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Politik

Barmer-Arznei­mittelreport sieht große Impflücken bei Kindern

Donnerstag, 8. August 2019

/stalnyk, stock.adobe.com

Berlin – Die Impflücken bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland sind offenbar größer als bisher angenommen. Das zeigt der Arzneimittelreport 2019 der Barmer. Die Kranken­kasse stellte die auf Basis ihrer Versichertendaten von 2017 erhobenen Impf­quo­ten heute in Berlin vor.

Danach haben 3,3 Prozent der 2015 geborenen Kinder in Deutschland in ihren ersten beiden Lebensjahren überhaupt keine der 13 Impfungen erhalten, die die Ständige Impf­kommission (STIKO) empfiehlt. Damit gibt es den Hochrechnungen der Kasse zufolge deutschlandweit knapp 26.000 zweijährige Mädchen und Jungen ohne jegliche Impfung.

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Auch in ihrem sechsten Lebensjahr haben den Daten der Barmer zufolge etliche Kinder noch niemals eine Impfung erhalten. Bundesweit Spitzenreiter ist Bayern: Dort sind 3,5 Prozent der Kinder auch mit sechs Jahren noch gänzlich ungeimpft¸ während dies bei­spielsweise in Brandenburg nur auf 1,2 Prozent der Sechsjährigen zutrifft.

„In Deutschland werden immer noch zu wenige Kinder geimpft. Das macht die Aus­rottung bestimmter Infektionskrankheiten unmöglich und verhindert den Schutz für all diejenigen, die sich nicht impfen lassen können“, warnte Christoph Straub, Vorstandsvor­sitzender der Barmer. Man brauche deshalb dringend zielgruppenspezifische Impfkam­pag­nen, die Impfskepsis und mögliche Ängste vor Impfungen abbauen könnten, sagte er. Erforderlich seien zudem strukturierte Fortbildungsprogramme für Ärzte, um einen adä­quaten Dialog mit Impfskeptikern zu trainieren.

Bei der Vorstellung ihrer Daten wies die Barmer auch auf Unterschiede zu den Erhebun­gen des Robert Koch-Instituts (RKI) hin, das regelmäßig über die Impfquoten in Deutsch­land berichtet. Zuletzt publizierte es im Mai im Epidemiologischen Bulletin die Impfquo­ten, die im Rahmen der jährlichen Schuleingangsuntersuchungen 2017 erhoben wurden. 

„Der Arzneimittelreport der Barmer liefert aufgrund der gewählten Methodik der Analy­sen erstmals ein Bild von den tatsächlichen Impfquoten“, sagte Daniel Grandt, Chefarzt am Klinikum Saarbrücken und Autor des Arzneimittelreports. So würden bei den Schul­ein­­gangsuntersuchungen, auf die sich das RKI stütze, die Impfquoten nur anhand der vorgelegten Impfpässe ermittelt.

Dabei werde der Impfstatus von Kindern, die keinen Impfpass vorlegen, nicht berücksich­tigt, was zu höheren Impfquoten führe. Diese seien jedoch unrealistisch, betonte Grandt heute in Berlin, da nicht geimpfte Kinder natürlich auch keinen Impfpass hätten. Auf diese mögliche Verzerrung hatte das RKI bereits hingewiesen. In seiner Publikation hatte die Bundes­behörde beschrieben, dass die von ihm angegebenen Impfquoten möglicher­weise etwas zu hoch seien. Rund neun Prozent der Schulanfänger hatten bei der Erhe­bung keinen Impfausweis vorgelegt.

Der Barmer-Arzneimittelreport analysiert auch den Impfstatus gegenüber einzelnen Er­krankungen, insbesondere Masern. So war den Barmer-Daten zufolge mehr als jedes fünfte im Jahr 2015 geborene Kind in den ersten beiden Lebensjahren nicht oder unvoll­ständig gegen Masern geimpft.

Im Jahr 2017 waren damit hochgerechnet auf Basis der Daten von Barmer-Versicherten bundesweit knapp 166.000 Zweijährige ohne vollstän­digen Masernschutz. Zudem hatten im Jahr 2017 nur 88,8 Prozent der Sechsjährigen in Deutschland den empfohlenen Masernimpfschutz.

„Durch Masernimpfungen konnten allein seit der Jahrtausendwende rund 21 Millionen Todesfälle weltweit verhindert werden. Eine Masern- aber auch eine Rötelnerkrankung ist kein unvermeidbares Lebensrisiko, sondern ein Versagen der Gesundheitsvorsorge“, be­tonte Straub heute in Berlin. Man habe auch eine Verantwortung gegenüber Gefährdeten, die sich aus medizinischen Gründen nicht impfen lassen könnten oder altersbedingt für sich selbst noch keine Impfentscheidung treffen könnten.

Für eine Herdenimmunität, die auch nicht geimpften Personen Schutz bietet, sei eine Immunisierungsrate von mindestens 95 Prozent erforderlich, erklärte Straub. Nach den vom RKI erhobenen Daten der Schuleingangsuntersuchungen lag die Impfquote bei der ersten Masernimpfung 2017 bei rund 97 Prozent. Bei der zweiten Masernimpfung waren es fast 93 Prozent. Würde man alle Kinder ohne Impfpass als ungeimpft ansehen, ergäbe sich mit Blick auf den Masernschutz am Schulanfang nur eine Impfquote von nur 81,4 Prozent.

„Egal, wie man es rechnet, es bleibt dabei: Zu viele Kinder in Deutschland sind unnötig gefährdet, denn zu wenige Kinder sind gegen Masern geimpft“, sagte Bundesgesund­heits­minister Jens Spahn (CDU) heute. Er sieht durch den Report sein Vorhaben, eine Masern-Impfpflicht einzuführen, bestätigt.

Das Bundeskabinett hat ein Gesetz für eine Masernimpfpflicht bereits auf den Weg ge­bracht. Danach müssen ab März 2020 Eltern vor der Aufnahme ihrer Kinder in eine Kita oder Schule nachweisen, dass diese geimpft sind. Die Impfpflicht soll auch für Tages­mütter, Kita-Personal, Lehrer und Beschäftigte im Medizinbereich gelten. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 2.500 Euro.

Der Arzneimittelreport weist zudem auf deutliche regionale Unterschiede bei den Impf­quoten hin: Vergleichsweise hoch waren die Impfquoten bei den Zweijährigen des Jahr­gangs 2015 in Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein. Besonders niedrige Impfquoten sind in Baden-Württem­berg, Bayern, Bremen und Thüringen zu verzeichnen. © ER/aerzteblatt.de

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Avatar #759489
MITDENKER
am Donnerstag, 22. August 2019, 11:58

Dr. Rabe ein Impfgegner

Im Ernst, der impfende Kinderarzt Dr. Rabe soll ein "Impfgegner" sein? Es darf gelacht werden.
Danke für Ihren Beitrag, er zeigt nur eines überdeutlich auf: Alle kritischen Stimmen werden systematisch in die Impfgegner-Ecke gestellt.
Avatar #772524
Julius Senegal
am Dienstag, 20. August 2019, 12:40

Dr. Rabe verbreitet unseriöse Informationen

Siehe auch: https://www.psiram.com/de/index.php/Steffen_Rabe

Komisch, warum sich Impfgegner immer auf nachgewiesene Fälscher (Wakefield), AIDS-Leugner (Tolzin) oder Verbreiter von Halbwahrheiten berufen.
Avatar #759489
MITDENKER
am Freitag, 9. August 2019, 19:02

MASTURBATION UND DIE BARMER

PS:
Die Barmer ist für den einen oder anderen Gag offenbar stets gut:
https://www.aerzteblatt.de/treffer?mode=s&wo=17&typ=1&nid=104937&s=barmer
Avatar #759489
MITDENKER
am Freitag, 9. August 2019, 18:59

Ein PR-Coup der BARMER

Dr. Rabe kommentiert das kurz, knapp und zutreffend hier:
http://impf-info.de/die-impfentscheidung/die-diskussion-%C3%BCber-die-impfpflicht/294-diese-angaben-erfolgen-wie-immer-ohne-gew%C3%A4hr.html
Avatar #110339
Heinecke
am Donnerstag, 8. August 2019, 21:40

Mehr Panikmache als alles andere

Ja, es gibt Maserntote und in einigen Ländern ist das wirklich ein relevantes Problem (übrigens auch in China wo die Durchimpfungsrate angeblich bei 100% liegt). Aber vor allem sind Maserntote ein Problem in Ländern wo Armut, Hunger, Krieg und mangelnder Zugang zu medizinischer Versorgung, dafür sorgen, dass Patienten mit einer Infektion per se keine gute Prognose haben. In Deutschland hingegen ist die Todesrate an Masern gering und in den letzten 10-15 Jahren (auch ohne Impfpflicht) relativ stabil bei sage und schreibe 0-2 Todesfälle pro Jahr. Die Anzahl von Todesfällen durch Impfkomplikationen mit dem Masern-Mumps-Rötel-Impfstoff soll wohl eine vergleichbare Höhe haben. Die Informationen hierfür sind aber sogar für uns Ärzte schwer zu finden.

Vielleicht sollte man erstmal schauen, dass in Ländern, in denen die Kinder aufgrund von Hunger, Armut und Krieg keine ausreichende Abwehrlage ausbilden können, um solche Infektionen zu überstehen, die Impfrate auf > 50% gehoben wird, bevor man in Deutschland wegen max. 2 Todesfällen pro Jahr eine Impfpflicht einführt. Warum das Bemühen hier so groß ist und dort eher nicht, vVerstehe ich aus medizinischer Sicht nicht wirklich. Ob es da wohl eine Rolle spielt, dass in 3. Weltländern und Kriegsgebieten keiner für den Impfstoff zahlen kann, hier in Deutschland aber Barmer und co. die Kosten für die Impfung übernehmen?
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