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Medizin

Grünflächen in Städten fördern psychisches Wohlbefinden

Donnerstag, 1. August 2019

/Ljupco Smokovski, stockadobecom

Wollongong/Mannheim/Philadelphia – Parks und Wälder in der Nähe der Wohnung wirken sich positiv auf die psychische Konstitution der Bevölkerung in den Städten aus. Dies kam in einer Kohortenstudie aus Australien in JAMA Open Network (2019; 2: e198209) heraus.

Die möglichen Mechanismen deckt jetzt eine Studie aus Deutschland in Nature Neuro­science (2019; doi 10.1038/s41593-019-0451-y) auf. Im vergangenen Jahr haben US-Forscher in einer randomisierten Studie in JAMA Network Open (2018; 1: e180298) vorgeführt, wie eine Großstadt das Wohlbefinden der Bevölkerung verbessern kann.

Stadtbewohner leiden häufiger unter Depressionen und Angststörungen als Menschen auf dem Land. Dies kann verschiedene Ursachen haben. Dass auch die vor allem im Innenstadtbereich fehlenden Grünflächen dazu gehören, ist lange übersehen worden.

Parks und Wälder bieten der Bevölkerung jedoch nicht nur die Möglichkeit für Spazier­gänge und sportliche Aktivitäten. Sie fördern auch die Kommunikation mit anderen Men­schen und können eine Ruhezone sein, in der die Stadtbewohner dem Lärm von Verkehr und Nachbarn entfliehen und sich an den lebendigen Farben, natürlichen Formen und den Gerüchen der Natur vom Alltagsstress erholen können. An wärmeren Tagen kommt noch das gegenüber den Straßen mildere Klima hinzu.

Kohortenstudie in Australien

Thomas Astell-Burt und Xiaoqi Feng von der Universität in Wollongong (südlich von Syd­ney) haben die Auswirkungen auf die Psyche jetzt in einer Kohortenstudie untersucht. Rund 46.000 Menschen über 45 aus Sydney, Newcastle und Wollongong waren erstmals in den Jahren 2006/2009 nach ihrer psychischen Befindlichkeit, ihrem allgemeinen Ge­sund­­heitszustand und nach der ärztlichen Diagnose einer Depression gefragt worden. In einer zweiten Welle 2012/2015 wurden die Bewohner erneut interviewt.

Die Forscher haben die Antworten mit dem Anteil der Grünflächen im Umfang einer Mei­le (1,6 km) um den Wohnort in Beziehung gesetzt, wobei sie zwischen Wäldern, Parks (mit niedriger Vegetation) und Grasflächen unterschieden.  

Ergebnis: In Stadtteilen mit einem Baumkronenbestand von 30 Prozent entwickelten die Einwohner in den sechs Jahren zwischen den beiden Umfragen zu 31 Prozent seltener psychische Probleme (Odds Ratio 0,69; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,54 bis 0,88) als in Regionen mit weniger Grünanlagen.

Auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich der allgemeine Gesundheitszustand deutlich ver­schlechtert hatte, war um 33 Prozent geringer (Odds Ratio 0,67; 0,57 bis 0,80). Die nie­drige Vegetation in den Parks hatte keine günstige Wirkung und die Grasflächen (in Aus­tralien eher infolge der hohen Temperaturen farblose Steppen) wirkten sich eher negativ auf die Psyche aus. Ein Einfluss der Grünflächen auf die Häufigkeit von Depressionen ließ sich nicht nachweisen.

Ein Team um Heike Tost vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim hat in einer Studie die akuten Auswirkungen der Vegetation auf das Gemüt untersucht. Die For­scher statteten 33 gesunde Stadtbewohner mit Smartphones aus, die ihren genauen Auf­enthalt registrierten. Etwa neunmal an Tag wurden sie aufgefordert, ihre aktuelle Stimm­ung in einem Fragebogen einzuschätzen. Es zeigte sich, dass die Studienteilnehmer ein höheres Wohlbefinden angaben, wenn sie sich an einem Ort mit einem höheren Anteil an Grünflächen aufhielten.

In einem zweiten Schritt wurden 52 weitere junge Erwachsene gebeten, auf dieselbe Wei­­­se ihre Stimmung im Alltag zu bewerten. Diese Teilnehmer wurden nach der sieben­tägigen Bewertungsphase einer funktionellen Magnetresonanztomografie unterzogen. Dort zeigte sich, dass bei Menschen, die in ihrem Alltag besonders positiv auf Grünflä­chen reagierten, die Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Cortex vermindert war. Die­ser Teil der Großhirnrinde hat eine zentrale Kontrollfunktion bei der Verarbeitung nega­tiver Emotionen und stressiger Umwelterfahrungen.

Für Institutsleiter Andreas Meyer-Lindenberg legen die Ergebnisse nahe, dass Grünflä­chen besonders für solche Menschen wichtig sind, die nur begrenzt in der Lage sind, ne­ga­tive Emotionen selbst zu regulieren. Die Ergebnisse könnten für Stadtplaner inte­ress­ant sein, die durch Grünflächen ein erhebliches Präventionspotenzial auf psychische Er­krankungen entfalten könnten, schreiben die Mannheimer Forscher.

Experiment in Philadelphia

Dass diese Erwartungen nicht grundlos sind, konnte in den vergangenen Jahren in einer randomisierten Studie in der US-Großstadt Philadelphia gezeigt werden. Die Stadtver­wal­tung hatte mehr als 500 verlassene Grundstücke ermittelt, die seit Jahren verwildert wa­ren.

Ein Drittel der Grundstücke wurde im Frühjahr 2013 von der Pennsylvania Horticultural Society neu begrünt, mit Büschen und kleinen Bäumen bepflanzt, mit einem Holzzaun versehen und danach monatlich gepflegt. In einer zweiten Gruppe wurde lediglich der Müll entfernt und wenn möglich das Gras gemäht. Auch hier wurde monatlich nach dem Rechten gesehen. In der dritten Gruppe wurde nichts unternommen.

Eugenia South von der Perelman School of Medicine in Philadelphia und Mitarbeiter ha­ben vor und 18 Monate nach der Aktion eine zufällige Stichprobe von 342 erwachsenen Bewohnern der Umgebung nach ihrer psychischen Befindlichkeit befragt. Es zeigte sich, dass in der Umgebung der begrünten Leerflächen die Zahl der Teilnehmer, die sich de­pressiv fühlten um 41,5 Prozent zurückgegangen war.

Insgesamt 50,9 Prozent der Befragten fühlten sich weniger wertlos und 62,8 Prozent we­ni­ger stuften ihre derzeitige psychische Gesundheit als schlecht ein (die Unterschiede wa­ren in den ersten beiden Punkten signifikant). Die Müllsäuberung in der zweiten Gruppe hatte dagegen keinen Einfluss auf die Psyche der Bewohner. © rme/aerzteblatt.de

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