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Medizin

Havanna-Syndrom: Forscher entdecken Hirnveränderungen bei Botschafts­angehörigen

Mittwoch, 24. Juli 2019

US-Botschaft in Havanna /picture alliance, Jens Kalaene

Philadelphia – Zweieinhalb Jahre nachdem sich die ersten Angehörigen der US-Bot­schaft in Havanna nach angeblich gezielten Angriffen krank gemeldet haben, berich­ten US-Hirnforscher im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 336-347) über Veränderungen in der weißen Hirnsubstanz, deren klinische Bedeutung jedoch unklar bleibt.

Ende 2016 klagten erstmals Mitarbeiter der US-Regierung in Havanna und ihre Fami­lienangehörigen über neurologische Symptome. Darunter waren Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Schwindel, Sehstörungen und Gleichgewichtsstörungen.

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Die Patienten brachten die Symptome mit Episoden von plötzlichen, sehr lauten Ge­räu­­­schen in ihren Häusern und Hotelzimmern in Verbindung. Beamte des US-Außen­ministeriums bezeichneten sie später als „Schallangriffe“ („sonic attacks“) oder als „Richtungsphänomen“ („directional phenomena“).

Die Hintergründe für die vermeintlichen Attacken konnten niemals geklärt werden. In den Gebäuden wurden keine Spuren oder Beschädigungen entdeckt. Es gab nur die subjektiven Symptome der Patienten, die allerdings von den Neurologen als glaubhaft eingestuft wurden.

Sie verglichen sie in einer früheren Studie mit einem postkommotionellen Syndrom, das nach einem Schädel-Hirn-Trauma auftritt – nur dass bei den Botschaftsangehöri­gen niemals objektive Hinweise aus eine Hirnschädigung gefunden wurden. Bis jetzt.

Ein Team um Ragini Verma hat 40 erkrankte Botschaftsangehörige und 48 gesunde Kontrollen mit einem leistungsstarken 3-Tesla-Magnetresonanztomografen untersucht. Neben der klassischen Darstellung der weißen und grauen Hirnsubstanz wurde auch eine Diffusions-Tensor-Bildgebung durchgeführt, die anhand der verminderten Wasser­­diffusion den Verlauf von Nervenfasern rekonstruieren kann. Mit der „Resting state fMRI“ wollten die Forscher Aufschluss über die funktionelle Konnektivität erhal­ten.

Schwierige Interpretation

Die genaue Untersuchung förderte einige Unterschiede zutage, deren Interpretation den Hirnforschern jedoch schwerfällt. In der grauen Hirnsubstanz, in der sich die Zell­kerne befinden, wurden keine Abweichungen festgestellt.

Das mittlere Volumen der weißen Hirnsubstanz war bei den Botschaftsangehörigen jedoch signifikant geringer als bei den Kontrollen. Der Unterschied zwischen 542,22 cm3 bei den Botschaftsangehörigen und 569,61 cm3 bei den Kontrollen macht immer­hin 27,39 cm3 aus und war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 16,84 bis 37,93 statistisch signifikant.

Die Rückgänge der weißen Hirnsubstanz wurden im ventralen Dienzephalon (Zwi­schen­hirn) und im Cerebellum (Kleinhirn) gefunden, dort vor allem in der unteren Ver­mis. Im Kleinhirn wurden auch Störungen in der Konnektivität entdeckt.

Außerdem scheint es funktionelle Störungen im auditorischen und visuell-räumlichen Subnetzwerk zu geben. Das passt zu den Symptomen der Patienten, da das Kleinhirn ein wichtiges Schaltzentrum für die Kontrolle der motorischen Bewegungen. Hier wer­den auch die Informationen Hör- und Gleichgewichtsorgans verarbeitet.

Mit einer traumatischen Hirnverletzung lassen sich die Beobachtungen jedoch nicht ohne weiteres vereinbaren. Bei einem Schädel-Hirn-Trauma kommt es normalerweise zu einem Ödem und damit zu einer Vergrößerung, statt zu einer Verkleinerung des Hirnsubstanz in der Magnetresonanztomografie. Verma räumt ein, dass die klinische Relevanz der Befunde derzeit nicht klar ist.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #761667
gimme-spam
am Donnerstag, 25. Juli 2019, 15:31

Hintergrund

Wir erinnern uns: Die Trump-Administration begründete den Abzug der Botschaftsmitarbeiter in Kuba mit Angriffen mittels „unbekannter Schallwaffen“. Aufnahmen der dafür verantwortlich gemachten Geräusche wurden in einer wissenschaftlichen Untersuchung jedoch als das Zirpen einer auf Kuba heimischen Grillenart identifiziert.

Die Originalstudie von Alexander Stubbs und Fernando Montealegre-Z dazu kann unter https://www.biorxiv.org/content/early/2019/01/04/510834 abgerufen werden.

Damit stellt sich die Frage, was die Hirnforscher hier gefunden haben. Hirnschäden durch Gezirpe von Anurogryllus celerinictus?
LNS

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