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Medizin

Welt-Hepatitis-Tag: WHO-Studie fordert vermehrte Anstrengungen in ärmeren Ländern

Freitag, 26. Juli 2019

/Maryna Olyak, stockadobecom

Genf und Berlin – Weltweit sind neunmal mehr Menschen mit Hepatitis infiziert als mit HIV. Dennoch wird weniger in die Diagnose und die Therapie der Erkrankungen investiert. Nach Berechnungen der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) in Lancet Global Health (2019; doi: 10.1016/S2214-109X(19)30272-4) müsste vor allem in Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommen mehr unternommen werden, um die Zahl der Erkrankungen zu senken.

Dies könnte auch Deutschland zugutekommen, denn viele hierzulande mit Hepatitis B infizierte Menschen wurden in den Hochendemieländern geboren. Die Hepatitis C wird dagegen meist im Inland erworben.

Eigentlich ist die Ausgangslage zur Eliminierung von Hepatitis B und C günstig. Bereits seit den 1980er-Jahren gibt es einen effektiven Impfstoff gegen die Hepatitis B, und die Hepatitis C kann heute mit hochwirksamen Medikamenten innerhalb von wenigen Wochen kuriert werden. Auch gegen die weniger gefährliche Hepatitis A kann geimpft werden.

Zahl der Erkrankungen nicht rückläufig

Dennoch ist die Zahl der Erkrankungen nicht zurückgegangen. Nach Schätzungen der WHO sind derzeit 325 Millionen Menschen chronisch mit Hepatitis B und C infiziert. Jedes Jahr kommen fast drei Millionen neue Infektionen hinzu. Die Zahl der Todesfälle wird auf jährlich 1,4 Millionen geschätzt. Die Virushepatitis ist weltweit nach der Tuberkulose die zweithäufigste tödliche Infektionskrankheit.

Von den 325 Millionen Infizierten leben 282 Millionen in 67 Ländern mit einem mittleren oder niedrigen Einkommen (LMIC) mit 6,7 Milliarden Einwohnern. Dort wird derzeit wenig getan, um die Infizierten zu behandeln und neue Erkrankungen zu verhindern.

Von den 257 Millionen Menschen, die in den LMIC an einer chronischen Hepatitis B er­krankt sind, wussten 2016 nur 27 Millionen, also nur jeder zehnte, von der Infektion. Be­handelt wurden nur 4,5 Millionen Infektionen. Dies hat zur Folge, dass in den LMIC pro Jahr 1,1 Millionen Menschen neu an einer Hepatitis B erkranken.

Bei der Hepatitis C sieht es nicht viel besser aus. Von 71 Millionen Infizierten in den LMIC kannten 2017 nur 13,1 Millionen, also nur jeder fünfte, seinen Infektionsstatus und von diesen wurden ganze 2 Millionen behandelt. Im gleichen Jahr erkrankten 1,75 Millionen Menschen neu an einer Hepatitis C.

Milliarden Menschen müssten getestet werden

Um die Situation zu verbessern, müssten nach den jetzt von einem Team um Yvan Hutin von der WHO in Genf vorgestellten Berechnungen 3,2 Milliarden Menschen getestet wer­den. Dies würde die Behandlung von 58,2 Millionen Menschen ermöglichen. Die zusätzli­chen Kosten beziffert Hutin auf 27,1 Milliarden US-Dollar. Dadurch könnten bis 2030 etwa 2,9 Millionen vorzeitiger Todesfälle vermieden werden.

In einem ehrgeizigeren Szenario müssten 11,6 Millionen Menschen getestet und 93,8 Millionen Menschen behandelt werden. Dies würde 58,7 Milliarden US-Dollar kosten und könnte 4,5 Millionen Todesfälle vermeiden.

Die Berechnungen gehen allerdings davon aus, dass die Medikamente gegen Hepatitis kostengünstig abgegeben werden können. Dies ist in 13 Ländern aufgrund eines Patent­schutzes nicht der Fall. Müsste dort der volle Preis für die Behandlung gezahlt werden, der bei der Hepatitis C bei 5.000 US-Dollar liegt, würden sich die Gesamtkosten nach den Berechnungen von Hutin für das ehrgeizige Szenario auf 118 Milliarden US-Dollar erhö­hen. Das wären dann mehr als derzeit für HIV (102 Milliarden US-Dollar) benötigt wer­den.

Ob eines der beiden Ziele erreichbar ist, bleibt deshalb fraglich. Denn anders als HIV ist die Hepatitis nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert, und es gibt keine Sponsoren, die die Kosten übernehmen würden. Glücklich sind allein Länder, in denn die internatio­na­len Patente nicht greifen. Dazu gehören Indien und Pakistan. Eine Hepatitis-C-Behand­lung kostet in Indien nur 40 US-Dollar, für die Behandlung der Hepatitis B müssen weni­ger als 20 US-Dollar aufgewendet werden.

Deutschland gehört bei der Hepatitis B zu den Niedrigendemieländern. Im Jahr 2018 wurden nur 4.507 Hepatitis-B-Fälle gemeldet. Dies ist zwar ein Anstieg gegenüber den früheren Jahren. Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts in Berlin führen ihn allerdings auf eine Änderung der Meldepflicht zurück. Kamen die Meldungen früher vor allem von den Ärzten, die bei einem klinischen Verdacht Tests durchführen ließen, müssen heute die Labors alle Fälle melden. Darunter sind viele Zufallsbefunde.

Die Impfung von Kindern gegen Hepatitis B sollte langfristig zu einem Rückgang der Hepatitis B führen. Der Anteil der Infizierten, die in Deutschland geboren wurden, liegt derzeit noch bei einem Drittel. Die anderen Infizierten kommen aus Ländern, in denen Kinder nicht gegen die Hepatitis B geimpft werden. Darunter sind auch Migranten aus LMIC.

Auch die Zahl der gemeldeten Hepatitis C-Infektionen ist in den vergangenen Jahren in Deutschland (wohl infolge der erweiterten Meldepflicht) auf 5.891 im Jahr 2018 gestie­gen. Der häufigste Übertragungsweg war mit einem Anteil von 80 Prozent der intrave­nöse Drogenkonsum. Es folgten iatrogene Infektionen durch den Erhalt von Blutproduk­ten vor der Einführung des Screenings im Jahr 1991. Eine dritte Risikogruppe sind Männer, die Sex mit Männern haben. © rme/aerzteblatt.de

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