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Medizin

Forscher könnten erstes Mensch-Affen-Hybrid geschaffen haben

Dienstag, 6. August 2019

Makake in Thailand /picture alliance
Makaken zählen zu den nicht menschliche Primaten. Ein Mischwesen, das beispielsweise eine menschliche Bauchspeicheldrüse tragen würde, wäre äußerlich nicht von einem Makaken zu unterscheiden. /picture alliance

La Jolla/Murcia – Forscher aus Spanien und China haben angeblich menschliche, induzierte pluripotente Stammzellen (iPS-Zellen) in Embryonen von nicht menschlichen Affen, wahrscheinlich Makaken,verpflanzt. Das berichtete El País vergangene Woche. Das Team um den spanischen Wissenschaftler Juan Carlos Izpisúa Belmonte habe zum ersten Mal in einem Labor in China ein Mensch-Affen-Hybrid geschaffen, bestätigte die Projektmitarbeiterin Estrella Núñez gegenüber der spanischen Tageszeitung.

Ziel der Versuche soll gewesen sein, das Entwicklungspotenzial bei näheren Verwandten des Menschen zu erforschenals bei den japanischen Versuchen mit Mäusen, Ratten und Schweinen. Das Team, bestehend aus Mitgliedern des Salk Institute in La Jolla/Kalifornien und der Murcia Catholic University (UCAM) in Spanien, gibt vor, Affenembryonen gentechnisch verändert zu haben, um Gene zu deaktivieren, die für die Organbildung unerlässlich sind. Anschließend injizierten die Wissenschaftler menschliche iPS-Zellen, die jede Art von Gewebe bilden können, in den Embryo. Der Affe mit menschlichen Zellen kam jedoch nicht zur Welt, da die Forscher den Prozess zuvor gestoppt haben.

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Die Ergebnisse wurden noch nicht publiziert, sollen aber bereits bei einer renommierten Fachzeitschrift eingereicht worden sein.

„Es ist zu früh, endgültig zu sagen, ob es generell besser gelingt, Organe in Affen zu züchten als in anderen Tieren“, sagt Wieland Huttner vom Max-Planck-Institut für molekulare Zellbiologie und Genetik (CBG) in Dresden. Der Leiter der Gruppe „neural stem and progenitor cells and neocortex expansion in development and evolution“ ist aber der Meinung, dass es für einen Pilotversuch sinnvoll sei, diese Technik auch in nicht menschlichen Primaten auszuloten. Wenn die Generierung von Organen im Schwein genauso gut funktioniert wie im Rhesus-Affen, könne man selbstverständlich auch bei diesem Organismus bleiben.

Chimäre Organbildung mit menschlichen iPS-Zellen bisher gescheitert

In früheren Tierversuchen gelang es Izpisúa Belmonte nicht, eine chimäre Organbildung etwa in Schweinen zu induzieren (Cell 2017). „Die menschlichen Zellen haben sich nicht festgesetzt“, sagt der argentinische Tierarzt Pablo Ross, ein Forscher an der University of California in Davis und Mitautor des Experiments. Man habe nur eine menschliche Zelle pro 100.000 Schweinezellen im 28 Tage alten Embryo wiedergefunden.

Erfolgreicher könnte der Forscher Hiromitsu Nakauchi gewesen sein, der in Japan und zugleich an der kalifornischen Universität Stanford forscht. Bereits am 4. Juni publizierte er auf dem Preprint-Server bioRxiv (nicht begutachtet) eine Forschungsarbeit, bei der iPS-Zellen von Schimpansen (Menschenaffen) in 99 rund 5 Tage alte Embryonen von Makaken (nicht menschliche Primaten) injiziert wurden, die 2 Tage nach der Injektion angeblich „cross-species chimeras“ bildeten.

Die Autoren schreiben: „Erstaunlich ist, dass die Schimpansen-iPS-Zellen in der Nähe der inneren Zellmasse (ICM) von Embryonen von Rhesus-Makaken überlebt, sich vermehrt und integriert haben“. Ob sich diese Ergebnisse auch mit menschlichen iPS-Zellen erzielen ließen, lässt der Bericht offen. Auch Nakauchi verfolgt das ferne Ziel, menschliche Organe in Tieren für Transplantationen zu züchten.

Japan plant zunächst keine Geburten von Chimären

Zunächst sind bei der Genehmigung der ersten Experimente in Japan keine Geburten von möglicherweise chimären Mäusen, Ratten oder Schweinen geplant. Erlaubt wurde zunächst die Entwicklung von chimären Embryonen über die in Japan bisher gültige 14-Tage-Regel hinaus. Ob und wann die Experimente erstmals in eine Geburt einer Chimäre aus Mensch und Tier münden, bleibt trotz der japanischen Berichte vorerst unklar.

Wir sind technisch in der Lage, Zellen auf molekularer Ebene so zu verändern, dass sie sich nach Übertragung auf einen Embryo einer anderen Art vermutlich besser in den Empfängerembryo einfügen können. Rüdiger Behr, Leibniz-Institut für Primatenforschung, Göttingen

Gute Erfolgsaussichten prognostiziert Rüdiger Behr, Leiter der Abteilung degenerative Erkrankungen am Deutschen Primatenzentrum – Leibniz-Institut für Primatenforschung (DPZ), Göttingen: „Wir sind technisch in der Lage, Zellen auf molekularer Ebene so zu verändern, dass sie sich nach Übertragung auf einen Embryo einer anderen Art vermutlich besser in den Empfängerembryo einfügen können. Insofern gehe ich davon aus, dass die Herstellung einer Affe-Mensch-Chimäre mittelfristig gelingen kann.“

„Mischwesen“ werden schnell missverstanden

Behr will aber auch Missverständnissen vorbeugen, die die Debatte um „Mischwesen“ häufig mit sich bringt. „Das, was in Japan geplant ist, ist ein Schwein mit einer Bauchspeicheldrüse aus menschlichen Zellen. Das Schwein sieht aus wie ein normales Schwein.“ Bei einem Schwein-Mensch-Mischwesen zur Herstellung einer Ersatzbauchspeicheldrüse würde der Anteil der menschlichen Zellen geplanter Weise wohl weniger als 1 % am gesamten Tier ausmachen, schätzt Behr.

Sorgen macht sich der Göttinger Biologe aber dennoch. Schließlich könnten sich menschliche Alleskönner-Stammzellen, die in einen Affen- oder Schweineembryo eingebracht werden, nicht nur zu einer Bauchspeicheldrüse oder einem Herz entwickeln – selbst wenn die Empfängerembryonen entsprechend genetisch vorbereitet würden.

Die Alleskönner-Stammzellen könnten sich nach Übertragung auf einen Embryo möglicherweise auch zu Keimzellen oder Nervenzellen entwickeln und dabei auf Grund der verwandtschaftlichen Nähe mit Affenzellen besser und komplexer interagieren als mit den entsprechenden Zellen des Schweins, erklärt Behr. „Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Gehirn, das aus Zellen des Affen und des Menschen besteht, ein Organ mit unerwarteten neuen Eigenschaften entsteht ist größer, als wenn menschliche Zellen in einem Gehirn des Schweins vorhanden wären.“ Bei Affe-Mensch-Mischwesen sieht Behr daher eine größere Gefahr einer echten Mischwesen-Entstehung. © gie/aerzteblatt.de

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Avatar #783709
neuroscientist
am Mittwoch, 7. August 2019, 09:05

"nicht-menschliche Affen"

Freudi: der Begriff "nicht-menschliche Affen" ist in der Tat missverständlich. Richtig (und im Artikel auch verwendet) ist der Begriff "nicht-menschliche Primaten", da der Mensch auch zu den Primaten gehört.
Avatar #683778
Freudi
am Mittwoch, 7. August 2019, 00:19

Wie bitte?

Was, bittesehr, sind denn "nicht menschliche Affen"? Wie da jemand "lost in translation"?
LNS

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