NewsMedizinEvolutionärer Verlust eines einzigen Genes könnte für Herzinfarkte verantwortlich sein
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Evolutionärer Verlust eines einzigen Genes könnte für Herzinfarkte verantwortlich sein

Dienstag, 23. Juli 2019

Sergey Nivens - stock.adobe.com

San Diego – Der Verlust eines einzigen Gens vor etwa zwei bis drei Millionen Jahren könnte dafür verantwortlich sein, dass Menschen grundsätzlich ein höheres Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben als andere Tiere wie etwa Menschenaffen. Und dieser evolutionäre Genverlust könnte es auch sein, der das Risiko für Menschen, die viel rotes Fleisch essen, noch weiter nach oben treibt. Dies zeigt eine in PNAS veröffentlichte Studie (2019; DOI: 10.1073/pnas.1902902116).

Es ist gut zehn Jahre her, dass dem Pathologen Nissi Varki und dem Molekularmediziner Ajit Varki, beide von der University of California San Diego School of Medicine, auffiel, dass andere Säugetiere, praktisch nie atherosklerosebedingte Herzinfarkte erleiden. Und das gilt selbst für die eng mit Menschen verwandten Schimpansen, auch wenn sie in Gefangenschaft leben und „menschliche“ Risikofaktoren wie hohe Lipidwerte, Hypertonie und Bewegungsmangel teilen. Wenn Schimpanzen einen Herzinfarkt haben, dann aufgrund einer bislang noch nicht erklärbaren Vernarbung des Herzmuskels.

Anzeige

Nun berichten die beiden Varkis, dass es bei genetisch modifizierten Mäusen mit einem Mangel an N-Glycolylneuraminsäure (Neu5Gc) – wie er bei Menschen vorliegt – zu einem signifikanten Anstieg der Atherosklerose kommt – im Vergleich zu Kontrollmäusen, die noch über das Gen CMAH verfügen und weiter Neu5Gc produzieren.

Die beiden Wissenschaftler glauben, dass es in der menschlichen Evolution vor einigen Millionen Jahren zu einer Mutation kam, die das CMAH-Gen deaktivierte. Die „menschenähnliche“ Elimination von CMAH und Neu5Gc bei Mäusen habe den Schweregrad der Atherosklerose im Vergleich zu nicht modifizierten Mäusen nahezu verdoppelt, schreiben sie.

„Das erhöhte Risiko scheint durch mehrere Faktoren bedingt zu sein, unter anderem hyperaktive Leukozyten und eine Neigung zu Diabetes bei den ‚menschenähnlichen‘ Mäusen“, erklärt Ajit Varki in einer Pressemitteilung. „Dies könnte auch erklären, weshalb selbst vegetarisch lebende Menschen ohne andere offensichtliche kardiovaskuläre Risikofaktoren dennoch in Relation zu unseren evolutionär nächsten Verwandten im Tierreich ein hohes Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle haben.“

Mögliche Erklärung für Verbindung zwischen rotem Fleisch und Atherosklerose

Dennoch scheint der Verzehr von rotem Fleisch das Risiko noch einmal weiter nach oben zu treiben: Durch den Konsum von rotem Fleisch werden Menschen immer wieder gegenüber Neu5Gc exponiert, dies führt den Wissenschaftlern zufolge zu einer Immunreaktion und chronischen Inflammation, die sie als „Xenosialitis“ bezeichnen. In ihren Experimenten führte eine Neu5Gc-reiche, fettreiche Ernährung bei den genetisch modifizierten, „menschenähnlichen“ Mäusen zu einer Zunahme der Atherosklerose um das 2,4-Fache, die sich weder durch Veränderungen der Blutfettwerte noch der Blutglukose erklären ließ.

„Der evolutionäre Verlust von CMAH beim Menschen trägt wahrscheinlich sowohl durch intrinsische als auch extrinsische Faktoren zu einer Prädisposition gegenüber Atherosklerose bei, schreiben die Autoren, „und es sollte in Betracht gezogen werden, in künftigen Studien dieses menschenähnlichere Tiermodell zu verwenden.“ © nec/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Dienstag, 23. Juli 2019, 19:07

Es ist auch ein anderer Grund bekannt,

warum Tiere keine arteriosklerosebedingten Herzinfarkte erleiden: Der Organismus der meisten Tiere unterscheidet sich vom menschlichen dadurch, dass der menschliche Organismus kein Vitamin C herstellen kann. Der Organismus der Schimpansen kann ebenfalls kein Vitamin C herstellen.
Vitamin C ist bekanntlich für die Festigkeit der Bindegewebe unverzichtbar. Bei völliger Abwesenheit von Vitamin C zerfallen die Gewebe. Man spricht dann von Skorbut. Geringfügiger Skorbut dagegen bleibt unbemerkt, weil die hierbei entstandenen Blessuren laufend mit Cholesterin ausgebessert werden. Bei den großen Gefäßen können Aneurysmen entstehen.
LNS

Nachrichten zum Thema

16. Oktober 2019
Freiburg – Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass chronische Entzündungsvorgänge und das Immunsystem eine wichtige Rolle bei Herzinfarkt und Schlaganfall spielen könnten. Der Europäische
EU fördert Freiburger Forschung zu Entzündungen bei Herzinfarkt und Schlaganfall
15. Oktober 2019
Mannheim – Patienten, die an einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (pAVK) leiden, haben ein vier- bis sechsfach erhöhtes Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Dies werde jedoch
Periphere arterielle Verschlusskrankheit oft unterschätzt
9. Oktober 2019
Uppsala – Ein Hund, der den Halter zu körperlicher Aktivität zwingt und soziale Kontakte fördert, könnte bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine sekundärpräventive Wirkung haben. In einer
Studie: Haushund senkt Sterberisiko nach Herzinfarkt und Schlaganfall
18. September 2019
Uppsala – Der Besuch einer Herzschule im Rahmen einer kostenlosen Reha senkt bei schwedischen Herzinfarkt-Patienten die kardiovaskuläre Sterberate und die Gesamtsterblichkeit in den ersten beiden
Herzschule in Schweden verringert Sterblichkeit von Herzinfarktpatienten
2. September 2019
Hamilton – Eine perkutane koronare Intervention (PCI), die zur Behandlung eines akuten Myokardinfarkts durchgeführt wird, bietet bei Patienten mit Mehrgefäßerkrankung die Möglichkeit, Stenosen in
STEMI: PCI in unbeteiligten Koronarien kann weiteren Herzinfarkten vorbeugen
23. August 2019
München – Ob ein Herzinfarkt in der Nacht oder am Tag auftritt, hat keinen Einfluss auf den Schweregrad der Folgen. Zu diesem Ergebnis kommen Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für
Ausmaß eines Herzinfarkts unabhängig von der Tageszeit
12. August 2019
Hennigsdorf – Berlin und Brandenburg wollen sich dafür einsetzen, dass das Projekt „QS-Notfall“ zur Qualitätssicherung in der Notfallversorgung von Patienten mit Herzinfarkt in die Regelversorgung
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER