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Landkrankenhäuser bleiben in der Diskussion

Dienstag, 6. August 2019

/dpa

Hersbruck/Rothenburg ob der Tauber – „Es ist schlimmer gekommen, als wir befürchtet hatten.“ Zwei Monate nach dem Aus für das Krankenhaus in Hersbruck sieht sich Angelika Pflaum in den Warnungen bestätigt, die sie mit einer Bürgerinitiative immer wieder an die Politik herangetragen hat. Die medizinische Versorgung in der mittelfränkischen 13.000-Einwohner-Stadt habe sich rapide verschlechtert, sagt sie. Neben dem Klinikpersonal hätten auch fünf niedergelassene Ärzte, die mit der Klinik zusammengearbeitet hatten, Hersbruck verlassen: „Das ist für unsere kleine Stadt furchtbar.“

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Das Krankenhaus Hersbruck hatte in seinen besseren Zeiten 60 Betten, vor der Schließung waren es nur noch 30. Es rutschte immer tiefer in die Verlustzone. Das Krankenhaus in Rothenburg ob der Tauber ist mit rund 140 Betten deutlich größer. Doch auch in der fränkischen Kleinstadt, die vor allem für ihr mittelalterliches Zentrum bekannt ist, haben viele Anwohner Sorge um die Zukunft der Klinik.

Das Krankenhaussterben ist ein bundesweites Problem

Der Gastroenterologe Rainer Hoffmann hat deshalb im März eine bundesweite Petition gestartet. Das Ziel, 50 000 Unterstützer zu erreichen, hat die Aktion erst gut zur Hälfte erreicht. Doch er hofft darauf, mehr Gehör zu finden: „Das Krankenhaussterben ist kein lokales Problem von uns hier, sondern ein bundesweites Problem.“ Nach der Statistik der Deutschen Krankenhausgesellschaft ist die Zahl der Krankenhäuser seit 2009 bundesweit um knapp sieben Prozent gesunken auf zuletzt 1.942. In Bayern sank die Zahl nach Daten des Statistischen Landesamts im selben Zeitraum um gut sechs Prozent auf 354.

Ärgerlich findet Hoffmann Berechnungen von Wissenschaftlern, wie sie vor kurzem die Bertelsmann-Stiftung in einer Studie vorgestellt hat. Danach hat Deutschland immer noch weit mehr Krankenhäuser als nötig und sinnvoll sind. Mehr als die Hälfte der Kliniken in Deutschland sollte wegfallen, empfehlen die Studienautoren. Denn die Konzentration auf wesentlich weniger Standorte sei die Voraussetzung dafür, dass Patienten die bestmögliche Versorgung erhalten.

„Wie groß eine Klinik ist, hat aber nicht unbedingt etwas damit zu tun, welche Qualität sie liefert“, argumentiert Hoffmann. Und Studien wie diese hätten nicht die Angehörigen im Blick. Für die werde es mit jedem zusätzlichen Kilometer schwerer, Patienten zu besuchen, ärgert er sich: „Der Besuch eines Patienten ist wichtig für die Heilung.“

Kritik kam auch aus der Ärzteschaft. Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer, Klaus Reinhardt, wies daraufhin, dass die von der Bundesregierung eingesetzte Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ gerade erst die Bedeutung der Daseinsvorsorge und Sicherung einer gut erreichbaren, wohnortnahen Gesundheitsinfrastruktur herausgestellt habe. Daher halte er es für befremdlich, pauschal 800 Krankenhäuser schließen zu wollen. Allerdings stellte Reinhardt auch klar, dass es in Ballungsgebieten durchaus sinnvoll sein könnte, dass Ärzte und Pflegepersonal in größeren Strukturen Patienten behandeln. „Dadurch könnten Abläufe vereinfacht und die zunehmende Arbeitsverdichtung gemildert werden.“

Der Gesundheitsökonom Boris Augurzky vom RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung kennt solche Argumente. Er hat an der Studie der Stiftung mitgearbeitet - ist aber vorsichtiger als Mitautoren, wenn es um den Anteil der Kliniken geht, die als überflüssig eingeschätzt werden. Ein Achtel bis ein Siebtel aller Krankenhäuser in Deutschland sollte aber auch seiner Meinung nach die Arbeit einstellen. Dann könnten die verbleibenden größeren Kliniken bessere Qualität liefern, ist er sicher: „Das zeigen nicht nur Studien, das kennt auch jeder selbst: Wenn ich etwas oft mache, werde ich immer besser.“

Allerdings kann Augurzky auch den Ärger von Bürgerinitiativen wie in Hersbruck oder Rothenburg verstehen. „Sie können kein Krankenhaus schließen und eine Wüste übrig lassen“, warnt er. Beispielsweise könnten Ärztehäuser oft viele der Leistungen anbieten, die vorher Kliniken bereitgestellt haben. Es sei auch denkbar, Betten in einer Kurzzeit-Pflegeeinrichtung vorzuhalten, in der Patienten nach einer Operation noch einige Zeit bleiben können. „Es geht immer darum: Was ist danach das Alternativkonzept?“, sagt Augurzky.

Bayerns Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU) sieht hier die Politik auf Bundes- und Landesebene auf dem richtigen Weg. Der Bund und die Länder stellten über einen Strukturfonds jährlich bis zu eine Milliarde Euro für Kliniken bereit, die sich neu ausrichten wollen, betont sie. Im Juli hat das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium zudem 50 Millionen Euro für bundesweit rund 120 Landkrankenhäuser angekündigt.

Der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Georg Baum, begrüßt die Finanzspritze. Allerdings habe die Bundesregierung den Kliniken vorher 250 Millionen Euro weggenommen, sagt er. Unterm Strich fehlen den Kliniken der Rechnung zufolge also 200 Millionen Euro. „Das ist das Unschöne an dem Vorgang“, ärgert sich Baum.

Auch die Klinik in Rothenburg gehört zu den Häusern, die aus dem neuen Fördertopf 400. 000 Euro bekommen sollen. Gastroenterologe Hoffmann sieht darin „ein positives Signal“. Aber Entwarnung für die Landkrankenhäuser könne man deswegen nicht geben. „Es wird zu sehr nach marktwirtschaftlichen Kriterien entschieden und zu wenig nach ärztlichen“, beklagt er. Deswegen will er mit anderen Aktiven der Initiative gegen Krankenhaussterben im ländlichen Raum weitermachen. © dpa/aerzteblatt.de

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