sorgen: Entscheidend seien stabil hohe Temperaturen über einen längeren Zeitraum, erläuterte Zick. Empfindet man das Klima als unangenehm, werde das auf das Umfeld übertragen. Das gelte aber nur bis zu einer gewissen Schwelle: Extreme Hitze hemme Aggression wieder eher – sie lähme schließlich.

Wissenschaftlern ist bewusst, dass Gewalt während Hitzephasen zumindest teils auch damit zusammenhängt, dass Menschen im Sommer mehr draußen sind und zum Bei­spiel Alkohol trinken. Schon dadurch entstehen mehr Streitgelegenheiten. Vielleicht sind die Menschen zudem auch noch unausgeschlafener, weil es zu heiß ist.

Aus psychologischer Sicht sind Gewalttaten während Hitzewellen keineswegs pro­gram­miert. „Ich halte nichts von diesen Prognosen zu mehr Morden durch Hitze“, sagte Ralph Schliewenz vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psycho­lo­gen. In Experimenten hätten Probanden oft allein durch das Studiendesign keine andere Option, als unter Hitzestress gewalttätig zu reagieren. Die Realität sei da komplexer. „Es gibt immer Möglichkeiten, damit umzugehen.“

Die Menschheitsgeschichte stimmt Schliewenz optimistisch: Menschen seien Prob­lem­­löser. „Wir werden lernen, wir werden uns anpassen.“ Der Psychologe verweist auch darauf, dass in allen Klimazonen Menschen lebten und unser Körper konstant eine Temperatur von 37 Grad Celsius halten könne, etwa durch vermehrtes Schwit­zen. „Kopf einschalten, denken, sich dem Problem stellen“, appelliert er.

In der Forschung in Deutschland rechnet Zick mit einem wachsenden Interesse an dem Thema – nun, da der Klimawandel und Hitzewellen auch hier mehr ins Blickfeld rückten. „Wahrscheinlich werden wir in Zukunft mehr Daten sehen, weil wir erst jetzt feststellen, dass diese Faktoren eine Rolle spielen.“

Bisher hätten Forscher den Klimafaktor eher belächelt. Kriminalitäts- und Klimadaten wurden nicht oder nur selten verknüpft. Die Frage, wie lange die Sonne zum Tatzeit­punkt schon vom Himmel knallte, schien unerheblich. Der Blick richtete sich eher auf Dinge wie Alter, Geschlecht und Einkommen des Täters.

US-Forscher Anderson blickt noch weiter. Er warnt, dass der Klimawandel Gewalt und Aggression auch indirekt anheize: indem er zum Beispiel zu mehr Umweltkatas­tro­phen und mehr Flüchtlingsbewegungen führe. Aber stellt sich die Frage nach mehr Gewalt überhaupt in alternden Gesellschaften wie der deutschen?

Senioren würden eher fitter und nicht zwangsläufig langsamer und weiser, schätzt Zick. Und spricht sich dafür aus, über eine freundlichere Gestaltung „enger Räume“ nachzudenken: Bahnhöfe etwa, an denen es gleichzeitig laut, voll und heiß werden kann. Damit man auch dort den kühlen Kopf bewahrt. © dpa/aerzteblatt.de

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