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Medizin

Androgendeprivation bei Patienten mit Prostatakrebs könnte Demenzen fördern

Freitag, 5. Juli 2019

/Sebastian Kaulitzki, stockadobecom

Philadelphia – Männer, bei denen im Rahmen der Therapie eines fortgeschrittenen Prostatakarzinoms eine Androgendeprivation durchgeführt wurde, erkrankten in den Folgejahren häufiger an einem Morbus Alzheimer oder einer anderen Demenz. Dies kam in einer Analyse des US-Krebsregisters SEERS in JAMA Network Open (2019; doi: 10.1001/jamanetworkopen.2019) heraus.

Die Androgendeprivation entzieht dem Prostatakarzinom seinen wichtigsten Wachstumsfaktor, was im fortgeschrittenen Stadium die Überlebenszeiten des Patienten verlängert. Der durch die Behandlung ausgelöste absolute Testosteronmangel hat jedoch negative Folgen für die Gesundheit, zu denen kognitive Störungen gehören könnten. Die Androgendeprivation steht deshalb im Verdacht, die Entwicklung einer Demenz zu begünstigen.  

Ravishankar Jayadevappa von der Perelman School of Medicine in Philadelphia und Mitarbeiter haben hierzu die Daten des US-Krebsregisters SEERS („Surveillance, Epidemiology, and End Results“) ausgewertet. Die Analyse ist auf 154.089 Medicare-Begünstigte mit Prostatakarzinom beschränkt, für die die Behandlung kostenlos ist.

Bei 62.330 Männern wurde innerhalb von 2 Jahren nach der Diagnose eine Androgendeprivation durchgeführt. Jayadevappa verglich die Daten mit den übrigen 91.759 Patienten ohne Androgendeprivation. Während einer Nachbeobachtungszeit von 8,3 Jahren erkrankten 27.974 Patienten an einer Demenz und 16.755 an einem Morbus Alzheimer, was angesichts des Durchschnittsalters der Patienten von etwa 75 Jahren nicht ganz ungewöhnlich ist.

Klinisch relevanter Anstieg von Morbus Alzheimer und Demenzen

Der Vergleich der beiden Gruppen ergab, dass die Patienten, bei denen eine Androgendeprivation durchgeführt wurde, häufiger erkrankt waren. Die Diagnose einer Alzheimer-Krankheit wurde bei 13,1 % gegenüber 9,4 % der Patienten ohne Androgendeprivation gestellt. Der Unterschied von 3,7 Prozentpunkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 3,3 bis 3,9 % signifikant. Jayadevappa ermittelt in einer Propensity-Analyse, die nur Teilnehmer mit gleichen Eigenschaften vergleicht (und damit Verzerrungen vermeidet), eine Hazard Ratio von 1,14 (1,10 bis 1,18).

Demenzen traten bei 21,6 % der Patienten mit Androgendeprivation auf gegenüber 15,8 % der Patienten ohne Androgendeprivation, was eine Differenz von 5,8 % (5,4 bis 6,2 %) ergibt. Die Hazard Ratio betrug in der Propensity-Analyse 1,20 (1,17 bis 1,24).

Die Ergebnisse waren damit statistisch signifikant und angesichts einer Number Needed to Harm von 18 (17 bis 19) Patienten, auf die einer kam, der infolge der Behandlung zusätzlich an einem Morbus Alzheimer erkrankte, auch klinisch relevant. Die Number Needed to Harm für die Demenzen war mit 10 (9,5 bis 11 Patienten) noch ungünstiger.

Die Studie kann trotz einer Dosis-Wirkungsbeziehung nicht endgültig beweisen, dass der Testosteronentzug für die Demenz und Morbus Alzheimer verantwortlich ist. Sollte sich der Verdacht jedoch bestätigen, dürfte sich für die betroffenen Patienten kaum etwas ändern. Zu dem Androgenentzug gibt es derzeit kaum eine Alternative.

Interessant wäre, ob die Art des Androgenentzugs einen Einfluss auf das Risiko hat. Früher wurde die Behandlung chirurgisch durch die Entfernung der Hoden durchgeführt. Heute wird in der Regel einer medikamentösen Therapie der Vorzug gegeben. © rme/aerzteblatt.de

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