Politik
Bertelsmann Stiftung sieht 600 Krankenhäuser als ausreichend für die Versorgung an
Montag, 15. Juli 2019
Gütersloh – Mehr als jedes zweite Krankenhaus in Deutschland sollte nach Ansicht der Bertelsmann-Stiftung geschlossen werden, damit die Versorgung der Patienten verbessert werden kann. Von den derzeit knapp 1.400 Krankenhäusern sollten nur deutlich weniger als 600 größere und bessere Kliniken erhalten bleiben, heißt es in einer heute veröffentlichten Untersuchung. Sie könnten dann mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten.
„Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung“, betonen die Autoren der Studie. Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden. Kleine Kliniken verfügten dagegen häufig nicht über die nötige Ausstattung und Erfahrung, um lebensbedrohliche Notfälle wie einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall angemessen behandeln zu können.
Nur in ausreichend großen Kliniken könnten Facharztstellen rund um die Uhr besetzt werden. Auch Computertomografen und andere wichtige Geräte könnten dann in allen Kliniken bereit stehen. Vor allem die Qualität der Notfallversorgung und von planbaren Operationen lasse sich so verbessern. Auch der Mangel an Pflegekräften könne so gemindert werden. „Es gibt zu wenig medizinisches Personal, um die Klinikzahl aufrecht zu erhalten“, schreibt Bertelsmann-Projektleiter Jan Böcken.
Über eine Verringerung der Zahl der Krankenhäuser wird in Deutschland seit langem diskutiert. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte kürzlich betont: „Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat.“ Gerade in gesundheitlichen Notlagen brauche es eine schnell erreichbare Versorgung. Krankenhäuser in ländlichen Regionen erhalten von den Krankenkassen daher auch künftig extra Geld. Vorgesehen sind im nächsten Jahr Finanzspritzen für 120 Kliniken von jeweils 400.000 Euro und damit insgesamt 48 Millionen Euro.
Zu viele Betten, zu viele Patienten
In der Bertelsmann-Studie heißt es dagegen, die schnelle Erreichbarkeit eines kleinen Krankenhauses sei nur ein vermeintlicher Vorteil. Wenn dort kein Facharzt verfügbar sei, habe die Klinik einen gravierenden Qualitätsnachteil. Eine Fallstudie für die Region Köln/Leverkusen und den angrenzenden ländlichen Raum habe gezeigt, dass Patienten dort bei einer Verringerung der Zahl der Kliniken von 38 auf 14 im Durchschnitt keine viel längeren Fahrzeiten in Kauf nehmen müssten.
Die finanzielle Lage vieler Krankenhäuser in Deutschland ist prekär. Nach jüngsten Zahlen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) hat jede dritte Klinik 2017 rote Zahlen geschrieben. Die Rationalisierungsreserven seien mittlerweile ausgeschöpft, hatte die Krankenhausgesellschaft erklärt.
Die Autoren der Bertelsmann-Studie schlagen einen zweistufigen Aufbau einer neuen Krankenhausstruktur vor. Neben Versorgungskrankenhäusern mit durchschnittlich gut 600 Betten soll es etwa 50 Universitätskliniken und andere Maximalversorger mit im Schnitt 1.300 Betten geben. Aktuell hat ein Drittel der Krankenhäuser weniger als 100 Betten. Die Durchschnittsgröße der Kliniken liege bei unter 300 Betten.
Nach Ansicht der Wissenschaftler kommen in Deutschland zu viele Menschen ins Krankenhaus. Etwa fünf Millionen Patienten pro Jahr könnten genauso gut ambulant behandelt oder operiert werden. Die Zahl der Krankenhausfälle ließe sich so bis 2030 auf 14 Millionen in Jahr senken. Die Forscher verwiesen darauf, dass die Zahl der Bettentage pro Einwohner in Deutschland um 70 Prozent über dem Durchschnitt der vergleichbaren EU-Länder liege.
aerzteblatt.de
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Die Bertelsmann Stiftung hatte das Berliner Institut für Gesundheits- und Sozialforschung (IGES) mit der Frage beauftragt, wie eine Krankenhausversorgung aussähe, die sich nicht in erster Linie an einer schnellen Erreichbarkeit, sondern an Qualitätskriterien orientiert. Dazu gehören beispielsweise eine gesicherte Notfallversorgung, eine Facharztbereitschaft rund um die Uhr, ausreichend Erfahrung des medizinischen Personals sowie eine angemessene technische Ausstattung.
Die Neuordnung der Krankenhauslandschaft müsse vor allem das Ziel einer besseren Versorgungsqualität verfolgen, sagte Stiftungsvorstand Brigitte Mohn. Eine vordringliche Orientierung an Fahrzeiten ginge dagegen in die falsche Richtung. „Wenn ein Schlaganfallpatient die nächstgelegene Klinik nach 30 Minuten erreicht, dort aber keinen entsprechend qualifizierten Arzt und nicht die medizinisch notwendige Fachabteilung vorfindet, wäre er sicher lieber ein paar Minuten länger zu einer gut ausgestatteten Klinik gefahren worden“, so Mohn.
Die DKG warf Bertelsmann heute vor, die Stiftung propagiere die Zerstörung von sozialer Infrastruktur in einem „geradezu abenteuerlichen Ausmaß, ohne die medizinische Versorgung zu verbessern“. „Das ist das exakte Gegenteil dessen, was die Kommission ‚Gleichwertige Lebensverhältnisse‘ in dieser Woche für die ländlichen Räume gefordert hat“, sagte DKG-Präsident Gerald Gaß. Er betonte, das zentrale Qualitätsmerkmal sei der flächendeckende Zugang zu medizinischer Versorgung.
Gaß zufolge greift eine monokausale Erklärung „weniger Krankenhäuser – bessere Qualität“ viel zu kurz. Andere Länder hätten nicht nur ihre Krankenhausstruktur verändert, wie es die Studie als einzige Lösung vorschlage. Vielmehr hätten sie die Strukturreformen mit wirkungsvollen Präventionsprogrammen, grundlegendem Ausbau der ambulanten Versorgung insbesondere auch durch die Kliniken und der Infrastruktur flankiert. Zudem verfügten sie über gänzlich andere Krankenversicherungs- beziehungsweise Finanzierungssysteme. „All das wird komplett verschwiegen und macht die Auswertung damit nicht brauchbar“, sagte Gaß.
Keine undifferenzierte Schließungspolitik
Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, bezeichnete die Forderungen der Studienautoren als „mehr als befremdlich“. Die von der Bundesregierung eingesetzte „Kommission gleichwertige Lebensverhältnisse“ habe gerade erst die Bedeutung der Daseinsvorsorge und Sicherung einer gut erreichbaren, wohnortnahen Gesundheitsinfrastruktur herausgestellt und das Bundesgesundheitsministerium die Förderung von 120 kleineren Kliniken bundesweit beschlossen, sagte er.
Allerdings könne es in Ballungsgebieten mit erhöhter Krankenhausdichte durchaus sinnvoll sein, dass Ärzte und Pflegepersonal in größeren Strukturen Patienten behandelten. Dadurch könnten Abläufe vereinfacht und die zunehmende Arbeitsverdichtung gemildert werden. Reinhardt warnte aber vor einer undifferenzierten Schließungspolitik.
„Gerade im ländlichen Raum müssen wir die flächendeckende Versorgung der Patienten sicherstellen. Deshalb müssen wir mehr als bisher die sektorübergreifende Versorgung gemeinsam mit den niedergelassenen Ärzten ausbauen“, so Reinhardt. Notwendig sei auch, Mitversorgeraspekte zu berücksichtigen.
„Wer auch immer mit welchen Ideen den Krankenhaussektor verändern will, muss dem grundgesetzlichen Auftrag der Daseinsvorsorge, der Gleichheit der Lebensverhältnisse und dem Feuerwehrwehr-Prinzip der Krankenhäuser im Katastrophenfall gerecht werden“, mahnte er. Vor allem aber müsse man Optionen diskutieren, wie man der zunehmenden Behandlungsbedürftigkeit in der Gesellschaft bei gleichzeitigem Fachkräftemangel begegnen wolle. „Auch wenn wir die Zahl der Krankenhäuser reduzieren, reduzieren wir dadurch ja nicht die Zahl der Behandlungsfälle“, sagte Reinhardt.
„Wer Krankenhäuser schließen möchte, muss die gesamte medizinische Versorgungsrealität einbeziehen“, sagte Heidrun Gitter, Präsidentin der Ärztekammer Bremen. Patienten müssten flächendeckend auf eine wohnortnahe Gesundheitsversorgung zugreifen können.
Daseinsvorsorge statt Profitorientierung
Rudolf Henke, 1. Vorsitzender des Marburger Bundes (MB), betonte, Planungsentscheidungen würden in den Ländern getroffen und nicht am grünen Tisch der Bertelsmann-Stiftung. Es lasse sich „aus der Warte von Ökonomen leicht von Zentralisierung und Kapazitätsabbau fabulieren, wenn dabei die Bedürfnisse gerade älterer, immobiler Menschen unter den Tisch fallen, die auf eine wohnortnahe stationäre Grundversorgung angewiesen sind“, sagte er. Versorgungsprobleme würden nicht dadurch gelöst, dass pauschal regionale, leicht zugängliche Versorgungskapazitäten ausgedünnt würden.
Ministerium reagiert zurückhaltend
Das Bundesgesundheitsministerium hat zurückhaltend auf die Studie reagiert. „Wir haben diese Studie zur Kenntnis genommen und schauen uns die genauer an“, sagte eine Sprecherin des Ministeriums heute. Sie verwies darauf, dass für die Krankenhausplanung die einzelnen Bundesländer verantwortlich seien. Diese müssten eine „bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung“ sicherstellen.
Grundsätzlich habe Deutschland im internationalen Vergleich überdurchschnittlich viele Krankenhausbetten und Kliniken. Es gehe aber nicht nur „um die schiere Anzahl von Häusern“, sondern „vor allem eine erreichbare und qualitativ hochwertige Versorgung“. © dpa/kna/afp/may/aerzteblatt.de
Krankenhäuser sind nicht nur Krankenhäuser sondern auch Arbeitgeber und Teil einer Kommune nicht nur in seiner Wirtschaftskraft
"Ein vielschichtiges Thema
Sollten die Empfehlungen dieser Studie umgesetzt werden, dürfte dies Konsequenzen haben, die allen Beteiligten in dieser Schärfe noch nicht so klar sind.
Fangen wir damit an, Häuser unter 100 Betten sind besonders im Focus weil unwirtschaftlich und wegen mangelnder Infrastruktur (CT, Herzkatheter etc.). Gleichzeitig sind dies etwa ein Drittel aller Häuser. Nur wo stehen diese Häuser? Jedenfalls nicht in Ostdeutschland, dort gab es in den 90-er Jahren einen brutalen Strukturwandel, praktisch alle Kleinstädte haben ihr „Krankenhaus am Rande der Stadt“ eingebüßt. Diese Studie richtet sich also in erster Linie gegen die kleinen kommunalen und kirchlichen Krankenhäuser in Westdeutschland. Andererseits, ein Landrat, der zulässt, das in seinem Landkreis ein Haus geschlossen wird, braucht für die Wiederwahl nicht mehr anzutreten, entsprechend hoch wird der politische Widerstand sein. Die Existenz eines Krankenhauses ist oft genug der gefühlte Gradmesser, ob eine Stadt eine Zukunft hat oder nicht. Erst geht das Krankenhaus, dann das Kino, die Eisdiele, die Post und die Polizei, zuletzt verschwinden der Supermarkt, die Apotheke und der Hausarzt.
Was soll geschehen wenn der „lokale Champion“ etwa 600 Betten haben soll, aber als Kandidaten in der Region zwei 300-Betten Häuser stehen? Wenn die beiden Häuser unter einem Träger fusioniert werden und sich jeweils spezialisieren, mag dies noch gehen. Jede andere Lösung produziert automatisch Verlierer und zerschlägt sehr viel politisches Porzellan.
Völlig offen bleibt, wie dabei die Bettenzahl reduziert werden soll. Die Form folgt bekanntlich der Funktion. Die Funktion der Sektoren (KH und ambulant) wird vorgegeben von den SGB. Wenn die Bettenzahl reduziert werden soll, muss der ambulante Sektor deutlich gestärkt werden, dann müssen die SGB aber auch umgeschrieben werden. Auch ist mir nicht klar, woher bei einer Umsetzung dieser Studie das notwendige Personal (Ärzte und Pflege) kommen soll. Wenn kleine Häuser geschlossen werden bzw. ein Teil von ihnen mit größeren Häusern fusioniert wird, dann führt dies zu einer gewissen Konsolidierung im Krankenhaussektor. Wenn ein Teil der geschlossenen kleinen Häuser zu MVZ’s umstrukturiert werden soll, dann fehlt eine Antwort auf die Frage, woher das Personal und woher die Finanzierung (Schlagwort SGB und gedeckeltes Gesamtbudget) kommen sollen.
Ein Strukturwandel im Gesundheitswesen ist sicher überfällig und einige der Ideen aus der Bertelsmann-Studie klingen ganz interessant. Aber ich bin mir absolut sicher, so einfach wie dort angedacht ist die ganze Sache nicht."
Weniger ist mehr? Nicht immer die bessere Lösung!
Zu den Plänen mit den Krankenhäuser könnte das so aussehen:
Durch weitere Wege vom KH zum Einsatzort und zurück eben mehr Zeitaufwand oder enorme Anschaffung von Rettungshubschrauber um die Zeitspanne einhalten zu können. Dabei dann nicht nur die Anschaffungskosten bedenken sondern auch das Ärzte, Pfleger und anderes Personal nicht mal eben so ein Ding fliegen können, also mehr Personal notwendig. Ebenso die Wartungskosten und Spritkosten bedenken. Oder will man einfach billigend in Kauf nehmen das durch weitere Wege, evtl. sogar an 2 ehemaligen nun geschlossenen Krankenhäuser vorbei fahrend der Patient stirb?
Dann bedenken das je größer das Haus ist es auch unübersichtlicher wird was Patienten und Besucher angeht. Dazu folgendes Beispiel: In einer Siedlung mit 1 oder 2 Familienhäuser da kennt man sich wie in einem Dorf. Aber in einer Hochhaussiedlung ist es wie in einer Großstadt, da kennt man kaum jemand. Und gerade das ist und kann in einem Krankenhaus fatale Folgen haben.
Aber ich denke das weiß jeder der in dem Bereich tätig ist.
Also lieber nochmal überlegen, dann auch bedenken wenn es mal zu einer Katastrophe kommt und das KH in Fachsprache für den Rettungsdienst gesperrt also belegt ist, was dann? Enorm weitere Wege für Patienten oder Verletzte egal ob harmlos oder Notfallpatient. Also stundenlange fahren zum nächsten KH?
Und nun nochmal über alles nachdenken und dann vernünftig entscheiden!
Danke!
Falscher Weg!
Und wie soll das nach dem zusammen legen dann mit der besseren Versorgung funktionieren? Wenn das Personal auch übernommen wird, so haben diese aber auch einen längeren Arbeitsweg was zu Übermüdung führen kann, das soll dann die bessere Versorgung sein?
Oder man baut ganz neue Krankenhäuser wo gleich nebenan das Personal wohnt, dazu müsste dann das Personal aber auch mit reisen in die neue Umgebung. Also das gewohnte Wohnumfeld aufgeben und somit hoch motiviert sein alles bisherige wie Freunde, Nachbarn usw. aufzugeben.
Berücksichtigt diese Studie das auch? Oder wird es einfach voraus gesetzt das der weitere Arbeitswege oder einen Umzug in kauf nimmt?
Ein vielschichtiges Thema
Fangen wir damit an, Häuser unter 100 Betten sind besonders im Focus weil unwirtschaftlich und wegen mangelnder Infrastruktur (CT, Herzkatheter etc.). Gleichzeitig sind dies etwa ein Drittel aller Häuser. Nur wo stehen diese Häuser? Jedenfalls nicht in Ostdeutschland, dort gab es in den 90-er Jahren einen brutalen Strukturwandel, praktisch alle Kleinstädte haben ihr „Krankenhaus am Rande der Stadt“ eingebüßt. Diese Studie richtet sich also in erster Linie gegen die kleinen kommunalen und kirchlichen Krankenhäuser in Westdeutschland. Andererseits, ein Landrat, der zulässt, das in seinem Landkreis ein Haus geschlossen wird, braucht für die Wiederwahl nicht mehr anzutreten, entsprechend hoch wird der politische Widerstand sein. Die Existenz eines Krankenhauses ist oft genug der gefühlte Gradmesser, ob eine Stadt eine Zukunft hat oder nicht. Erst geht das Krankenhaus, dann das Kino, die Eisdiele, die Post und die Polizei, zuletzt verschwinden der Supermarkt, die Apotheke und der Hausarzt.
Was soll geschehen wenn der „lokale Champion“ etwa 600 Betten haben soll, aber als Kandidaten in der Region zwei 300-Betten Häuser stehen? Wenn die beiden Häuser unter einem Träger fusioniert werden und sich jeweils spezialisieren, mag dies noch gehen. Jede andere Lösung produziert automatisch Verlierer und zerschlägt sehr viel politisches Porzellan.
Völlig offen bleibt, wie dabei die Bettenzahl reduziert werden soll. Die Form folgt bekanntlich der Funktion. Die Funktion der Sektoren (KH und ambulant) wird vorgegeben von den SGB. Wenn die Bettenzahl reduziert werden soll, muss der ambulante Sektor deutlich gestärkt werden, dann müssen die SGB aber auch umgeschrieben werden. Auch ist mir nicht klar, woher bei einer Umsetzung dieser Studie das notwendige Personal (Ärzte und Pflege) kommen soll. Wenn kleine Häuser geschlossen werden bzw. ein Teil von ihnen mit größeren Häusern fusioniert wird, dann führt dies zu einer gewissen Konsolidierung im Krankenhaussektor. Wenn ein Teil der geschlossenen kleinen Häuser zu MVZ’s umstrukturiert werden soll, dann fehlt eine Antwort auf die Frage, woher das Personal und woher die Finanzierung (Schlagwort SGB und gedeckeltes Gesamtbudget) kommen sollen.
Ein Strukturwandel im Gesundheitswesen ist sicher überfällig und einige der Ideen aus der Bertelsmann-Studie klingen ganz interessant. Aber ich bin mir absolut sicher, so einfach wie dort angedacht ist die ganze Sache nicht.
Krankenhausplanung
Angst oder kein Mut zur Veränderung
VORPROGRAMMIERTES CHAOS!
Ärztinnen und Ärzte, Kranken- und Gesundheitspflege-Berufsgruppen, Logistik und freie/gemeinnützige Klinik-Betreiber werden zu Gunsten großer, teilweise monopolartig operierender Krankenhaus-Ketten, -Konzerne und -Aktiengesellschaften von der Bertelsmann-Stiftung und dem Berliner IGES Institut diskriminiert und auseinanderdividiert!
Über eine Verringerung der Zahl der Krankenhäuser wird in Deutschland seit langem diskutiert. Einerseits hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kürzlich betont: "Ein Krankenhaus vor Ort ist für viele Bürger ein Stück Heimat." Gerade in gesundheitlichen Notlagen brauche es eine schnell erreichbare Versorgung. Krankenhäuser in ländlichen Regionen erhalten von den Krankenkassen daher auch künftig extra Geld. Vorgesehen sind im nächsten Jahr Finanzspritzen für 120 Kliniken von jeweils 400.000 Euro und damit insgesamt 48 Millionen Euro.
Andererseits wird das durch einen aktuellen Report der Bertelsmann-Stiftung (BS) konterkariert, nachdem die gerade erst im ländlichen Raum geförderten Kliniken wieder geschlossen werden sollten: Paradoxerweise "damit die Versorgung der Patienten verbessert werden kann. Von den derzeit knapp 1.400 Krankenhäusern sollten nur deutlich weniger als 600 größere und bessere Kliniken erhalten bleiben, heißt es in einer gestern veröffentlichten Untersuchung. Sie könnten dann mehr Personal und eine bessere Ausstattung erhalten." https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/104629/Bertelsmann-Stiftung-sieht-600-Krankenhaeuser-als-ausreichend-fuer-die-Versorgung-an "Nur Kliniken mit größeren Fachabteilungen und mehr Patienten haben genügend Erfahrung für eine sichere Behandlung", betonen die Autoren der BS-Studie. "Viele Komplikationen und Todesfälle ließen sich durch eine Bündelung von Ärzten und Pflegepersonal sowie Geräten in weniger Krankenhäusern vermeiden."
Völlig vernachlässigt wird dabei, dass Erst-, Notfall-, Rettungs- und Transportmaßnahmen dadurch erheblich verzögert werden und in die BS-Kalkulationen nicht mal ansatzweise eingeflossen sind.
Bitte keine falsche Hybris bei Krankenhäusern der Maximalversorgung gegenüber engagierter und qualifizierter Arbeit der regionalen Kliniken. Fehler werden überall, in großen wie kleinen Häusern, gemacht. Aber primäre, sekundäre und tertiäre Versorgungsebenen gehören nicht nur im ländlichen Raum, sondern auch in Sozialen Brennpunkten und Randgebieten zur Daseinsvorsorge.
Es gehört zur Methodenkritik, dass eher Medizin- und Versorgungs-fremde bzw. eher volks- und betriebswirtschaftlich orientierte "Krankenhausexperten" wie Professor Boris Augurzky vom RWI, Professor Reinhard Busse von der TU Berlin oder Professor Max Geraedts von der Uni Marburg ein Zerrbild entwickeln, das sich an Pseudo-Kriterien, empirisch nicht belegbaren Richt-und Stellgrößen orientiert. Wenn dann noch das IGES in einer Simulationsrechnung die Kliniklandschaft im Großraum Köln/Leverkusen irreführend als städtisch u n d ländlich geprägt postuliert, wird klar, dass die dort lebenden, gut 2 Millionen Menschen und ihr Einzugsgebiet offensichtlich nur vom Hörensagen bekannt sind.
Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
PS. Nach Internet-Recherchen bin ich darauf gestoßen, warum das IGES-Institut mit seinem Berliner Hauptsitz nie seinen Klarnamen nennt. Es gibt nämlich ein echtes "Institute for Global Environmental Strategies (IGES)" in Japan. Gegründet 1998 basiert es auf einer Initiative der japanischen Regierung. Seit 2012 eine gemeinnützige öffentliche Stiftung zur Erforschung von Klima und Energie, natürlichen Ressourcen und Ökosystem-Dienstleistungen, nachhaltigem Konsum und Produktion ["The Institute has been established in 1998 based on an initiative of the Japanese government. In Since 2012 IGES is incorporated as Public Interest Incorporated Foundation.
IGES conducts research in three different fields: Climate and Energy, Natural Resources and Ecosystem Services, Sustainable Consumption and Production"].
https://www.climate-transparency.org/iges-joins-partnership-of-climate-transparency
Bertelsmann-Stiftung liefert genau die Studie, die Bertelsmann braucht
Die Frage, wie viele Krankenhäuser man in Deutschland wirklich braucht, wird man in Abhängigkeit von der eigenen Interessenlage beantworten. Vertrete ich die Interessen von Konzernen, werde ich eher auf eine geringe Anzahl kommen. Vertrete ich die Interessen der Bevölkerung, wird die Anzahl tendenziell höher liegen. Ökonomen würde an der Stelle auf die Idee kommen, die Entscheidung dem Markt zu überlassen. Dem Markt deswegen, weil die Materie hochkomplex ist und so viele Faktoren zu berücksichtigen sind bzw. wären, dass man sie nicht so einfach in einem Modell abbilden kann. Zu diesen Faktoren gehören u. a. die Anzahl der Privatkliniken, die Entfernungen zum nächsten Krankenhaus, die Versorgung mit Haus- und Fachärzten, die Trägerschaft der Krankenhäuser, die vorgehaltenen Fachdisziplinen, die Honorarhöhe für ambulante und stationäre Leistungen sowie für die Notfälle.
Egal wie unzureichend der Markt die Frage beantwortet, die Antwort ist immer besser als alles, was man sonst anzubieten hat.
Wenn man zwei Drittel der Krankenhäuser schließt und dabei 5 Millionen stationäre Fälle in den ambulanten Bereich verlagern will, dann folgt daraus zwangsläufig, dass der ambulante Bereich diese Fälle auch versorgen können muss. Stand heute lautet die Bestandsaufnahme, u. a. von der DKG, dass die KVen schon jetzt vielfach nicht in der Lage sind, den Sicherstellungsauftrag in allen Fachdisziplinen ordnungsgemäß auszuführen. Und der Ärztemangel nimmt im ambulanten, fachärztlichen Bereich deutlich zu. Wie sollen zu wenig niedergelassene Fachärzte noch (viel!) mehr Fälle versorgen, wenn wir heute schon Ärztemangel beklagen und zu abstrusen Mitteln wie den TSS greifen?
Aber auch die Kliniken haben nicht genügend Fachärzte. Die fehlenden Ärzte sind doch gerade der Anlass, um kleinere Häuser zu schließen. Woher also die Fachärzte nehmen, die die ambulante Versorgung auf heutigem Niveau sicherstellen UND die zusätzlich die 5 Millionen stationären fachärztlichen Fälle versorgen sollen?
Ärzte wird man nur dann in ausreichender Zahl und auf dem gewünschten Niveau bekommen, wenn man sie angemessen bezahlt. Das gilt sowohl für den ambulanten wie auch für den stationären Bereich. „Angemessen“ ist eine Bezahlung dann, wenn auf dem Markt Angebot und Nachfrage gleich hoch sind.
Die Idee, aus den Abwrack-Kliniken ambulante Gesundheitszentren zu machen, hört sich richtig gut an. Denkt man etwas darüber nach, kommt man schnell zu dem Schluss, dass da irgendetwas nicht stimmen kann. Denn wenn 5 Mio Behandlungsfälle aus dem stationären Bereich ausgegliedert werden sollen und man die Ärzte, die bisher diese 5 Mio Fälle versorgt haben, in die übriggebliebenen Kliniken steckt, um dort die Versorgungslage zu verbessern – wer bleibt dann noch aus dem stationären Bereich übrig, um die ambulanten Gesundheitszentren, also die ehemaligen Abwrack-Kliniken, ärztlich zu besetzen?
Ich sehe da derzeit niemanden.
Früher oder später wird sich diese Erkenntnis verbreiten und dann ist nicht nur guter Rat teuer, dann wird es teuer. Zunächst einmal braucht es Betreiber für die neuen ambulanten Gesundheitszentren (= ehemalige Abwrack-Kliniken). Der Kapitalbedarf ist so hoch, dass eigentlich nur professionelle Investoren dafür in Frage kommen – beispielsweise börsennotierte Unternehmen oder Investmentfonds. Diese Betreiber werden dann „händeringend“ benötigt, denn wenn das Krankenhaus schließt -und da man parallel die niedergelassenen Fachärzte ausgedüngt und ausgehungert hat ist von der Seite keine Entlastung zu erwarten, muss man Ärzte einkaufen, die die Arbeit machen.
Die ehemaligen Abwrack-Ärzte sind schon bei den Groß-Kliniken untergekommen. Die Niedergelassenen haben selbst hohen Bedarf. Mit anderen Worten, der Arbeitsmarkt ist geräumt. Wenn jetzt die ambulanten Gesundheitszentren Ärzte brauchen, weil sie sie einstellen müssen, dann geht das nur über höhere Gehälter als im stationären Bereich. Daraus folgt zweierlei. Erstens, die Groß-Kliniken werden genau so viele Ärzte an die ambulanten Gesundheitszentren verlieren, bis deren Bedarf gedeckt ist. Zweitens, die Personalkosten werden deutlich steigen was zu höheren Kosten, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich führen muss.
Bisher war im ambulanten Bereich niemand in der Lage oder willens, höhere Personalkosten gegenüber der GKV durchzusetzen. Insbesondere die KVen haben auf dem Gebiet vollkommen versagt. Sind die ambulanten Gesundheitszentren erst einmal als relevante Player auf dem Markt, ändert sich das sofort. Denn Finanzinvestoren werden genau den Preis auf dem Markt durchsetzen, der zu erzielen ist.
Da in der Ausgangslage, sprich heute, schon ein hoher Nachfrageüberhang nach fachärztlichen Leistungen besteht, der sich um 5 Mio stationäre Behandlungsfälle vergrößert, ist der Nachfrageüberhang nach der Umwandlung in ambulante Gesundheitszentren „gigantisch“. Das kleine ökonomische Einmaleins lehrt, dass die Anbieter in der Lage auf Grund ihrer hohen Marktmacht die Preise setzen können. Und genau das werden sie tun.
Am Ende werden die Preise für ambulante Behandlungen, gegenüber dem völlig unzureichenden heutigen Niveau, geradezu explodieren.
Neben den ambulanten Gesundheitszentren, bzw. deren Inhabern, werden dann auch die ambulant tätigen Fachärzte profitieren, die es geschafft haben, bis dahin zu überleben.
Selbstverständlich haben Sie das alles gewusst.
Interessanterweise haben es die Ärztefunktionäre alle zusammen nicht verstanden bzw. sich sehr bedeckt gehalten.
Was wohl Patienten sagen werden, wenn man denen reinen Wein einschänkt? Denn bis es irgendwann einmal so weit sein wird, wird sich das Versorgungsniveau vielfach deutlich verschlechtert haben.









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