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Medizin

Niedriges LDL-Cholesterin könnte Hirnblutungen auslösen

Mittwoch, 10. Juli 2019

Cholesterin im Blut/Sebastian Kaulitzki, AdobeStock.com
/Sebastian Kaulitzki, AdobeStock.com

University Park/Pennsylvania – Menschen mit niedrigen Cholesterinwerten haben möglicherweise ein erhöhtes Risiko auf einen hämorrhagischen Schlaganfall. Dies kam in einer prospektiven Beobachtungsstudie aus China heraus, die in Neurology (2019; doi: 10.1212/WNL.0000000000007853) veröffentlicht wurde. Erst kürzlich war eine Analyse der amerikanischen Women’s Health Study zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen.

Erhöhte LDL-Cholesterinwerte sind ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, und klinische Studien haben gezeigt, dass die Senkung des LDL-Cholesterins mit Statinen Menschen vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützen kann, unter anderem auch vor einem (ischämischen) Schlaganfall. Die Leitlinien raten deshalb zu einer aggressiven Senkung des LDL-Cholesterins.

Andererseits ist Cholesterin ein unverzichtbarer Bestandteil von Zellmembranen und damit eine wichtige Voraussetzung für die Integrität der Zellen. Eine Senkung des Cholesterinspiegels könnte deshalb auf Dauer schädlich sein.

Kürzlich berichtete Pamela Rist vom Brigham and Women's Hospital in Boston, dass Teilnehmerinnen der Women's Health Study mit einem LDL-Cholesterinwert von weniger als 70 mg/dl im Zeitraum von 2 Jahrzehnten mehr als doppelt so häufig einen hämorrhagischen Schlaganfall erlitten wie Frauen mit höheren LDL-Cholesterinwerten (relatives Risiko 2,17; 95-%-Konfidenzintervall 1,05 bis 4,48).

Jetzt kommt ein Team um Xiang Gao von der Penn State University in University Park in Pennsylvania zu einem ähnlichen Ergebnis. Die Epidemiologen haben die Daten der Kailuan-Studie ausgewertet. Es handelt sich um eine prospektive Studie, die etwa 100.000 Angestellte des Bergbauunternehmens Kailuan aus dem nordchinesischen Kohlerevier begleitet. Die Studie begann 2006. In den Jahren 2008, 2010 und 2012 wurden die Teilnehmer erneut untersucht. Bei allen Terminen wurde unter anderem das LDL-Cholesterin bestimmt.

LDL-Cholesterin-Wert von unter 50 mg/dl erhöht Risiko um das Zweieinhalbfache

Aus den Krankenakten entnahmen die Forscher, dass in den ersten 9 Jahren 753 Teilnehmer eine intrazerebrale Blutung erlitten. Teilnehmer mit einem LDL-Cholesterin von unter 70 mg/dl waren überdurchschnittlich häufig betroffen. Gao ermittelte eine adjustierte Hazard Ratio von 1,65 (95-%-Konfidenzintervall von 1,32 bis 2,05) für ein LDL-Cholesterin von 50 bis 69 mg/dl, also ein um 65 % erhöhtes Risiko. Teilnehmer mit einem LDL-Cholesterin von unter 50 mg/dl hatten sogar ein mehr als zweieinhalbfach erhöhtes Risiko (adjustierte Hazard Ratio 2,69; 2,03 bis 3,57).

Das Risiko war damit dosisabhängig, was in epidemiologischen Studien immer ein Hinweis auf eine Kausalität ist. Die Studie kann zwar nicht abschließend belegen, dass der niedrige Cholesterinwert für die Hirnblutung verantwortlich ist, ein erhöhtes Risiko wäre wegen der Bedeutung von Cholesterin für die Integrität von Zellmembranen jedoch biologisch plausibel.

Bilanz der aggressiven Cholesterinsenkung steht noch aus

Nach Einschätzung von Gao sind die Ergebnisse deshalb von klinischer Bedeutung, zumal es mit den PCSK9-Inhibitoren heute häufig möglich ist, das LDL-Cholesterin unter den Zielwert von 70 mg/dl zu senken. Die Sicherheit dieser Wirkstoffe wurde in randomisierten Studien nur über einen relativ kurzen Zeitraum untersucht. Es bleibt möglich, dass sich einige negative Einflüsse erst langfristig bemerkbar machen.

Andererseits war die absolute Zahl der intrazerebralen Blutungen (753 Ereignisse auf 96.043 Teilnehmern in 9 Jahren) relativ gering. Die Nachteile müssten zudem mit den unbestrittenen Vorteilen einer aggressiven Cholesterinsenkung bilanziert werden, zu denen (unter anderem) die Vermeidung von ischämischen Schlaganfällen gehört. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Mittwoch, 10. Juli 2019, 19:43

Korrelation ist nicht Kausalität

Nirgendwo anderes als in der Medizin tut man sich schwerer, Korrelationen richtig zu beurteilen: Bei niedrigem Cholesterin ist nur dann das Risiko von Gehirnblutungen höher, wenn die Festigkeit der Gefäße infolge mangelnder Versorgung mit Mikronährstoffen, insbesondere mit Vitamin C (unverzichtbarer Faktor für die Kollagenerneuerung), gelitten hat. Cholesterin ist im Zusammenhang der Arteriosklerose kein Risikofaktor, sondern ein Reparaturwerkstoff. Ziel sollte es sein, dass dieser Reparaturwerkstoff möglichst wenig eingesetzt zu werden braucht.
LNS

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