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Marketing förderte Verordnung von Gabapentin und Biologika in den USA

Mittwoch, 10. Juli 2019

Einem Arzt wir Geld übergeben. /stokkete, AdobeStock.com
/stokkete, AdobeStock.com

Farmington/Connecticut und Toronto – Ärzte, die von Pharmafirmen zum Essen oder auf kostenlose Fortbildungsveranstaltungen eingeladen oder für Beratertätigkeiten sowie Vorträge honoriert werden, verordnen in der Folge häufiger die Medikamente der Hersteller. Die Folgekosten für die Versicherungen können beträchtlich sein, wie – erneut – zwei Studien in JAMA Internal Medicine (2019; doi: 10.1001/jamainternmed.2019.0999 und 1082) zeigen.

Der Physician Payments Sunshine Act von 2010 verpflichtet die Arzneimittelhersteller in den USA, die finanziellen Aufwendungen an Ärzte offen zu legen. Auf der Open Payments-Platform sind sie für jedermann einsehbar. Für Forscher bieten die hinterlegten Daten die Möglichkeit, den Einfluss der Zuwendungen auf die Verordnung der Ärzte zu untersuchen.

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Im letzten Jahr konnte bereits gezeigt werden, dass das Sponsoring der Ärzte die Verordnung von kostspieligen Tyrosinkinase-Inhibitoren (Sunitinib, Dasatinib und Nilotinib) oder von Opioiden erhöht. Das Direktmarketing von Opioiden ist wegen der derzeitigen Drogenepidemie besonders heikel und die Angestellten der Hersteller laufen Gefahr, wegen Korruption angezeigt zu werden (übrigens auf der Basis des Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act, einem Anti-Mafiagesetz von 1970).

Ein weiterer Bereich, der derzeit kritisch gesehen wird, ist die zunehmende Verordnung von Gabapentin und Pregabalin. Die beiden Gabapentinoide, die zur Behandlung von Epilepsie und postherpetischen Neuralgien zugelassen sind, werden zunehmend „off label“ als Schmerzmittel verordnet – auch als Alternative zu den suchterregenden Opioiden. Der Anteil der erwachsenen Amerikaner, die Gabapentinoide einnehmen, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen.

Teure Originalpräparate statt Generika

Die Hersteller bemühen sich laut den Recherchen von Greg Rhee von der Universität von Connecticut in Farmington darum, die Ärzte zur Verordnung von Originalpräparaten zu veranlassen. Diese Mittel kosten häufiger mehrere 100 US-Dollar pro Monat, während Generika für weniger als 20 US-Dollar pro Monat zu haben sind. In den Jahren 2014 bis 2016 haben die Hersteller der Gabapentinoide 509.874 Zahlungen (oder Geschenke) an 51.005 Ärzte geleistet und dafür insgesamt 11,5 Millionen US-Dollar aufgewendet. Die Ärzte, die diese Zuwendungen erhalten haben, verordneten fast doppelt so häufig ein Originalpräparat statt eines Gabapentin-Generikums (relative Inzidenzrate IRR 1,91; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,87 bis 1,96).

Neben den durch das Direktmarketing verursachten Kosten (für die Versicherungen und die Versicherten) könnte die Zunahme der Verordnungen auch zu einem „Public Health“-Problem werden. Offenbar wird Gabapentin wegen seiner in hoher Dosis euphorisierenden Wirkung zunehmend als Droge missbraucht. Außerdem besteht der Verdacht, dass Gabapentin bei einer langfristigen hoch dosierten Einnahme suchterregend sein könnte.

Marketing für Adalimumab und Certolizumab hat sich gelohnt

Ein weiteres Beispiel für den Einfluss von Zuwendungen an Ärzte auf die Verordnungshäufigkeit hat der Gastroenterologe Samir Grover vom St. Michael’s Hospital in Toronto anhand der Daten der Open Payments-Platform recherchiert. Die Biologika Adalimumab und Certolizumab sind in den USA die häufigsten zur Behandlung von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa verordneten Biologika. Die Hersteller haben in den Jahren 2014 bis 2016 insgesamt 10,9 Millionen US-Dollar für das Direktmarketing bei Gastroenterologen ausgegeben, wobei jeweils etwa die Hälfte auf Essen/Fortbildungsreisen und Redner-/Beratungshonorare entfielen.

Die Ausgaben haben sich offenbar gelohnt. Jeder für das Direktmarketing ausgegebene US-Dollar war nach den Recherchen von Grover mit einem Anstieg der Ausgaben von Medicare für Adalimumab um 3,16 US-Dollar und für Certolizumab um 4,72 US-Dollar verbunden.

Verpflichtender Transparenzkodex in Deutschland

In Deutschland gibt es einen Transparenzkodex, zu dem sich die Mitgliedsunter­nehmen des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa) und des Vereins Frei­willige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) ver­pflichtet haben. Wenn Ärzte einverstanden sind, werden Fortbildungsleistungen dabei namentlich veröffentlicht. Für das Veröffentlichungsjahr 2018 haben rund 21 Prozent solch einer individualisierten Nennung zugestimmt. Damit lag die Quote leicht über dem Vorjahresniveau von 20 Prozent.

Pharmaindustrie bezahlt mehr Geld an Ärzte

Berlin – Pharmaunternehmen haben Ärzten, Fachkreisangehörigen und medizinischen Institutionen für Leistungen im vergangenen Jahr deutlich mehr Geld bezahlt als noch ein Jahr zuvor. Das zeigt der neue Transparenzkodex, zu dem sich die Mitgliedsunternehmen des Verbands forschender Arzneimittelhersteller (vfa) und des Vereins Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA) im

Im Jahr 2015 veröffentlichten zudem Correctiv und Spiegel Online erstmals eine Datenbank („Euros für Ärzte“) mit den Namen von 20.489 Medizinern, die im vergangenen Jahr Geld von der Pharmaindustrie erhalten hatten. Die Informationen stammen von den 54 Mitgliedsfirmen der „Freiwilligen Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie e.V.“, die diese Angaben auf ihren jeweiligen Webseiten veröffentlicht haben.

Aufgelistet sind nur Mediziner, die den Pharmakonzernen eine Veröffentlichung der Daten gestattet haben. Das waren im Jahr 2016 mit 16.500 Personen nur ein Viertel der in Deutschland praktizierenden Ärzte und Heilberufler. Gegenüber 2015 sank die Zahl der Ärzte, die mit einer Veröffentlichung der Zuwendungen einverstanden war.

Im Jahr 2017 führte das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv eine weitere Datenbank ein: „Null-Euro-Ärzte“. Hier können Mediziner und Fachkreisangehörige selbst erklären, dass sie kein Geld von der Pharmaindustrie erhalten haben.

Ärzte klagen gegen Datenbank „Euros für Ärzte“

Im Juni teilte Correctiv mit, dass ein Berliner Anwalt sie selbst und den Partner Spiegel Online „mit einer beispiellosen Prozesswelle“ überziehe. Der Medizinrechtler Udo von Langsdorff behaupte unter anderem, dass die Datenbank „Euros für Ärzte“ das Persönlichkeitsrecht der Ärzte verletze. Von Langsdorff wolle mit seinen Klagen auch Schadenersatz für die Ärzte erstreiten. Angeblich hätten die Praxen seit der Veröffentlichung in jedem Quartal 1.000 Euro weniger Umsatz erzielt.

Die Gerichte seien der Anklage bisher nicht gefolgt, schreibt Correctiv auf seiner Webseite. Sie urteilen bislang ausnahmslos zu Gunsten der beiden Redaktionen. „Fast jeden Tag gibt es irgendwo in Deutschland eine Verhandlung,“ sagt der Hamburger Anwalt Marc-Oliver Srocke, der die Redaktionen vertritt. Derzeit seien bis zum 12. Dezember Termine angesetzt. In vier Fällen sei von Langsdorff in Berufung gegangen. © rme/gie/aerzteblatt.de

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