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Französische Behörde hält Wirksamkeit von Homöopathie für nicht nachweisbar

Freitag, 28. Juni 2019

Globuli in Flaschen /thomas.andri, stock.adobe.com
/thomas.andri, stock.adobe.com

Saint-Denis – Die französische Regierung könnte bald die Erstattung von Homöopa­thie durch die Krankenkassen streichen. Nach Einschätzung der Obersten Gesund­heits­behörde (HAS) des Landes ist homöopathische Arznei wissenschaftlich gesehen nicht ausreichend wirksam. Daher sei eine Erstattung nicht gerechtfertigt, teilte die Behörde heute in einer Stellungnahme mit.

Das französische Ge­sund­heits­mi­nis­terium hatte die Behörde zuvor mit der Prüfung beauftragt. Ge­sund­heits­mi­nis­terin Agnes Buzyn hatte wiederholt erklärt, dass sie dem Rat der HAS für die endgültige Entscheidung folgen wolle. Zwar habe nun erstmal die Hitzewelle Priorität, sagte sie gestern dem Sender France 2. Entscheidungen über die Streichung von Medikamenten könnten aber noch einige Tage oder Wochen nach der Stellungnahme der HAS getroffen werden.

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Die HAS hat nach eigenen Angaben neun Monate lang fast 1.200 homöopathische Arzneimittel untersucht und mehr als 1.000 wissenschaftliche Publikationen analysiert. Am Ende kam die Behörde zu dem Ergebnis, dass eine Wirksamkeit nicht nachgewie­sen werden kann. Die HAS betonte außerdem, dass die Anwendung der Homöopathie bei schwerwiegenden fortschreitenden Krankheiten die medizinisch notwendige Be­hand­lung nicht verzögern darf.

Kritik aus Deutschland

Auch die Homöopathiekritikerin und Ärztin Natalie Grams zweifelt öffentlich die Wir­kung homöopathischer Arzneimittel immer wieder an. Wegen ihrer Aussage in einem Interview „Wirken Homöopathika? Nicht über den Placebo-Effekt hinaus“ erhielt sie dieses Jahr eine Unterlassungserklärung der Firma Hevert. Der Hersteller homöopa­thi­scher Arzneimittel fordert für jede Zuwiderhandlung 5.100 Euro von Grams.

In Deutschland wehren sich zudem der Bundesverband homöopathischer Ärzte und der Verband klassischer Homöopathen gegen Homöopathie-kritische Stimmen. Im März reichten sie eine Beschwerde beim Deutschen Presserat ein wegen eines Bei­trags in der TAZDas weiße Nichts“.

Unter anderem bemängeln sie darin, dass die Aussage „Studien widerlegen Wirksam­keit“ unzutreffend sei. Es lägen zahlreiche positive Studiendaten vor, heißt es in dem Beschwerdebrief, der dazu auf diverse Quellen verweist.

Der abschließende Urteil des Rechtsstreits steht noch aus. Der Presserat hat sich aber bereits eine Meinung gebildet: Die Beschwerde wurde „als unbegründet bewer­tet“, twittert der Autor des TAZ-Beitrags Bernd Kramer.

Randnotiz: Globukalypse Now!

Wirken Homöopathika? „Nicht über den Placeboeffekt hinaus.“ Wer es wagt, diese Aussage zu tätigen, dem könnte eine Unterlassungserklärung der Firma Hevert, einem Hersteller homöopathischer Arzneimittel, drohen. Für jede Zuwiderhandlung soll die Ärztin Dr. med. Natalie Grams, die diese Worte in einem Zeitungsinterview sagte, 5 100 Euro bezahlen. Auch der Journalist Bernd Kramer erhielt Post eines

In Deutschland wird immer wieder über die Homöopathie gestritten und darüber, ob die Allgemeinheit die Kosten für eine solche Behandlung tragen muss. Hierzulande ist Homöopathie zwar kein Bestandteil des gesetzlichen Leistungskatalogs der Kranken­kassen. Allerdings erstatten viele Kassen ihren Versicherten die Behandlungskosten, weil es eine entsprechende Nachfrage gibt.

Grüne bereiten Antrag gegen Bevorteilung der Homöopathie vor

Eine Basisgruppe von Mitgliedern der Grünen bereitet derzeit einen Antrag zur Homö­opa­thie vor, der bei der Bundesdelegiertenkonferenz (BDK) im November vorgestellt werden soll.

Einer der Antragssteller, Tim Niclas Demisch, teilt auf Twitter mit, man wolle ein Zei­chen gegen die derzeitige Bevorteilung der Homöopathie und für eine bessere Auf­klärung bei dem Thema setzen.

Das Antragsziel solle unter anderem sein, „die derzeitige Registrierung von Homöopathika als Arzneimittel durch eine Zulassung wie bei Medikamenten mit pharmazeutischen Wirkstoffen zu ersetzen und die Erstattung nicht-evidenzbasierter Behandlungsmethoden durch die Krankenkassen zu beenden“. Demisch teilte dem Deutschen Ärzteblatt mit, dass bereits mehr als 110 weitere Mitglieder der Partei ihm gegenüber ihre Bereitschaft zur Unterstützung eines solchen Antrags erklärt hätten. © gie/dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #88255
doc.nemo
am Dienstag, 2. Juli 2019, 08:36

Keine weiteren Studien, bitte!

Es braucht definitiv keine weiteren Studien zur Homöopathie, wie Practicus und Weymayr bereits dargelegt haben. Der Placeboeffekt wird von uns Homöopathiekritikern ja nicht bestritten, aber auf ihm eine in sich geschlossene Heilslehre aufbauen zu wollen, ist nicht akzeptabel. Sowohl die medizinisch unsinnige homöopathische Anamnese als auch die Pseudoindividualisierung auf der Basis der Materia medica suggerieren den Patienten, dass sie mit pharmakologisch wirksamen Substanzen behandelt würden. Dabei ist in Arnica C30 dasselbe drin wie in Arsenicum C30, ganz egal, wie viel Mühe man sich bei der Anamnese oder der Repertorisierung gemacht hat. Den Patienten wissentlich ein Placebo unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, nämlich der angeblich wirksamen Theorie der Homöopathie zu verabreichen, ist ethisch fragwürdig. Noch schlimmer wird es, wenn Arzt und Apotheker selbst an Hahnemanns unhaltbare Theorien glauben, die seinerzeit schon als rückständig galten. Das anerkannte pharmakologische Studiendesign zugunsten der „Besonderheiten“ der Homöopathie aufweichen zu wollen, würde ein falsches Zeichen setzen. Schließlich käme auch kein Astronom auf die Idee, mit seinen Teleskopen und Satelliten die Richtigkeit der Astrologie beweisen zu wollen.
Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 1. Juli 2019, 23:44

Probleme bei Studien zur Homöopathie

Die Studien zur Homöopathie haben nach meiner Einschätzung mit zwei Problemen zu kämpfen. Erstens fokussieren sich die Verfechter der Homöopathie auf das Wirkprinzip der Potenzierung durch Verdünnung. Aber die Homöopathie besteht nicht nur aus den homöopathischen Arzneimitteln, sonder auch aus der homöopathischen Anamnese und der individualisierten Auswahl der Wirkstoffe. Das ganze Gedankengebäude der Homöopathie ist wissenschaftlicher Unfug. Dagegen sind die Zuwendung, das Ritual und die Trainingseffekte durch die wiederholte Gabe der Globuli sehr wohl real. Das Ritual der Homöopathie beruht im Wesentlich auf dem Placeboeffekt, wird aber durch Zuwendung und Trainingseffekte verstärkt. Dadurch ist eine klinische Wirkung sehr wohl nachweisbar, und sie ist stärker als bei anderen Ritualen, die ohne diese Trainingseffekte auskommen müssen. Das heißt aber auch, das Ritual kann nicht verblindet werden, Studien zur Homöopathie haben immer das Ritual als wirksame Komponente und können nur zwischen unterschiedlichen Globuli („Verum“ oder Kontrolle) differenzieren.

Das zweite Problem besteht im grundlegenden Studiendesign. Eine randomisierte doppelverblindete Studie wird als höchste Form einer Studie gewertet. Dieses Studiendesign hilft, unterschwellige Manipulationen des Untersuchers zu verhindern. Dies ist im Normalfall ausreichend, selbst wenn eine einzelne Hypothese nicht funktioniert, so hat dies keinen Einfluss auf das Weltbild des Untersuchers. Anders ist es bei Studien, welche versuchen, die Wirksamkeit der Homöopathie zu beweisen. Aufgrund des komplexen Rituals sollten diese Studien durch Anhänger der Homöopathie durchgeführt werden. Allerdings hängt oft genug das Weltbild dieser Personen am Ausgang der Studie und das Interesse an einem konkreten Ausgang ist nicht nur unterschwellig, sondern es besteht ein ernsthafter Interessenskonflikt. Gerade die hochwertigen Studien, welche die Unwirksamkeit der Globuli beweisen (mit Betonung auf Globuli, nicht auf dem Ritual), haben meist eine Besonderheit: Die Verblindung und Randomisierung lag bei diesen Studien nicht in den Händen der Homöopathen, sondern in den Händen unabhängiger Personen.

Die Homöopathie verspricht eine individualisierte Therapie. Am Anfang steht deshalb immer die homöopathische Anamnese. Wenn man also Patienten mit gleichen „Wirkstoffen“ für die Globuli in Gruppen zusammenfassen möchte, kann die Randomisierung erst nach dieser Anamnese erfolgen. Ohne externe Kontrolle ist es aber ein Leichtes mit etwas Menschenkenntnis die „Gläubigen“ in die Verumgruppe zu nehmen und die „Skeptiker“ in die Kontrollgruppe zu nehmen. Im Endeffekt hätte man automatisch einen stärkeren Effekt in der Verumgruppe, weil sich „Gläubige“ stärker durch das Ritual beeinflussen lassen. Wenn es also neue Studien zur Hömöopathie geben sollte, dann unbedingt mit einer externen Kontrolle des Studiendesigns, insbesondere der Randomisierung und der Verblindung.
Avatar #2443
Weymayr
am Sonntag, 30. Juni 2019, 12:53

Klinische Studien irreführend

Ich stimme Practicus zu.
Man könnte es auch auf die praktische Forderung herunterbrechen: Nur wenn Verum und Placebo unterscheidbar sind, können klinische Studien sinnvoll sein. Falls Verum und Placebo nicht unterscheidbar sind, können klinische Studien nicht sinnvoll sein.
Das bedeutet auch: Da klinische Studien per se fehleranfällig sind, sind die positiven Studien-Ergebnisse, auf die sich Homöopathen immer wieder berufen, irreführend. Klinische Studien zur Wirksamkeit homöopathischer "Arzneimittel" sind deshalb nicht nur Geldverschwendung, sondern sie sind auch kontraproduktiv.
Avatar #79783
Practicus
am Sonntag, 30. Juni 2019, 00:24

Bitte nicht wieder nach "mehr Forschung" rufen!

Jegliche Verwendung von Geldern für weitere Forschung zu Homöpathie ist Verschwendung, bis die Homöopathen wenigstens eine plausible Erklärung für die Effekte der Potenzierung vorlegen, die nicht im Widerspruch zu gesicherten Erkenntnissen der Wissenschaft steht
LNS

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