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Medizin

Warnung vor „räuberischen Fachzeitschriften“: Wie Autoren nicht auf Pseudo-Journals hereinfallen

Donnerstag, 1. August 2019

/bimbim, stock.adobe.com

Rockville/Macclesfield/Tarrytown – In einer aktuellen Stellungnahme warnen drei Fach­gesellschaften Mediziner davor, ihre Forschungsergebnisse in „räuberischen Fachzeit­schrif­­ten“ zu publizieren.

„Diese Pseudo-Journals (…) unterwandern das Peer-Review-System, ihr einziger Zweck ist die Generierung finanzieller Gewinne, ethisches Vorgehen spielt dabei kaum eine Rolle“, schreiben die American Medical Writers Association (AMWA), die European Medical Wri­ters Association (EMWA) und die International Society for Medical Publication Professio­nals (ISMPP) in Current Medical Research & Opinion (DOI: 10.1080/03007995.2019.­1646535).

Pseudo-Journals stellen dem Beitrag zufolge eine „ersthafte Gefahr“ für die Legitimität wissenschaftlicher Veröffentlichungen dar. Und dies betreffe sowohl Wissenschaftler, die die Ergebnisse ihrer Arbeit publizieren wollten, als auch die medizinische Fachliteratur mit Peer-Review-Verfahren selbst.

Die von AMWA, EMWA und ISMPP kritisierten Fachzeitschriften halten sich demnach nicht an die Good-Practice-Richtlinien für wissenschaftliche Veröffentlichungen. Statt­dessen nutzen sie das Gold-Open-Access-Publikationsmodell aus, für das Autoren eine Veröffentlichungsgebühr zahlen.

Aber der Stellungnahme zufolge hapert es bei den Pseudo-Journals nicht nur am Peer Review sondern auch an Redaktion, Verbreitung, Indizierung und Archivierung der wissen­schaftlichen Artikel. „Legitime Forschung, die mit den besten Absichten durch­geführt wurde, könnte verloren gehen, wenn sie nicht ordentlich erfasst, zitiert oder langfristig zugänglich gemacht wird“, so AMWA, EMWA und ISMPP.

Die Fachgesellschaften waren aber auch davor, dass die Publikation in „räuberischen Fachzeitschriften“ der Reputation der Autoren schaden könne. Dies drohe auch, wenn Wissenschaftler – teils ohne es zu wissen – in das Editorial Board dieser Zeitschriften aufgenommen würden.

In den vergangenen 15 Jahren ist eine große Zahl neuer wissenschaftlicher Fachzeit­schrif­ten auf den Markt gekommen. Das macht es nicht leicht, „gute“ von „schlechten“ Journalen zu unterscheiden. Aber es gibt Warnsignale, die Autoren helfen können, nicht auf möglicherweise reputationsschädigende Pseudo-Journals hereinzufallen:

  • Die Verlage oder Journals werben in E-Mails aggressiv Wissenschaftler als Autoren an.
  • Der Name der Zeitschrift klingt irgendwie vertraut – weil er eine gemeine Permuta­tion eines legitimen Journal-Namen ist.
  • Die Webseite wirkt unprofessionell, mit schlechten Grafiken, sprachlichen Fehlern, toten Links und aggressiver Werbung.
  • Es fehlen Postanschrift oder Festnetznummer auf dem Journal oder der Webseite – oder es wird eine falsche Adresse/Telefonnummer angegeben.
  • Das Journal ist nicht in anerkannten Datenbanken wie PubMed oder in einem legitimen Online-Verzeichnis wie dem Directory of Open Access Journals (DOAJ) indiziert.
  • Es wird ein unrealistisch schneller Peer-Review-Prozess versprochen oder es gibt keine Information über das Peer-Review-Verfahren der Zeitschrift.
  • Die Gebühren für die Bearbeitung der Artikel sind nicht transparent, entweder sehr hoch oder sehr niedrig und fällig bei Einsendung des Manuskripts, nicht abhängig vom Ergebnis des Peer-Review-Prozesses.
  • Es wird behauptet, das Journal eine Vielzahl von medizinischen Fachgebieten oder innerhalb eines Fachgebiets eine Vielzahl von Subspezialisierungen abdeckt.
  • Der Verlag hat eine Vielzahl von Journals, die erst kürzlich aufgelegt wurden, die wenig oder gar keine publizierten Artikel enthalten, nicht zugänglich oder von offensichtlich schlechter Qualität sind.
  • Die Mitglieder des Editorial Board gehören fachfremden Disziplinen an, sind nicht in dem Land ansässig sind, in dem das Journal herausgegeben wird, oder sind Experten, die auf dem Fachgebiet publizieren, gänzlich unbekannt.
  • Das Einreichen von Manuskripten ist verdächtig einfach, es werden kaum Fragen gestellt, auch nicht nach Interessenkonflikten oder den Qualifikationen der Autoren.

Absichtliches Publizieren in Pseudo-Journals „unethisch“

In ihrer Stellungnahme sprechen AMWA, EMWA und ISMPP aber auch an, dass in jüngerer Zeit vermehrt die absichtliche Publikation in Pseudo-Journals zu beobachten sei. „Autoren entscheiden sich bewusst, in einem räuberischen Journal zu publizieren, um ihre Publika­tionsliste aufzuwerten“, berichten die drei Fachgesellschaften.

Doch: „Das bewusste und absichtliche Publizieren von Manuskripten in räuberischen Jour­nals ist unethisch. Medizinische Autoren, Redakteure und Wissenschaftler haben eine Ver­antwortung gegenüber der Integrität, Geschichte, Praxis und Reputation der Journals, in denen ihre Forschung veröffentlicht wird.“

Sie fordern deshalb alle Autoren auf, bei der Beurteilung der Reputation eines Journals gebührende Sorgfalt walten zu lassen. Ihre Arbeiten sollten sie demnach nur bei Fach­zeitschriften einreichen, die ein ordentliches Peer-Review-Verfahren anwenden und wirk­lich einen Beitrag zur wissenschaftlichen Literatur leisten. © nec/aerzteblatt.de

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Avatar #539999
klausenwächter
am Sonntag, 4. August 2019, 07:32

Wo liegt der Fokus?

Irgendwie trifft dies auch auf viele US-amerikanische Fachzeitschriften zu.
Avatar #34419
MuellerMM
am Donnerstag, 1. August 2019, 19:30

Notwendige Warnung und Frage nach einem möglichen Hintergrund

Der Beitrag in "Current Medical Research & Opinion" ist dringend notwendig; es gibt kaum etwas Schädlicheres für die medizinische Forschung als die Flut an Pseudo-Fachzeitschriften mit zweifelhaftem Vorgehen hinsichtlich des Peer-Review-Prozesses und dubiosen ethischen Grundlagen. Die Bezeichnungen "räuberische Fachzeitschrift" oder "Schad-Journal" für diese Machwerke sind eigentlich noch zu zahm.
Bleibt die Frage: Warum gibt es für solche unethischen und vom Geschäftsgebaren her fragwürdigen Firmen überhaupt einen Markt? Wird nicht bei Berufungen, Habilitationen, etc. zu sehr auf Impact-oder H-Faktor und zu wenig auf menschliche oder didaktische Qualitäten eines jungen zukünftigen akademischen Lehrer geachtet? Könnte nicht auch unser akademisches Procedere solchen "räuberischen Fachzeitschriften" das Leben allzu leicht machen?
LNS

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