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Vermischtes

„Der Artikel kommt im Gewand einer wissenschaftlichen Publikation daher“

Freitag, 26. Juli 2019

San Francisco – Mitte Juli verkündete Elon Musk seine neuen Visionen im Bereich Neurotechnologie. Mit seiner Firma „Neuralink“ will er flexible Elektroden per Roboter minimal-invasiv ins menschliche Gehirn einbringen und mit einem Computer verknüpfen. Kurz darauf veröffentlichte er Details auf dem Preprint-Server BioRxiv (ohne Peer Review). Hier werden die Komponenten eines Brain Machine Interface (BMI) beschrieben, die nach Training mittels Gedanken eine Maschine steuern könnten, beispielsweise einen Roboterarm oder einen Mauscursor.

Die Elektroden sollen die Aktivität von 1.000 Nervenzellen gleichzeitig aufzeichnen – und diese gezielt ansteuern. Damit verfolgt Musk die Ideen, auf Knopfdruck neue Sprachen ins Gehirn „einspielen“ zu können oder Werbung und Stadtpläne direkt im Gehirn verfügbar zu machen. Realistischer scheinen die Ziele, Erkrankungen des zentralen Nervensystems, wie beispielsweise eine Querschnittslähmung, behandeln zu können. Die Publikation hat große Aufmerksamkeit erhalten: Mittlerweile verzeichnet der Abstract mehr als 100.000 Zugriffe und zahlreiche Kommentare, darunter auch einige Kritiker.

5 Fragen an Ulrich Dirnagl, Direktor der Abteilung Experimentelle Neurologie, Charité – Universitätsmedizin Berlin und des QUEST Centrums am Berlin Insitute of Health zu Elon Musks Zukunftsvisionen.

Deutsches Ärzteblatt: Welche Technik stellt die Firma Neuralink auf BioRxiv vor?
Ulrich Dirnagl: Der Artikel beschreibt oberflächlich einige Elemente eines von der Firma als nicht-funktionalen Prototypen generierten BMI: Elektroden zur Ableitung von Hirnaktivität, einen Chip zur Verarbeitung und Übertragung der Signale und einen OP-Roboter zum Einsetzen der Elektroden. Es fehlt alles, was nach der Ableitung der Signale noch benötigt wird, also zum Beispiel der Roboter, der die Funktion steuert. Es wird also kein BMI beschrieben, sondern nur Teile davon.

DÄ: Werden dabei technische Neuerungen beschrieben?
Dirnagl: Das Prinzip BMI und die verwendeten Komponenten sind nicht neu, sondern werden von verschiedenen Gruppen weltweit in ähnlicher Form entwickelt, und sind auch schon bei ausgewählten Patienten mit Rückenmarksverletzungen eingesetzt worden. Der Artikel beschreibt aber eine Reihe technischer Details, welche BMIs verbessern könnten –  zum Beispiel neue, sehr dünne Ableitelektroden, die Möglichkeit von einigen Tausend (statt von einigen Hundert) Elektroden ableiten zu können und den OP-Roboter zur Implantation.

Trotzdem bleibt es bei der Versprechung, dass dies ein BMI verbessern könne. Das ist durchaus plausibel – gezeigt wurde es aber nicht. Ernstgenommen wird dies an dieser Stelle nur, weil Elon Musk dahinter steht. Das soll dafür garantieren, dass schon irgendwas dran sein muss. Schließlich baut der ja auch Elektroautos.

DÄ: Wie realistisch sind Elon Musks Pläne?
Dirnagl: Der Artikel kommt im Gewand einer wissenschaftlichen Publikation daher, ist aber nichts als ein Werbeprospekt der Firma Neuralink. Dahinter steckt irrsinnig viel Geld und eine durchaus beindruckende Zusammenarbeit von Ingenieuren, Programmierern, Materialexperten, Robotik-Spezialisten und weiteren. Dies hat das Zeug, bereits existierende BMI-Systeme zur Steuerung einfachster Funktionen durch Gehirnaktivität nach intensivem Training etwas zu verbessern. Damit könnte einzelnen Patienten, beispielweise nach Querschnittslähmung, geholfen werden. Alles andere ist unseriöser Hype, Science Fiction und durch nichts im Artikel oder unserem sonstigen Wissen zur Funktion des Gehirns belegt. Wir müssen uns eingestehen, dass wir praktisch gar nicht wissen, wie das Gehirn funktioniert. Und der beschriebene Apparat wird uns da keinen Deut weiterbringen.

Viele im Artikel angedeuteten Funktionen, beispielsweise, dass damit das Hirn stimuliert werden könne, oder wie von Elon Musk bei der Präsentation behauptet, dass damit eine ‚Symbiose des menschlichen Gehirns mit künstlicher Intelligenz‘ möglich wäre – bleibt pure, durch nichts belegte Spekulation. Ob eine Erhöhung der Anzahl von Elektroden die Fähigkeit der Steuerung wesentlich verbessern kann, ist ebenfalls unklar und wird von Forschern im Feld angezweifelt.

Insgesamt erinnert mich diese Episode sehr an das Human Brain Project, das von der EU mit über einer Milliarde Euro gefördert wird. Vor zehn Jahren hat der Vater dieses Projekts, Henry Markram, in einem TED Talk in Oxford angekündigt, dass ‚wir in der Lage sein werden, das menschliche Gehirn im Computer zu simulieren‘. In zehn Jahren (also heute) werde ein Hologramm seinen TED Talk halten. Passiert ist in den zehn Jahren gar nichts dergleichen, außer dass viel Geld ausgegeben wurde.

DÄ: Preprints bei Biorxiv durchlaufen zwar kein Peer Review, aber ein Screening-Verfahren für anstößige und/oder nicht-wissenschaftliche Inhalte. Erfüllt der Beitrag wissenschaftliche Kriterien?
Dirnagl: Eine Nachvollziehbarkeit der dort angedeuteten Spezifikationen und Leistungen des Systems ist nicht gegeben. An einer Stelle wird der Artikel als ‚white paper‘ bezeichnet. Wissenschaftlich bietet der Artikel nichts Neues: Andere Gruppen sind wesentlich weiter und haben bereits Anwendungen am Menschen gezeigt. Der Artikel wurde in der Kategorie ‚New results‘ publiziert. Insofern ist die Akzeptanz des Artikels als Preprint bei Biorxiv zumindest infrage zu stellen.

Grundsätzlich ist aber zu sagen, dass es das Wesen eines Preprints ist, keinem peer review, und auch keinem editorial review zu unterliegen. Die einzige Bedingung ist, ‚that it concerns a relevant scientific field, the content is unpublished at the time of submission, and all its authors have consented to its deposition’ (BioRxiv Submission Guide). Die Auseinandersetzung findet dann via Kommentaren auf Biorxiv, auf Pubpeer, durch direkten Kontakt mit Autoren, oder in Blogs oder auf Twitter statt. Dies geschieht auch derzeit. Auf Pubpeer finden sich beispielsweise vernichtende Kritiken von Lydia Maniatis.

DÄ: Neben Musks Namen steht nur der Firmenname. Der Artikel benennt keine weiteren Autoren. Finden Sie das oder auch andere Aspekte ethisch bedenklich?
Dirnagl: Es ergeben sich durchaus ethische Bedenken: Elon Musk ist alleiniger Autor, obwohl völlig klar ist, dass er den Artikel gar nicht verfasst haben kann. Dies ist ein klarer Verstoß gegen die allgemein und international akzeptierte Publikationsethik (COPE). Sehr bedenklich – allerdings in USA lege artis, wobei in Deutschland undenkbar – ist die Tatsache, dass die im Artikel angerissenen Tierexperimente durch ein firmen-internes Reviewboard ‚genehmigt‘ wurden. Man hat also selber entschieden, dass die Experimente ethisch vertretbar sind. Außerdem weckt der Artikel unbegründete Hoffnungen bei verzweifelten Patienten, auch dies ist unethisch. © gie/aerzteblatt.de

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