NewsPolitikHälfte der Patienten zweifelt am Sinn planbarer Eingriffe
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Hälfte der Patienten zweifelt am Sinn planbarer Eingriffe

Donnerstag, 4. Juli 2019

/Syda Productions, stockadobecom

Berlin – Bei planbaren medizinischen Eingriffen zweifelt die Hälfte der Patienten am Sinn der Operation. Allerdings holt sich nur ein Viertel der Menschen wirklich die zwei­te Meinung eines Arztes ein. Das geht aus einer Umfrage der Barmer hervor, die im März 2019 als Onlinebefragung durchgeführt wurde. Die Ergebnisse liegen dem Deutschen Ärzteblatt vor.

Demnach würden 65 Prozent der Befragten eine Zweitmeinung einholen, wenn bei ihnen ein planbarer medizinischer Eingriff bevorstehen würde. Vor allem 72 Prozent der Menschen zwischen 40 und 49 Jahren gaben an, dass sie eine Zweitmeinung wünschen.

Anzeige

Junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren gaben mit nur 58 Prozent an, an einer zweiten Meinung interessiert zu sein. Sie waren in der Befragung am wenigsten kri­tisch gegenüber der Arztdiagnose eingestellt.

Das Recht auf eine zweite Meinung ist im Sozialgesetzbuch V seit 2015 enthalten. Der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) hatte eine entsprechende Richtlinie im De­zem­ber 2018 erlassen. Auf Basis der Richtlinie gibt es bislang zwei Eingriffe – Man­del­­operati­onen (Tonsillotomien) sowie Gebärmutterentfernungen (Hysterektomien) – für die der G-BA die Art und Leistungsumfang der Zweitmeinung beschlossen hat.

Unsicherheit Hauptgrund für Zweitmeinung

Der Hauptgrund, warum Patienten sich eine zweite Meinung eines anderen Arztes ein­geholt haben, war mit 56 Prozent die Unsicherheit darüber, ob der Eingriff nötig ist. 30 Prozent der Befragten fühlten sich unzureichend informiert über alternative Behand­lungs­mög­lich­keiten. Ebenso gaben die Befragten an, dass sie sich nicht sicher fühlten, ob die gestellte Diagnose richtig war und wie hoch die Risiken seien.

Auf die Frage, wie der Arzt für eine zweite Meinung gefunden wurde, geben 35 Pro­zent die Empfehlung eines Arztes an, 34 Prozent die Empfehlungen, die sie von Freun­den und der Familie bekommen. 17 Prozent suchten im Internet, 15 Prozent fragten bei der Krankenkasse nach. Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) bietet eine Übersicht zu Ärztinnen und Ärzten an, die Zweitmeinungen anbieten.

Von den Befragten, die keine Zweitmeinung eingeholt haben, erklärten 67 Prozent, sie hätten keinen Zweifel an der Notwendigkeit des Eingriffs gehabt. 55 Prozent fühlten sich durch ihren Arzt ausreichend aufgeklärt. Nur acht Prozent gaben an, sie hätten sich im Internet über den Eingriff informiert.

Bei den eingeholten Zweitmeinungen wurde die Diagnose in 72 Prozent der Fälle be­stätigt. In acht Prozent der Fälle wurde eine andere Diagnose gestellt. 21 Prozent der Befragten gab an, dass die Therapieempfehlung des ersten Arztes bestätigt wurde, 17 Prozent sagten, dass sie eine andere Therapieempfehlung erhielten. Die Menschen, die zwei Meinungen eingefordert haben, folgen den Daten der Umfrage zufolge dem alternativen Therapievorschlag.

Straub sieht Informationsdefizit

„Wir haben ein Informationsdefizit in Deutschland, was Operationen angeht. Wissens- und Informationslücken dürfen nicht dazu beitragen, dass unnötige Eingriffe vorge­­nom­men werden“, sagte Christoph Straub, Vorstandsvorsitzender der Barmer.

Auch Krankenkassen ist es erlaubt, zusätzliche Verträge für Zweitmeinungsverfahren bei einzelnen Indikationen abzuschließen. Nach eigenen Angaben hat die Barmer Ver­träge für geplante Rücken-, Knie- und Hüftoperationen.

Dabei setze die Kasse auf ein Angebot aus einem Netzwerk von Fachärzten und Phy­siotherapeuten, die mit konservativen Therapien Operationen vermeiden können. Nach einer Auswertung der Kasse sei dies bei Kniearthrose in 89 Prozent der Fälle gelungen, bei Hüftarthrose zu 73 Prozent. © bee/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #42795
wima1711
am Dienstag, 9. Juli 2019, 13:37

Selbstbestimmung heiß auch Eigenverantwortung

Der gesetzliche Anspruch auf Zweitmeinung will das Recht des Patienten auf Selbstbestimmung bei medizinischer Behandlung bewusst machen und stärken. Zugleich impliziert das aber, dass Bürger bewusster und verstärkt Eigenverantwortung für ihre Gesundheit und für ihr Leben tragen müssen. Ein Faktum, das nicht nur bei Operationen Auswirkungen zeigt, sondern besonders in der Geriatrie positive Folgen haben wird.

Voraussetzung ist allerdings, dass Patienten ein solches Verhalten rechtzeitig erlernt und geübt haben. Deshalb mein Vorschlag: „Patientenverfügung neu denken“.

Die Patientenverfügung ist ein wichtiges Vorsorgedokument. Sowohl für junge Menschen, die durch einen Unfall oder eine schwere Krankheit plötzlich in die Situation kommen können ihren Willen nicht mehr äußern zu können. Aber auch für Betagte die nicht wollen, dass ihr Lebensabend künstlich verlängert wird, wenn sie an den Folgen von chronischen Krankheiten leiden, einen Schlaganfall durchmachen oder an Demenz erkranken.

Nur ein sehr geringer Anteil von Patientenverfügungen, die junge Menschen errichten, wird in naher und mittlerer Zukunft zum Tragen kommen. Bei einem etwas größeren Anteil dauert es dann Jahrzehnte bis das Dokument wirksam wird (Demenz im Alter). Im größten Teil der Fälle wird der Text aber nie zu einer rechtswirksamen Patientenverfügung werden.

Deshalb sollte eine Patientenverfügung nicht als starres Dokument gesehen werden, sondern als ein dynamischer Prozess. Die Entwicklung beginnt mit einem ersten Text und wird in der Folge von der Biografie des Verfügenden beeinflusst (deshalb ist eine Patientenverfügung regelmäßig zu aktualisieren und zu erneuern, das BMJV.de empfiehlt z.B. einmal jährlich). Der Entwicklungsprozess wird erst beendet sein, wenn das Dokument in seiner Letztfassung tatsächlich zum Einsatz kommen wird, weil der Verfügende – nunmehr als Patient – seinen Willen nicht mehr äußern kann – und das kann auch Jahre oder Jahrzehnte dauern.

Die Patientenverfügung sollte zu dem gemacht werden, was sie eigentlich sein muss – ein dynamisches Instrument, das dem Verfügenden hilft sein Recht auf Selbstbestimmung zu erkennen. Sie soll ihn auf dem Weg begleiten wenn er es bei jeglicher medizinischen Behandlung wahrnimmt.

Die im Patientenratgeber "Pflegefall? Nein, Danke! Mit der Patientenverfügung selbst entscheiden" (Facultas-Maudrich Verlag) beschriebene online-Anwendung PFLEGEFALLTOOL ist die Ergänzung zu jeder Patientenverfügung und unterstützt den zuvor beschriebenen Entwicklungsprozess.
LNS

Nachrichten zum Thema

28. März 2019
Berlin – Das Gesamtüberleben von Darmkrebspatienten an zertifizierten Darmkrebszentren ist deutlich höher als an nicht zertifizierten Zentren. Dies hat Thomas Seufferlein, Vizepräsident der Deutschen
Krebspatienten werden in zertifizierten Zentren besser versorgt
2. Januar 2019
Köln – Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) unterstützt Patienten bei der Entscheidung über bestimmte, nicht eilige Operationen mit sechs neuen
Ärzte können im Zweitmeinungsverfahren auf neue Entscheidungshilfen zurückgreifen
19. Dezember 2018
Berlin – Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Deutsche Krankenhausgesellschaft und GKV-Spitzenverband haben sich im ergänzten Bewertungsausschuss darauf verständigt, welche Leistungen Ärzte beim
Höhe der Vergütung für Zweitmeinungsverfahren steht fest
10. Dezember 2018
Berlin – Zu ärztlichen Zweitmeinungen im Vorfeld von empfohlenen Operation sind die Verfahrensregeln des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses (G-BA) in Kraft getreten. Darauf hat der G-BA jetzt hingewiesen.
Regelungen für ärztliche Zweitmeinungen in Kraft getreten
2. November 2018
Berlin – Anlässlich ihres zehnjährigen Bestehens haben die Mitglieder der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) angekündigt, die Qualitätssicherung in ihren Krankenhäusern weiterentwickeln zu wollen, zum
Qualitätssicherung: IQM-Kliniken wollen Risikoadjustierung einführen
12. Oktober 2018
Heidelberg – Versicherte von Betriebskrankenkassen mit einer Krebsdiagnose können künftig am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) in Heidelberg eine zweite Meinung zu ihren
Neuer Vertrag in Heidelberg zur Zweitmeinung nach Krebsdiagnose
26. Januar 2018
Frankfurt – Bei der Betreuung von Patienten mit einem Hodentumor bewährt es sich, eine qualifizierte und unabhängige Zweitmeinung eines Experten einzuholen. Das berichten die Deutsche Gesellschaft für
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER