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Medizin

Magensäureblocker und Schleimhaut­protektiva könnten Allergien begünstigen

Mittwoch, 31. Juli 2019

/Mariia Petrakova, stockadobecom

Wien – Kassenpatienten in Österreich, denen Magensäureblocker oder Schleim­haut­protektiva verschrieben wurden, erhielten später doppelt so häufig wie andere Kassenpatienten Medikamente zur Behandlung von Allergien verordnet. Die in Nature Communications (2019; 10: 3298) publizierte bevölkerungsbasierte Studie soll eine Hypothese stützen, nach der die Hemmung der Magenfunktion die Allergiebereitschaft erhöht.

Magenschonende Medikamente sind in Österreich – wie in den meisten wohlhabenden Ländern – äußerst populär. Die meisten Personen greifen auch bei geringen Beschwerden gleich zum wirkungsstärksten Säureblocker, einem Protonenpumpeninhibitor (PPI). Im Jahr 2013 wurde 1,54 von etwa 8,2 Millionen Kassenpatienten in Österreich (97 Prozent der Bevölkerung) mindestens einmal ein PPI verschrieben. Sehr viel seltener wird heute ein H2Blocker oder ein Schleimhautprotektivum wie Sucralfat oder noch seltener Prostaglandin E2 verordnet. Hinzu kommt eine nicht bekannte Zahl von „Magenschonern“, darunter auch vereinzelte PPI, die in der Apotheke rezeptfrei erhältlich sind.

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PPI gelten als gut verträglich, sie sind in den letzten Jahren jedoch wegen möglicher langfristiger Risiken in die Diskussion geraten. So gefährdet die totale Säureblockade nach Einnahme von PPI die Desinfektionsfunktion des Magens. Krankheitserreger können in den Darm gelangen und dort leichter Infektionen auslösen.

Die Immunologin Erika Jensen-Jarolim von der Medizinischen Universität Wien vermutet seit längerem, dass die Magensäureblocker auch das Allergierisiko erhöhen. Eine Funktion der Magensäure besteht darin, Eiweiße zu denaturieren und durch das Enzym Pepsin zu zerlegen. Dabei wird auch die Zahl der Epitope verringert, also der Abschnitte auf den Proteinen, die nach einer Sensibilisierung im Darm eine Allergie auslösen. Die Forscher konnten diese Vermutung durch zahlreiche immunologische Untersuchungen und durch ein Tiermodell stützen. Bei Mäusen konnten sie durch Gabe von Ovalbumin leichter eine Allergie induzieren, wenn die Tiere vorher mit PPI behandelt wurden.

Diese Experimente lassen sich aus ethischen Gründen natürlich nicht am Menschen wiederholen. Idealerweise müsste in einer randomisierten Studie untersucht werden, ob Patienten, die mit PPI oder anderen Säureblockern behandelt werden, häufiger an Allergien erkranken als Teilnehmer der Placebogruppe. In den Zulassungsstudien, in denen die Patienten meist nur über wenige Wochen oder Monate beobachtet werden, ist ein Allergierisiko nicht aufgefallen, zu dem es vielleicht erst nach einer längeren Einahme oder nach einer längeren Latenz kommt.

Die Forscher haben deshalb eine epidemiologische Untersuchung durchgeführt. Sie setzten die Verordnung von Säureblockern (PPI und H2-Blocker) oder Schleimhautprotektiva (Sucralfat und Prostaglandin E2) mit einer späteren Verordnung von Allergie-Medikamenten in Beziehung. Um den Zusammenhang klarer erkennen zu können, beschränkt sich die Analyse auf Antihistaminika und die spezifische Immuntherapie. Kortikosteroide wurden nicht berücksichtigt, da sie für eine Vielzahl anderer Erkrankungen eingesetzt werden, was eine mögliche Assoziation verwässert hätte. Sucralfat und Prostaglandin E2 wurden in die Analyse einbezogen, da es für diese beiden Wirkstoffe laut Jensen-Jarolim ebenfalls Hinweise auf eine allergiefördernde Wirkung gibt.

Ergebnis: Von den Kassenpatienten, denen einer der Magensäureblocker oder Schleimhautprotektiva verordnet wurde, benötigten später 5,12 Prozent pro Jahr ein Anti-Allergikum. Bei den übrigen Versicherten betrug die Verordnungshäufigkeit nur 2,61 Prozent pro Jahr. Jensen-Jarolim ermittelt eine adjustierte Rate Ratio von 1,96, die mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,96 bis 1,97 hochsignifikant war. Im Vergleich zu Patienten, denen Lipidsenker oder Antihypertensiva verordnet wurden, benötigten die Patienten, die die „Magenschoner“ erhalten hatten, sogar dreimal häufiger ein Anti-Allergikum (Rate Ratio 3,07; 2,89 bis 3,27). Dieser zweite Vergleich war angestellt worden, um einen Multime­dikations-Bias auszuschließen. Er ergibt sich daraus, dass einige Menschen häufiger als andere zum Arzt gehen und deshalb auch häufiger behandelt werden.

Interessanterweise stieg das Risiko mit dem Alter der Patienten an. Für die unter 20-jährigen Versicherten ermittelt Jensen-Jarolim einen Anstieg um weniger als 50 Prozent (Risk Ratio 1,47; 1,45-1,49). Bei den über 60-jährigen war das Risiko um mehr als das Fünffache erhöht (Risk Ration 5,20; 5,15 bis 5,25).

Letztlich beweisen kann die Studie den Zusammenhang nicht. Es bleibt möglich, dass andere Faktoren, die mit der Inanspruchnahme von Säureblockern in Verbindung stehen, für das Risiko verantwortlich sind. Eine Schwäche der Studie besteht darin, dass es den Forscher nicht möglich war, Personen mit gleichen Eigenschaften in einer Propensity-Analyse gegenüber zu stellen. Dies scheiterte an den Datenschutzbestimmungen, die es den Krankenkassen verbieten, Einzelheiten zu den Patienten für Forschungszwecke zur Verfügung zu stellen.

Gewissheit dürfte allerdings darin bestehen, dass insbesondere PPI zu häufig verordnet werden. Viele nehmen sie offenbar nach der ersten Verordnung lebenslang ein. Jensen-Jarolim rät den Ärzten, vor Beginn der Verordnung eine Frist festzulegen, nach der die Indikation kritisch überprüft werden sollte.

Auch in Deutschland werden PPI zu häufig verordnet. Nach Hochrechnungen der Barmer Ersatzkasse bekamen im Jahr 2018 rund 11,5 Millionen Versicherte in Deutschland ein Rezept ausgestellt. Hinzu kam noch einmal eine unbekannte Zahl von rezeptfrei in der Apotheke abgegebenen Mitteln. © rme/aerzteblatt.de

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