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Politik

Sachverständigenrat springt Bertelsmann bei Krankenhaus­schließungen zur Seite

Mittwoch, 17. Juli 2019

/dpa

Berlin – Die Macher der Bertelsmannstudie über die Vorteile massenhafter Kran­ken­hausschließungen haben ihre Ergebnisse gegen Kritik aus Politik und Ärzteschaft verteidigt. Rückendeckung erhielt Bertelsmann vom Sachverständigenrat Gesundheit (SVR).

Es sei darum gegangen, eine Diskussion über Notwendigkeiten in Gang zu setzen, die von den meisten unabhängigen Experten auf diesem Gebiet längst geteilt würden, sagte der Leiter der Studie, Jan Böcken, der Augsburger Allgemeinen.

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„Wir wollen nicht zuletzt Landräten, die erkennen, dass in ihrem Kreis eine Klinik­schließung die vernünftigste Entscheidung wäre, Argumente liefern“, betonte er. Es gebe keine Alternative zu Konzentration und Spezialisierung auf diesem Sektor.

Das Ausmaß der Kritik habe die Mitglieder des Expertenteams, das an der Studie beteiligt war, nicht überrascht. Allerdings kritisierte der Leiter der Studie den Stil der Kritik: Der „Shitstorm“, der über ihn und seine Kollegen hinwegfegte, sei schon sehr unangenehm gewesen, sagte Böcken. „Gerade auf Facebook oder Twitter kamen viele Sachen an, die klar unter der Gürtellinie sind“, fügte er hinzu.

Zustimmung von jungen Ärzten

Allerdings habe es auch positive Reaktionen darauf gegeben, dass die Studie die Ri­siken kleiner Kliniken für Patienten aufzeige. „Endlich sagt es mal jemand – so haben junge Ärzte, die an kleinen Kliniken arbeiten, unsere Studie kommentiert“, sagte der Studienleiter. Viele hätten bereits die schlimme Situation erlebt, mit unzu­reichender technischer Ausstattung Herzinfarkt-Notfallpatienten nicht optimal helfen zu können.

Der Sachverständigenrat Gesundheit (SVR) bekräftigte gestern Abend seine Forde­rung nach einer Neuordnung der Krankenhaus­landschaft. Der Ratsvorsitzende und Mediziner Ferdinand Gerlach verwies auf das SVR-Gutachten aus dem vergangenen Jahr, das eine umfassende Analyse der Krankenhausversorgung enthält.

„Das Patientenwohl – und das heißt vor allem: die Qualität der Versorgung – sollte das oberste Kriterium sein, wenn es um die Standorte und die Größe von Krankenhäusern geht“, sagte er. Kliniken erbrächten nachweislich viele Leistungen besser und sicherer, wenn sie diese häufig durchführten, personell gut aufgestellt seien und auch für Kom­pli­kationen optimal gerüstet seien. Das gilt Gerlach zufolge für die Notfallversorgung etwa von Herzinfarkten oder Schlag­anfällen ebenso wie für spezialisierte Operationen und sei wissenschaftlich gut belegt.

„Das Krankenhaus um die Ecke ist nicht automatisch das bestgeeignete. Auch wenn die Wege sich etwas verlängern, sind die Ergebnisse nicht selten besser“, sagte Gerlach. Vor allem in heute überversorgten Ballungsgebieten könnte durch die Konzentration auf leistungsstarke, gut ausgestattete Krankenhausabteilungen den Patienten eine noch höhere Qualität angeboten werden.

Gerlach betonte zugleich, der SVR habe sich im Gutachten „bewusst nicht auf Zahlen festgelegt“, aber „Umwandlungen und Schließungen von nicht bedarfsnotwendigen Kliniken sind im Interesse besserer Versorgungsqualität sinnvoll, so der SVR-Vorsitzende.

Der stellvertretende Ratsvorsitzende und Gesundheitsökonom Wolfgang Greiner er­klärte, dass die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland im europäischen Ver­gleich sehr hoch sei. Das gelte nicht zuletzt für Ballungsgebiete. Viele Leistungen könnten auch ambulant erbracht werden, was nicht nur effizienter sein könne, sondern oft auch dem Wunsch der Patienten entspreche.

SVR sieht Politik am Zug

Greiner sieht auch die Bundespolitik am Zug. „Mit dem sogenannten Strukturfonds hat der Gesetzgeber ein sinnvolles Instrument für den Kapazitätsabbau geschaffen. Der Fonds unterstützt die Umwandlung und Schließung von Kliniken. Er sollte finanziell ge­stärkt werden und stärker auf die Schließung ganzer Krankenhäuser in überver­sorg­ten Regionen wie zum Beispiel manchen Großstädten abzielen. Auch sollten die PKV-Versicherten an der Finanzierung des Strukturfonds beteiligt werden.“

Der Rat hatte 2018 ein umfangreiches Gutachten zur bedarfsgerechten Steuerung der Gesundheitsversorgung vorgelegt. Darin empfiehlt er für den Krankenhaussektor – neben der Reform der Krankenhausplanung und einer Stärkung des Strukturfonds – auch Reformen der Investitions- und Betriebskostenfinanzierung der Kliniken. Ein weiterer Fokus liegt auf einer stärker bundeslandübergreifenden Planung.

Der Rat empfiehlt zudem, die Planung der Krankenhäuser stärker zusammen mit der Planung der niedergelassenen Ärzte durchzuführen und sie zu einer leistungsorien­tier­ten Planung weiterzuentwickeln, die bestimmte Behandlungen plant und weniger die Bettenzahl. „Wir dürfen die Krankenhausplanung nicht länger isoliert sehen. Die sektorenüber­grei­fende Planung gehört ganz oben auf die politische Agenda“, fasst Gerlach die Stoßrichtung des Rates zusammen.

Die vorgestern veröffentlichte Studie fordert eine Verringerung der Zahl der Kliniken von 1.400 auf deutlich unter 600 Häuser. Damit könnten die Qualität der Behand­lun­gen und die Personalsituation der Kliniken deutlich verbessert werden.

Die Studie hatte unterschiedliche Reaktionen von Ärzten und Krankenhäusern, aber auch aus der Politik hervorgerufen. Wichtigste Kritikpunkte waren, dass damit insbe­sondere im ländlichen Raum ein Kahlschlag in der Krankenhausversorgung drohe. Auch würden gut erreichbare Krankenhäuser mit Grundversorgung in der alternden Gesellschaft immer wichtiger. © kna/may/aerzteblatt.de

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