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Ärger um Tierversuche an RWTH Aachen

Freitag, 2. August 2019

/dpa

Aachen/Berlin – Wissenschaftler der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hoch­schule Aachen (RWTH) erforschen anhand von Tierversuchen mit Ratten die Anorexia nervosa. Der Verein Ärzte gegen Tierversuche bezeichnete die Versuche jetzte als „ethisch ver­werf­lich und wissenschaftlich unsinnig“ und forderte den Stopp. Die RWTH sieht das anders.

Dem Tierschutzverein zufolge wiegen die Ratten am Ende der Versuche nur noch halb so viel wie ihre normal gefütterten Artgenossen, die in dieser Zeit an Ge­wicht zulegten. Für Tamara Zietek, Wissenschaftlerin beim Verein Ärzte gegen Tierver­suche, ist das eine „ent­setzliche Grausamkeit“. Neue Erkenntnisse gebe es dabei nicht.

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Zietek betonte, die Versuche an mehr als 200 Ratten seien in mehreren Fachartikeln be­schrieben worden. In zwei Veröffentlichungen aus dem Jahr 2018 habe die Aachener For­schungsgruppe versucht zu zeigen, dass bei Magersuchtpatienten das Gehirn schrumpft. Das sei aber „längst nachgewiesenes Wissen“. In einer anderen Arbeit werde die Beobach­tung, dass es bei magersüchtigen Patienten zu einem Östrogenabfall und einer vermin­der­­ten Gedächtnisleistung kommt, im Tierversuch bestätigt.

„Es ist nicht nachzuvollziehen und ethisch nicht zu rechtfertigen, dass Tiere solchem Leid ausgesetzt werden, um ein Phänomen zu bestätigen, das beim Menschen bereits bekannt ist“, erklärte Zietek. Zudem sei der Versuchsaufbau fern jeder Realität. Die Störungen im Essverhalten von Magersüchtigen seien „so vielfältiger und individueller Natur, dass es überhaupt keinen sinnvollen Versuchsaufbau gibt, der repräsentativ für diese Erkrankung wäre“.

Magnetresonanzaufnahmen genutzt

In der in diesem Jahr veröffentlichten Publikation sollen Zietek zufolge die Mechanismen der Hirnschrumpfung von chronisch gehungerten Ratten ergründet werden. Es würden Magnetresonanzaufnahmen vom Gehirn gemacht und die Tiere getötet. „Was würde näherliegen, als die jugendlichen Patientinnen selbst mit bildgebenden Verfahren zu untersuchen? Dies würde zu relevanten Aussagen führen“, sagte Zietek.

Von der RWTH Aachen hieß es daraufhin, auch bei Patientinnen seien mit dessen Einver­ständnis und dem der Eltern Magnetresonanzmessungen – ohne Strahlenbelastung – durchge­führt worden, mit denen aber nicht der Mechanismus der Hirnveränderungen aufgeklärt werden könne. „Nur durch die Tierversuche konnte festgestellt werden, dass es im Gehirn zu einem starken Verlust an Astrozyten kommt“, sagte eine Sprecherin.

Sie ergänzte, Zellkulturmodelle wie induzierte pluripotente Stammzellen (iPSCs) stellten generell aktuell noch keine komplette Alternative zu Tierversuchen dar. Sie könnten zwar bei der Erforschung der genetischen Grundlagen helfen, zurzeit jedoch noch keine kom­plexen Zusammenhänge wie Gehirnstrukturveränderungen oder Verhaltensmodifika­tio­nen bei Anorexia nervosa aufklären.

RWTH Aachen: Alle Regeln eingehalten

Die RWTH Aachen wies die Vorwürfe zurück. Tierversuche dürften nur durchgeführt wer­den, wenn sie wissenschaftlich unerlässlich seien, die Durchführenden über ausreichende Qualifikation verfügten und bestimmte Haltungs- und Pflegebestimmungen eingehalten werden, sagte ein Sprecher.

Zudem müsse vor der Durchführung ein behördlich geneh­mig­ter Antrag vorliegen, der von Tierschutzbeauftragten, einem amtlichem Tierarzt und der Tierversuchskommission sowie der Genehmigungsbehörde mehrfach überprüft werde.

„Das ist auch in diesem Fall geschehen“, so der Sprecher, der zugleich betonte, dass auch erklärt werden müsse, wie hoch der wissenschaftliche oder medizinische Nutzen im Ge­gensatz zu der Belastung der Versuchstiere sei. Außerdem recherchiere man, ob Versuche bereits an anderen Instituten stattgefunden hätten.

„Beim Umgang mit Tieren sind wir uns unserer Verantwortung bewusst und nehmen das Tierschutzgesetz sehr ernst. Jeder Tierversuch wird von uns begründet, exakt beschrieben und mit dem Tierschutzbeauftragten diskutiert“, hieß es von der RWTH Aachen. Das Vete­ri­näramt überwache die korrekte Durchführung der Versuche und den regelkonformen Umgang mit den Tieren.

„Leidende oder gestresste Tiere widersprechen zudem nicht nur unserem ethischen Em­pfinden. Außerdem würden sie auch verfälschte und somit unbrauchbare Testergebnisse liefern – eine Missachtung der Regeln des Tierschutzgesetzes wäre somit für keine betei­ligte Seite von Vorteil“, so der Sprecher. Mit der Versuchsreihe habe man „eine Reihe von Erkenntnissen“ gewinnen können. © may/aerzteblatt.de

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