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Medizin

Russischer Wissenschaftler plant geneditierte Babys

Freitag, 5. Juli 2019

DNA wird mit Pinzette bearbeitet. /vchalup, stock.adobe.com
/vchalup, stock.adobe.com

Moskau – Nach den umstrittenen Keimbahneingriffen des Chinesen He Jiankui hat ein zweiter Wissenschaftler angekündigt, er wolle genetisch veränderte Babys zur Welt bringen lassen. Dem Magazin New Scientist sagte der Genetiker Denis Rebrikov aus Moskau, für die Genomeditierung habe er 5 Elternpaare identifiziert, die an einer genetisch bedingten Gehörlosigkeit litten. Ob die russischen Behörden den Keimbahneingriff genehmigen, bleibt abzuwarten.

Die gehörlosen Paare seien geeignet, weil sie selbst mit Hilfe einer Präimplantations­diagnostik und künstlicher Befruchtung keine genetisch eigenen und von der Mutation nicht betroffenen Embryonen zeugen könnten. Aus diesem Grund, argumentiert Rebrikov, bestehe für ihn eine Indikation für eine Genomeditierung im Embryo. Er werde deshalb innerhalber „weniger Wochen“ einen entsprechenden Antrag bei den zuständigen russischen Behörden stellen.

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Die Eltern wünschten sich ein Kind, das hören könne, erläutert der Genetiker vom Kulakow National Medical Research Center of Obstetrics, Gynecology and Perinatology in Moskau. Die autosomal rezessive Erbkrankheit der Eltern werde durch eine fehlende Base an Position 35 im Gen GJB2 hervorgerufen. In Westsibirien tragen offenbar eine Vielzahl von Menschen diese weltweit vorkommende Mutation, die allerdings erst dann zu einer Gehörlosigkeit führt, wenn beide Genkopien im Erbgut betroffen sind.

Kritik aus den Reihen des Deutschen Ethikrats

Weil Gehörlosigkeit nicht lebensbedrohlich ist und viele Gehörlose ihren fehlenden Sinn nicht einmal als Behinderung empfinden, steht auch das neue Vorhaben Rebrikovs unter Fachleuten bereits stark in der Kritik. „Selbst wenn Keimbahneingriffe einmal sicher sein sollten, so wären aus ethischer Perspektive klinische Erstversuche nur für schwere erbliche Erkrankungen zu erwägen“, sagt Alena Buyx vom Deutschen Ethikrat, Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien und Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin an der Technischen Universität München (TUM). Erste Versuche sollten nicht an zukünftigen Kindern erfolgen, die auch mit der genetischen Mutation ein relativ normales Leben führen können, und für die es zudem etablierte Behandlungsmöglichkeiten gebe wie Cochleaimplantate, ergänzt Buyx, die zudem Mitglied des Kommittees der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) zu Genome Editing beim Menschen ist.

Robin Lovell-Badge, Leiter der Forschungsgruppe Stammzellbiologie und Entwick­lungsgenetik am Francis Crick Institute in London weist zudem auf technische Probleme hin: „Noch hat niemand die Korrektur eines fehlerhaften Gens in allen Zellen eines menschlichen Embryos durch einen ‚homology directed repair‘ (ein Mechanismus in Zellen zur Reparatur von DNA-Doppelstrangbrüchen) erreicht.“

Bereits im November 2018 erregte die Geburt von Zwillingsmädchen weltweit für Aufsehen, weil in deren Erbgut bereits im frühen Embryo mithilfe des Genome-Editing-Werkzeugs CRISPR/Cas9 eine Erbanlage ausgeschaltet worden war. Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui, der das Experiment an den Embryonen im Verborgenen durchgeführt hatte, wurde anschließend von der wissenschaftlichen Gemeinschaft international hart kritisiert und in China für sein ethisch verantwortungsloses Vorgehen verurteilt. Über den Verbleib des Forschers sowie der beiden Kinder und einer weiteren damals im November angekündigten dritten Schwangerschaft ist weiterhin nichts bekannt.

Die Ankündigungen von Denis Rebrikov unterstreiche einmal mehr, dass es allerhöchste Zeit sei, dass sich die Politik von der nationalen bis zur globalen Ebene des Themas annehme, sagt der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock. „Geschieht so etwas nicht in Bälde, droht eine ‚Wild-West‘-Mentalität um sich zu greifen, die der Wissenschaft wie der Gesellschaft schweren Schaden zufügt.“ © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #763956
dubito
am Samstag, 6. Juli 2019, 13:26

Packt endlich dieses Thema an!

Natürlich darf es keine Freibriefe geben, um wissenschaftlicher Lorbeeren willen willkürliche Gen-Experimente an Menschen zu akzeptieren, auch wenn diese einverstanden sind.
Natürlich aber ist auch der Wunsch von Eltern zu respektieren, die sich nur eines wünschen: dass ihr Kind gesund zur Welt kommt. Das Argument, Gehörlosigkeit sei kein akzeptabler Grund, klingt schon bitter: Wo liegt die Grenze, wie schwer muss eine Krankheit sein, damit man solche Schritte gehen will?
Vor allem aber ist eines richtig: Die Politik muss sich umgehend, offen und ausführlich mit dieser Thematik befassen, damit der Weg gefunden wird, korrekt mit dieser Technik umzugehen. Sonst erleiden wir wieder einen Schiffbruch wie im vergangenen Jahr, als der EuGH das Thema CRISPR vom Tisch fegte, weil sich politisch jahrelang niemand mit den Risiken und den großen Chancen befasst hatte. So landete CRISPR leichtfertig im selben Topf wie die durchaus kritikwürdige konventionelle Gentechnik. Frankenstein verschwindet nicht, wenn wir ihn bejammern und danach schnell die Tür abschließen, als ginge er uns nicht wirklich etwas an. Wenn wir Fortschritt wollen, brauchen wir Forschung, und dafür brauchen wir einen breiten offenen Diskurs für einen vernünftigen rechtlichen Rahmen - kein Pauschalurteil. Sonst geschieht genau das, wovor sich alle fürchten: Frankenstein experimentiert dort, wo er sich im rechtsfreien Raum glaubt.
LNS

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