NewsVermischtesMehr Expertise bei neuer Drogenbeauftragten gewünscht
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Mehr Expertise bei neuer Drogenbeauftragten gewünscht

Freitag, 5. Juli 2019

/Paul Paladin, stock.adobe.com

Berlin – Die Herausgeber des 6. Alternativen Sucht- und Drogenberichts 2019 haben heute vor der Presse die Arbeit der kürzlich aus dem Amt geschiedenen Drogenbeauf­tragten der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), kritisiert. Sie wurde in das Euro­parlament gewählt.

„Einerseits hat Frau Mortler sehr laxe Präventionsstrategien in Bezug auf die legalen Drogen Alkohol und Tabak betrieben, denn Deutschland ist weiterhin Hochkonsum­land – andererseits werden Konsumenten illegaler Drogen massiv strafverfolgt und krimi­nalisiert“, kritisierte Heino Stöver, Direktor des Instituts für Suchtforschung an der Frankfurt University of Applied Sciences.

Anzeige

Stöver berichtete von einem „Allzeithoch an konsumnahen Delikten“, also Erwerb, Be­sitz und Weitergabe von illegalen Substanzen mit Mengen zum Eigenbedarf. 200.000 Fälle im Jahr 2018 ständen allein im Zusammenhang mit dem Besitz von Cannabis.

„Die meisten dieser Fälle werden wieder eingestellt. Die Strafverfolgung beansprucht unnötige Personalressourcen und stigmatisiert die Konsumenten statt ihnen zu hel­fen“, erklärte Stöver. Er ist auch Vorstandsvorsitzender von Akzept, dem Bundesver­band für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik. Gemeinsam mit der Deutschen Aidshilfe gibt Akzept den jährlichen alternativen Sucht- und Drogenbericht heraus.

Vorwurf der Konzeptlosigkeit

Bisher habe die Drogenbeauftragte „sehr konzeptlos“ agiert, so Stöver. Für die Nach­fol­ge wünschten sich die alternativen Beobachter jemandem, der mehr Expertise mit­bringe. Besser sei eine parteiunabhängige Kommission nach Schweizer Vorbild. Da dies wahrscheinlich nicht so schnell umsetzbar sei, solle der neue Drogenbeauftragte mit einem Nationalen Sucht- und Drogenbeirat zusammenarbeiten, in dem alle fach­lich relevanten Gruppen vertreten seien.

Auf einen Anstieg der Drogentodesfälle um 40 Prozent seit 2010 wies Dirk Schäffer von der Deutschen Aidshilfe hin. Im vergangenen Jahr sind laut Drogen- und Suchtbe­richt der Bundesregierung 1.276 Menschen aufgrund von Drogenkonsum gestorben. „Mithilfe von Drug-Checking, dem Notfallmedikament Naloxon und Drogenkonsum­räumen hätten viele Todesfälle vermieden werden können“, erklärte Schäffer. Diese Maßnahmen seien einfach, wirksam und nicht teuer ­– „aber bundespolitisch nicht gewollt“, glaubt der Drogenreferent der Deutschen Aidshilfe.

So sei Drug-Checking, also der Schnelltest auf Dosierung und Reinheit von Drogen­inhaltsstoffen, in Deutschland nicht erlaubt, berichtete Bernd Werse, Vorstandsmitglied der European Society for Social Drug Research, Goethe-Universität Frankfurt.

„Solche Schnelltests sind gerade in der Club- und Partyszene sehr sinnvoll, um Todes­fälle zu vermeiden“, sagte Werse. Außerdem erreiche man mit einem solchen Angebot der Drogenhilfe die Konsumenten auch um sie über die Gefahren von Drogen aufzu­klä­ren. In Berlin will die rot-rot-grünen Landesregierung gerade eine offizielle Drogen-Check-Stelle einzurichten, um Party-Gänger zu schützen.

Den Einsatz des Notfallmedikaments Naloxon als Nasenspray bei Opioid-Überdosie­run­gen hat die scheidende Drogenbeauftragte unterstützt. In Bayern läuft dazu ein Modellprojekt, dessen Ergebnisse Mortler abwarten wollte, um eventuell einen bun­des­weiten Einsatz zu empfehlen.

Drogenkonsumräume gibt es nach Angaben der Deutschen Aidshilfe nur in sieben von 16 Bundesländern. Diese Einrichtungen, die die Ausstattung für einen risikominimie­renden, meist intravenösen Konsum von Heroin bereitstellen, „helfen Leben retten“, betonte Schäffer. „Der Bund, also auch die oder der kommende Drogenbeauftragte, sollte dafür bei den Ländern werben“, forderte er. © PB/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

1. Juli 2020
Berlin – Die Coronakrise hat telemedizinische Anwendungen verstärkt in den Blick gerückt. Auch in der Suchttherapie gewinnen Möglichkeiten der kontaktlosen Behandlung zunehmend an Bedeutung, wenn auch
Suchtmedizin: Kontaktlos die Therapietreue erfassen
25. Juni 2020
Wien – Die Vereinten Nationen (UNO) rechnen wegen der Coronakrise mit einer Zunahme des weltweiten Drogenkonsums. Von steigenden Arbeitslosenzahlen bis hin zu Einsparungen bei Präventionsprogrammen
UNO rechnet mit Zunahme des weltweiten Drogenkonsums
12. Juni 2020
Berlin – Durch die geplant Mehrwertsteuerabsenkung der Bundesregierung spart die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) Millionen. Ärger gibt es aber nach wie vor um Alkohol und Tabak. Die Senkung der
Mehrwertsteuersenkung: Einsparung für Kassen, Ärger um Alkohol
9. Juni 2020
Berlin – Ob durch Alkohol oder Zigaretten, das Internet oder Videospiele: Jugendliche sind heute verschiedenen Suchtgefahren ausgesetzt. Suchtprävention muss auch digital stattfinden. Mit einer
App soll Jugendlichen bei Süchten helfen
5. Juni 2020
Kilchberg – In Europa nehmen immer mehr Menschen Opioide gegen Schmerzen bei Rheuma ein. Darauf hat die europäische Rheumaliga „The European League Against Rheumatism“ (EULAR) hingewiesen. Demnach
Europäische Rheumaliga warnt vor Suchtgefahren durch Opioide
2. Juni 2020
Hannover – Für Raucher besteht nach Angaben der Ärzteschaft ein größeres Risiko für einen schweren Verlauf im Fall einer COVID-19-Erkrankung. In Zeiten der Pandemie sei „jetzt der richtige Zeitpunkt,
Pandemie richtiger Zeitpunkt zum Rauchverzicht
29. Mai 2020
Berlin – Jugendliche sollen erstmals mit einer Kampagne in den sozialen Medien über die gesundheitlichen Risiken des Marihuanakonsums aufgeklärt werden. Die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER