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Medizin

Studie: Paläo-Diät erhöht kardiovaskulären Risikomarker

Dienstag, 23. Juli 2019

©Alexander Raths - stock.adobe.com

Perth – Die Paläo-Diät setzt auf Nahrungsmittel, die vor der Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht in der Jungsteinzeit verfügbar waren. Laut einer Studie im European Journal of Nutrition (2019; doi: 10.1007/s00394-019-02036-y) kommt es dabei zu einer Veränderung der Darmflora, die langfristig die Entwicklung einer Atherosklerose fördern könnte.

Die Ausbreitung von Ackerbau und Viehzucht im Neolithikum hat die Ernährung der Menschen grundlegend verändert. Sie sind seither nicht mehr auf die Beeren, Nüsse und Samen angewiesen, die sie beim Durchstreifen von Wald und Feld sammelten, ergänzt durch die Beute ihrer Jagd auf Tiere und Fische. Stattdessen wurden Brot und andere Getreideprodukte sowie Milch und Milchprodukte zum Hauptbestandteil ihrer Ernährung.

Die Anhänger der Paläo-Diät argumentieren, dass dieser Wechsel sich nicht mit den genetischen Voraussetzungen des Stoffwechsels verträgt, der sich im Verlauf der Evolution auf die frühere Ernährungsweise angepasst hat. Die Idee der Paläo-Diät ist derzeit weltweit vor allem bei jüngeren Menschen beliebt. Ernährungswissenschaftler beurteilen die Diät kritisch. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) begrüßt zwar den Verzicht auf Zucker, Softdrinks, ernährungsphysiologisch ungünstige Fette (wie trans-Fettsäuren), Fastfood und hochverarbeitete Lebensmittel. Auch der Fokus auf naturbelassene Lebensmittel wird positiv bewertet. Ungünstig ist aus Sicht der DGE jedoch der völlige Verzicht auf Getreideprodukte als wichtige Lieferanten für Ballaststoffe und B-Vitamine, auf Hülsenfrüchte als hochwertige Proteinquellen, Ballaststoffe und B-Vitamine und der Verzicht auf Milchprodukte, die wichtige Quellen für Kalzium, Jod und Riboflavin sind.

Hoher Fleischkonsum könnte sich negativ auswirken

Einen weiteren Aspekt der Paläo-Diät haben jetzt Forscher der Edith Cowan University in Perth untersucht. Angela Genoni und Mitarbeiter vermuten, dass der hohe Fleisch­konsum sich über die Darmflora negativ auf die Gesundheit auswirken könnte. Die Bakterien verstoffwechseln nämlich das im Fleisch enthaltene Cholin und Carnitin in Trimethylamin. Trimethylamin wird von der Darmschleimhaut resorbiert und in der Leber in Trimethylaminoxid (TMAO) umgewandelt. In tierexperimentellen Studien hat TMAO die Atherosklerose gefördert, und epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufiger erhöhte TMAO-Konzentrationen im Blut haben.

Die australischen Forscher haben 44 Menschen untersucht, die sich im Mittel seit 2,38 Jahren nach den Prinzipien der Paläo-Diät ernährten. Die Hälfte verzehrte am Tag weniger als einmal Getreideprodukte oder Milchprodukte (strikte Paläo-Diät), die andere Gruppe kam auf mehr als eine Portion am Tag (Pseudo-Paläo-Diät).

Tatsächlich hatten die Personen, die sich strikt an die Paläo-Diät hielten, mehr TMAO im Blut. Die mittlere Serumkonzentration betrug 9,53 µMol. Sie war damit mehr als doppelt so hoch wie in einer Kontrollgruppe von 46 Gleichaltrigen, die sich an keine Diät hielten. Sie hatten eine mittlere TMAO-Serumkonzentration von 3,93 µMol. Die Pseudo-Paläo-Diät war mit einer TMAO-Serumkonzentration von im Mittel 5,47 µMol verbunden.

Frühere Untersuchungen hatten gezeigt, dass die TMAO-Serumkonzentrationen erst steigen, wenn sich die Darmflora an eine Fleischkost angepasst hat. Der Vergleich der Stuhlproben ergab, dass die Anhänger der Paläo-Diät eine höhere Zahl von Clostridium hathewayi im Darm haben. Diese Bakterien aus dem Genus der Hungatella sind dafür bekannt, dass sie Trimethylamin bilden.

Dieser Befund erklärt plausibel, warum eine Paläo-Diät zu erhöhten TMAO-Konzen­trationen im Blut führt. Dass sich dies negativ auf die Gesundheit auswirkt, ist derzeit allerdings nur eine Vermutung, die auf Plausibilitätsannahmen beruht. Ob die Anhänger der Paläo-Diät anfälliger für die Entwicklung einer Atherosklerose sind und häufiger an Herzinfarkt und Schlaganfälle erkranken, wird sich erst in einigen Jahrzehnten zeigen. Es bleibt abzuwarten, ob die Anhänger ihre Diät solange durchhalten. Die Erfahrungen zeigen, dass die meisten Diäten eher kurzlebig sind. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #660070
urodog
am Samstag, 3. August 2019, 18:00

Paleodiaet

Unsere Vorfahren waren als Jäger und Sammler den größten Teil des Tages zu Fuss unterwegs, und das wird hier bei der Diskussion über die damalige Ernährung außer Acht gelassen. J. Scheidt
Avatar #771325
Reeber-Isariuk
am Samstag, 3. August 2019, 10:40

Die Empfehlungen der Herzstiftung sind danach tödlich?

Trimethylaminoxid kann also aus rotem Fleisch gebildet werden, welchen dann für die Athereosklerose mit verantwortlich ist.
Nun enthält der Seefisch, welcher in der mediterranen Küche für Herzpatienten empfohlen wird, wesentlich mehr TMAO. Heilbutt generierte in der Untersuchung eine TMAO-Menge, die 107 mal so hoch war wie rotes Fleisch!
https://de.m.wikipedia.org/wiki/Trimethylaminoxid
Avatar #110990
schrievers
am Mittwoch, 31. Juli 2019, 19:50

"paläo" und andere identitätsstiftende ernährungsweisen

danke, herr wiesenfeldt, für ihren schönen kommentar!
auf der titanic spielte die kapelle auch noch als das wasser schon in den konzertsaal drang.
leider gibt es diesmal aber keine rettungsboote.
es scheint wirklich immer noch sehr schwer zu sein, sich von luxusproblemen freizumachen
und sich stattdessen mehr für seinen persönlichen ökologischen footprint zu interessieren.
die individuelle (egoistische) zukunftsperspektive ist sehr leicht durch einen mentalen kunstgriff von der aller anderen lebewesen auf der erde zu trennen.
hoffentlich haben die "paläologen" (und einige andere aus der sortierung fleischfresser) kinder, die
über kurz oder lang unruhe ins haus tragen.



Avatar #528057
Jörg Wiesenfeldt
am Mittwoch, 24. Juli 2019, 09:05

Tja, low carb ist nicht alles

Die irrsinnige Fleisch(fr)esserei unserer abendländisch-christlichen Zivilisation, egal ob in der Normalo-Lidl, Atkins oder "Paleo"-Variante ist weder gesund noch Tier- bzw. umweltfreundlich. Man denke an den Gülleeintrag mit Nitraten im Trinkwasser, den Stücklohn der Groß-Fleischerei-Arbeiter und die Landschaftszerstörung incl. Regenwaldabholzung zwecks Sättigung unserer atavistischen Bedürfnisse. Von den Haltungsbedingungen der armen Schweine ganz zu schweigen. Aber vermutlich ist das für Leute, die eine Religion aus ihrer Ernährung machen, "Wurscht". Echte Paleofreaks mögen doch bitte wie im Mesolithikum mit Pfeil, Bogen und Speer auf die Jagd nach Paarhufern gehen, und dabei auf Wölfe Acht geben. Hoffentlich ist dann auf der Heimfahrt der SUV nicht zerkratzt.
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Dienstag, 23. Juli 2019, 18:53

Die Ursache der Arteriosklerose ist längst entdeckt.

Alles andere ist Kaffeesudlesen, das den Zweck hat, von der Tatsache abzulenken, dass es sich beim arteriosklerotischen Prozess um einen Reparaturprozess handelt, der notwendig wird, wenn es dem Organismus an Vitamin C mangelt. Vitamin C ist bekanntlich für die Festigkeit der Bindegewebe unverzichtbar. Bei völliger Abwesenheit von Vitamin C zerfallen die Gewebe. Man spricht dann von Skorbut. Geringfügiger Skorbut dagegen bleibt unbemerkt, weil die hierbei entstandenen Blessuren laufend mit Cholesterin ausgebessert werden. Bei den großen Gefäßen können Aneurysmen entstehen.
Avatar #775323
00007460
am Dienstag, 23. Juli 2019, 18:33

Hoher Fleischkonsum

Gesichert ist auf alle Fälle, dass zu hoher Fleischkonsum das Basen-Säure-Verhältnis im menschlichen Körper zu Gunsten des Säurehaushalts verändert, was wiederum nachweislich vermehrt zur Entzündungsneigung im Körper führt.
Avatar #735550
rp__bt
am Dienstag, 23. Juli 2019, 18:28

Das sagt noch nicht viel.

So ein schwacher Surrogatmarker sagt so gut wie nichts darüber aus, wie man sich ernähren soll. Übrigens gibt's einen guten Clip in Youtube, wo Herr Pollmer erklärt, was WIRKLICH eine Paläo-Diät wäre.
LNS

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