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Medizin

Tetraplegie: Nerventransfer kann Handfunktion und Ellenbogenstreckung wieder herstellen

Freitag, 5. Juli 2019

Nahaufnahme eines Modells der Brustwirbelsäule. /Teeradej AdobeStock.com
Beim Nerventransfer wurden noch funktionsfähige Nerven umgeleitet, um gelähmte Muskeln wieder beweglich zu machen. Voraussetzung für den Eingriff ist, dass die Verletzung auf der Ebene C5, besser noch C6 oder darunter liegt. /Teeradej AdobeStock.com

Melbourne – Ein Nerventransfer, der gelähmte Muskeln mit dem Gehirn verbindet, kann nach einer Tetraplegie die Beweglichkeit von Hand und Ellenbogen teilweise wieder herstellen, wie eine prospektive Fallserie im Lancet (2019; doi: 10.1016/S0140-6736(19)31143-2) zeigt. Die Operation gelang jedoch nicht immer.

Rückenmarkverletzungen im Zervikalbereich führen häufig zu einer Lähmung der Muskeln, die Unterarm und Hand bewegen. Die schwersten Einschränkungen der Lebensqualität ergeben sich aus dem Verlust der Handfunktion. Ein Teil der Beweg­lichkeit kann durch die Verlegung von Sehnen wieder hergestellt werden. Die Operationen sind jedoch schwierig und die erzielten Ergebnisse rechtfertigen häufig den Aufwand nicht.

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Eine weitere Möglichkeit besteht in einem Nerventransfer. Dabei werden die gelähmten Muskeln mit motorischen Nerven verbunden, die oberhalb der Querschnittlähmung aus dem Rückenmark treten. Dies setzt voraus, dass sich die Verletzung auf der Ebene C5, besser noch C6 oder darunter befindet. In diesem Fall können Äste von Nerven, die auf Höhe von C4 (oder C5) austreten, mit Muskeln verbunden werden, die normalerweise von tieferen Zervikalnerven versorgt werden.

Plastische Chirurgen von Austin Health, einer Klinik in Melbourne, haben die Operation in den letzten Jahren bei 16 Patienten durchgeführt, von denen 13 nach 24 Monaten nachuntersucht werden konnten.

Die Patienten waren mit im Mittel 27 Jahren noch relativ jung und hatten zumeist bei Motorrad- oder Sportunfällen eine Lähmung auf der Höhe von C5 bis C7 erlitten. Bei den 16 Patienten wurden insgesamt 59 Nerventransfers durchgeführt. Bei 10 Teilnehmern wurden sie mit einer Sehnenverlegung kombiniert.

Umgeleitete Nerven ermöglichen Bewegung

Bei einem häufigen Nerventransfer wurden Nerven, die normalerweise den M. teres minor innervieren, mit dem M. triceps verbunden. Das Ziel war hier eine Streckung im Ellbogengelenk. In einer anderen Operation wurden die Signale, die normalerweise den M. supinator erreichen, auf den N. interosseus posterior umgeleitet, der einen großen Teil der Extensoren des Unterarms versorgt. Damit kann der Patient dann die Hand öffnen. Damit er die Hand wieder schließen kann, wurden andere Nerven auf den N. interosseus anterior umgeleitet, der verschiedene Flexoren innerviert.

/youtube, TheLancetTV

Grundsätzlich seien die Nerventransplantate einfacher durchzuführen als die Verlegung von Sehnen, berichten Natasha van Zyl und Mitarbeiter. Die transferierten Nerven könnten mehr als einen Muskel gleichzeitig versorgen, und die Erholungszeit für die Patienten nach der Operation sei in der Regel kürzer. Die Sehnenverlegung sei technisch schwieriger und riskanter, da es bei der Operation leicht zu einer Beschä­digung durch Überdehnung komme. Dafür sind die Sehnen nach der Verheilung der Operationswunden sofort einsatzbereit. Die Ergebnisse einer Nerventransplantation würden erst nach einigen Wochen und Monaten sichtbar, da zunächst neue Axone in die Leitschienen einwachsen müssen. Die Nervenverbindungen würden dann allerdings natürlichere Bewegungen ermöglichen, während die Kraftübertragung bei der Sehnenverlegung größer sei.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Zwei Jahre nach der Operation (und nach einer intensiven Physiotherapie) hatte sich bei den meisten Patienten die aktive Beweglichkeit der Hand deutlich verbessert. Im „Action Research Arm“-Test, der die motorischen Funktionen von Arm, Hand und Fingern bewertet, kam es zu einer Verbesserung der mittleren Gesamtpunktzahl auf 34,0 Punkte gegenüber 16,5 Punkten vor der Operation. Im „Grasp and Release“-Test verbesserten sich die Teilnehmer von 35 auf 125,2 Punkte. Auch in der „Spinal Cord Independence Measure“, die die Selbstständigkeit der Patienten bewertet, wurden leichte Verbesserungen registriert. Sie betrafen vor allem die Fähigkeit der Patienten, sich im Zimmer und auf der Toilette zurechtzufinden.

Die Kraft der Muskeln verbesserte sich im M. triceps auf MRC-Grad 3 (MRC steht für „Medical Research Council“) und in den Extensoren der Finger auf MRC-Grad 4 (von fünf möglichen MRC-Graden). Die mittlere Griffstärke betrug nach 24 Monaten bei Teilnehmern mit distalen Nerventransfers 3,2 kg, bei Teilnehmern mit proximalen Nerventransfers 2,8 kg und nach einer Sehnenverlegung 3,9 kg.

Wenige Patienten klagen über Verschlechterung nach der OP

Die Operationen gelangen jedoch nicht immer. Nach 4 Nerventransfers lag der MRC-Grad nach 24 Monaten bei 0 oder 1. Bei allen Patienten hatte laut Zyl nach dem Unfall zunächst eine Lähmung auf C4 vorgelegen, die später auf C5 revidiert wurde. Bei 2 Patienten kam es nach der Operation sogar zu einer Verschlechterung der Kraft im Handgelenk und 2 klagten nach der Operation über Ausfälle in der Sensibilität. Die Nebenwirkungen hätten sich für die Patienten jedoch nicht nachteilig auf die Alltagsaktivität ausgewirkt, versichert Zyl.

Eine Befragung ergab, dass die meisten Patienten mit den Ergebnissen zufrieden waren, keiner bedauerte die Operation und alle würden sie selbst noch einmal bei sich durchführen lassen und sie anderen Tetraplegikern empfehlen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #760811
krueppel66
am Freitag, 5. Juli 2019, 22:17

Ein langer Weg..............

Willen,Disziplin und ein Lich am Ende des Tunnels für betroffene. Genau dazu ist Forschung,Neugier und das verlassen von Altem da.
Hätte ich auch gern......aber als Kassenpatient......tztztz
Lg aus Steinhude
Ralf Zioerjen
LNS

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