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Mehr als 100 Vermisste nach Untergang von Flüchtlingsboot befürchtet

Freitag, 26. Juli 2019

/picture alliance, AP Photo

Tripolis – Vor der Küste Libyens hat sich möglicherweise die bislang schwerste Flücht­lings­­tragödie dieses Jahres abgespielt: Nach dem Untergang eines Flüchtlingsboots wer­den nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) mehr als 110 Menschen vermisst.

145 Insassen des Boots seien von der libyschen Küstenwache gerettet worden, sagte IOM-Sprecherin Safa Msehli gestern. Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ging allerdings von mehr als 250 Vermissten aus.

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IOM und Küstenwache machten unterschiedliche Angaben. Dem Sprecher der Küsten­wa­che, General Ajub Kacem, zufolge wurden nach dem Kentern des Holzbootes 134 Insass­en gerettet, eine Leiche sei geborgen worden; 115 weitere Menschen würden vermisst. Nach Angaben von Überlebenden der Tragödie waren demnach rund 250 Menschen an Bord des Holzbootes, als es rund neun Kilometer vor Choms sank. Unter den Insassen seien Kinder gewesen.

Die geretteten Migranten seien in die libysche Hafenstadt Choms 120 Kilometer östlich von Tripolis zurückgebracht worden, sagte IOM-Sprecherin Msehli. Es handelte sich laut Kacem mehrheitlich um Eritreer, aber auch Sudanesen und Palästinenser.

Die in der Seenotrettung aktive Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) gab an, ihr Team in Libyen habe 135 gerettete Insassen medizinisch betreut. Nach Angaben von Über­lebenden seien vorgestern Abend drei hintereinander vertaute Boote mit rund 400 Flüchtlingen aufgebrochen. Die Zahl der Vermissten würde sich demnach auf gut 260 belaufen.

Noch Menschen im Meer

„Offensichtlich sind noch Menschen im Meer“, sagte der in Tunis ansässige MSF-Einsatz­leiter für Libyen, Julien Raickman. Die Überlebenden befänden sich in einem extremen Schockzustand. Ein Überlebender etwa habe mit ansehen müssen, „wie eine ganze Familie verschwindet“.

Laut Raickman suchte die libysche Küstenwache gestern Abend noch nach Vermissten. Die Überlebenden seien aber nicht von der Küstenwache, sondern von Fischern gerettet worden. Der MSF-Vertreter kritisierte „die mangelnde internationale unabhängige und objektive Präsenz“ in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge sich auf den Weg nach Europa machten.

„Das neue Schiffsunglück zeigt einmal mehr, wie dringend Rettungsschiffe im Mittelmeer benötigt werden“, sagte Florian Westphal, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland. Um weitere Todesfälle zu verhindern, sei es dringend nötig, Rettungsschiffe ins Mittelmeer zu schicken. Zudem müssen Menschen, die versuchen aus Libyen zu fliehen, aus dem Land und in Sicherheit gebracht werden.

UN-Flüchtlingskommissar Filippo Grandi schrieb beim Kurznachrichtendienst Twitter, dass gerade die „schlimmste Mittelmeertragödie dieses Jahres“ ihren Lauf nehme. Er forderte eine „Wiederaufnahme der Seenotrettung“, ein Ende der „Inhaftierung von Flüchtlingen und Migranten in Libyen“ und sichere Fluchtrouten aus Libyen. Es sei höchste Zeit, damit nicht noch mehr verzweifelte Menschen ums Leben kämen.

Vor dem Unglück hatten IOM und das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR mitgeteilt, dass seit Jahresbeginn mindestens 426 Flüchtlinge beim Versuch, das Mittelmeer zu überwin­den, ums Leben gekommen seien. Erst Anfang Juli ertranken 68 Migranten, als ihr Boot vor Tunesien unterging. Raickman sagte zu den Zahlen von IOM und UNHCR, die Opfer­bilanz berücksichtige nicht die Flüchtlingsboote, auf denen niemand überlebte.

Libyen ist eine zentrale Drehscheibe für Flüchtlinge und Migranten, die über das Mittel­meer nach Europa gelangen wollen. In dem nordafrikanischen Land herrscht jedoch Bür­gerkrieg, weite Teile des Landes werden von Milizen kontrolliert. Dennoch unterstützt die EU die libysche Küstenwache, um die Zahl der auf ihrem Gebiet ankommenden Flücht­lin­ge zu verringern.

In der EU ist der Umgang mit den Bootsflüchtlingen heftig umstritten. Bei Beratungen der europäischen Außen- sowie der Innenminister in Paris gab es am vergangenen Montag erneut keine Einigung auf einen Verteilmechanismus für die Flüchtlinge. © afp/may/aerzteblatt.de

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