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Medizin

Kompensations­strategien könnten Autismusdiagnose verzögern

Mittwoch, 24. Juli 2019

/Bits and Splits, stockadobecom

London – Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen entwickeln Kompensations­stra­­te­gien, um sich besser in die neurotypische Gesellschaft einzufügen. Dies ist mit­unter erfolgreich, kann aber dazu führen, dass die Erkrankung verspätet erkannt wird und die Betroffenen nicht die Unterstützung erhalten, die sie benötigen. Dies zeigt eine Studie britischer Forscher, die in The Lancet Psychiatry erschienen ist (2019; DOI: 10.1016/S2215-0366(19)30224-X).

Bei der Untersuchung handelt es sich den Autoren um Lucy Anne Livingston vom So­cial, Genetic, and Developmental Psychiatry Centre am King’s College London zufolge um die erste wissenschaftliche Studie zu Kompensationsstrategien bei Autismus.

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Sie zeigt, dass die Nutzung von Kompensationsstrategien durchaus positive Konse­quenzen haben kann: Sie erleichtern den Aufbau und die Pflege von Beziehungen mit anderen Menschen, lassen die Patienten unabhängiger sein und ermöglichen eine berufliche Tätigkeit. Andererseits stellen sie für die Betroffenen häufig eine große psychische Belastung dar, können ein Hindernis für eine frühzeitige Diagnose sein und verhindern, dass das soziale Umfeld der Patienten deren Hilfebedarf erkennt.

Die Ergebnisse der Studie basieren auf einer Online-Befragung von 136 Erwachse­nen, die sich auf einen Aufruf über soziale Medien sowie der UK National Autistic Society hin gemeldet hatten. Bei 58 von ihnen war die Diagnose Autismus klinisch gesichert, 19 hatten keine entsprechende Diagnose, identifizierten sich aber selbst als autistisch. Die restlichen 59 hatten weder eine Diagnose, noch identifizierten sie sich selbst als Autisten, berichteten aber dennoch von sozialen Problemen.

Die Auswertung der Befragung ergab, dass Menschen mit Autismus-Spektrum-Störun­gen eine Vielzahl von Kompensationsstrategien anwenden, um negative Outcomes zu vermeiden. Und dies galt für die Umfrageteilnehmer ohne klinische Diagnose ebenso wie für diejenigen, bei denen die Autismuserkrankung gesichert war.

Anpassungsreaktion auf externen gesellschaftlichen Druck

Entwickeln würden sie die Kompensationsstrategien auf Basis von Erfahrungen und Logik, schreiben die Studienautoren. Das Ziel sei, in sozialen Situationen „richtig“ zu reagieren und so mehr Möglichkeiten zu haben und besser dazu zu passen. Aber auf neurokognitiver Ebene blieben sie autistisch und das könne die Diagnose, aber auch die erforderliche Unterstützung dieser Menschen erschweren, so die Wissenschaftler weiter.

„Unsere Studie zeigt, dass Kompensation bei Menschen mit Autismus eine An­passungs­­reaktion auf externen gesellschaftlichen Druck ist. Dieses Ergebnis stimmt mit Forschungsergebnissen überein, die zeigen, dass autistische Menschen trotz des negativen Einflusses auf ihr Wohlbefinden dazu getrieben werden, die gesellschaftli­chen Erwartungen an menschliches Verhalten zu erfüllen“, erklärt Livingston in einer Pressemitteilung.

Die Arbeitsgruppe um Livingston identifizierte verschiedene Arten von Kompensati­ons­strategien, darunter die Maskierung von Verhalten (z.B. nicht auszusprechen, was man wirklich denkt), oberflächliche Kompensation (z.B. auf Stichworte hin zu lachen), tiefgehende Kompensation (z.B. das Planen und Einüben von Gesprächen) und Gefälligkeitsstrategien (z.B. immer extrem hilfsbereit zu sein).

Die Motivation für die Nutzung von Kompensationsstrategien war vielfältig, aber am häufigsten steckte dahinter der Wunsch, Beziehungen zu anderen Menschen aufzu­bauen. Eine Teilnehmerin sagte: „Mit Kompensation habe ich einen Job, bei dem Men­schen meine Arbeit respektieren, mich um Unterstützung bitten, nach meiner Meinung fragen, (…) meine Kollegen und Freunde mögen mich, (…) ich lebe nicht am Rande der Gesellschaft, verloren und allein, wie es hätte sein können. Ich habe großes Glück gehabt.“

Das Gefühl zu schauspielern

Vielen Menschen mit Autismus ist dabei durchaus bewusst, dass neurotypische Men­schen ihre Strategien auch durchschauen können. Ein Teilnehmer sagte: „Es zeigen sich offensichtliche Fehler, wenn man genau hinsieht – ich wiederhole mich oder ver­wende Phrasen aus Film und Fernsehen und manchmal sage ich Dinge, die in dem Moment überhaupt nicht passen.“

Und ein anderer merkte an: „Ich habe die meiste Zeit über das Gefühl zu schauspie­lern. Und wenn Menschen sagen, dass ich einen bestimmten Charakterzug habe, dann fühle ich mich wie ein Betrüger, weil ich diesen Charakterzug absichtlich zum Vorschein bringe.“

Dass die Nutzung von Kompensationsstrategien eine erhebliche psychische Belatung darstellen kann zeigte sich in der Studie daran, dass sie signifikant mit einer schlech­te­ren psychischen Gesundheit assoziiert waren. Aber auch die Diagnose litt darunter: Bei 47 der 58 diagnostizierten Teilnehmer war die Erkrankung erst spät im Erwachse­nenleben diagnostiziert worden, bei den anderen elf vor dem 18. Lebensjahr.

Es zeigte sich darüber hinaus, dass die äußere Umgebung Einfluss auf das Kompen­sationsverhalten hat. Es könne vorkommen, dass Menschen mit Autismus sich in be­stimmten Situationen neurotypisch zeigten und in anderen nicht. Ärzte sollten sich darüber bewusst sein, so die Autoren, wenn sie einen möglichen Autismus diagnos­tizieren.

© nec/aerzteblatt.de

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