NewsAuslandWeltklimarat: Temperaturplus über Land bei mehr als 1,5 Grad
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Ausland

Weltklimarat: Temperaturplus über Land bei mehr als 1,5 Grad

Donnerstag, 8. August 2019

/picture alliance, Julian Stratenschulte

Genf – Im Kampf gegen die Erderwärmung müssen die Staaten ihre Wälder besser schüt­zen und eine klimafreundlichere Landwirtschaft fördern. Zu diesem Ergebnis kommt der Weltklimarat IPCC in einem Sonderbericht über den Zusammenhang von Klimawandel und Landflächen. Aus dem heute in Genf präsentierten Report geht zudem hervor, dass der weltweite Temperaturanstieg über den Landflächen im Vergleich zur vorindustriellen Zeit bereits bei 1,53 Grad liegt.

„Die Landflächen stehen unter einem wachsenden, von Menschen erzeugten Druck“, sagte der Vorsitzende des Weltklimarats IPCC, Hoesung Lee. Zugleich liege im Umgang mit dem Land auch ein Teil der Lösung. „Aber die Landflächen können es nicht alleine richten.“ Um­weltschützer und zahlreiche Wissenschaftler sehen in dem Bericht den Beleg, dass schnelles Handeln in möglichst vielen Bereichen unumgänglich ist.

Anzeige

Die Autoren des Berichts, 107 Forscher aus 52 Ländern, gehen unter anderem davon aus, dass die Zahl, Dauer und Intensität von Hitzewellen sowie Dürren nicht zuletzt rund um das Mittelmeer zunehmen werden. In vielen Regionen werden zudem häufiger extreme Regenfälle vorkommen. Zugleich sieht der IPCC Gefahren für die sichere Versorgung mit Lebensmitteln. „Die Stabilität des Nahrungsmittelangebots wird voraussichtlich sinken, da das Ausmaß und die Häufigkeit von Extremwetter-Ereignissen, die die Lebensmittel­produktion beeinträchtigen, steigen wird.“

Derzeit seien rund 820 Millionen Menschen weltweit unterernährt. Ihre Zahl steigt nach UN-Daten seit einigen Jahren wieder. Laut IPCC leben rund 500 Millionen Menschen in Gebieten, die von Versteppung bedroht sind. Diese Regionen seien umso anfälliger für Wetterextreme wie Dürren, Hitzewellen und Staubstürme.

Probleme für Ernährung

Es geht laut IPCC nun auch darum, die gesamte Kette der Erzeugung und des Konsums von Nahrungsmitteln zu überdenken. Eine eindeutige Empfehlung für vegetarische Kost wollen die Autoren nicht abgeben, werben aber letztlich für eine ausgewogene Ernäh­rung, die verstärkt auf Gemüse, Getreide und tierische Waren aus nachhaltiger Produktion setzt. Für die Zucht von Schweinen und Rindern wird mehr Platz benötigt, zudem ent­stehen mehr Treibhausgase als beim Anbau der gleichen Menge von Proteinen in Bohnen oder Linsen.

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) setzt auf mehr Ökolandbau in Deutsch­land. Ein Anteil von 20 Prozent sei schon lange das Ziel, sagte sie in Berlin. Um dies zu erreichen, müsse die Agrarförderung der EU andere Anreize setzen. 2018 lag der Anteil bei 9,1 Prozent. Als Problem nannte Schulze auch, dass Moore in Deutschland gezielt für Landwirtschaft genutzt würden. „Wir müssen über Wiedervernässung von Mooren reden“, das speichere „enorm“ viele Treibhausgase.

Die derzeit genutzten Landflächen könnten die Welt trotz Klimawandel ernähren und Biomasse für erneuerbare Energien bereitstellen, betonte Co-Autor Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. „Aber es sind schnelle und weitreichende Aktionen in verschiedenen Bereichen nötig – auch für den Schutz und die Renaturierung von Ökosystem und der Biodiversität.“

Der weltweite Temperaturanstieg liegt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit laut Bericht insgesamt bei 0,87 Grad. Über den Landflächen liegt er bereits bei 1,53 Grad, weil sich diese schneller erhitzen als die Meeresflächen. Verglichen wurden die Zeiträume 1850 bis 1900 und 2006 bis 2015. Der Klimarat hatte 2018 vor den Folgen gewarnt, falls die glo­bale Temperatur über 1,5 Grad steigen sollte.

Nach Ansicht des WWF zeigt der Bericht, dass die Welt an einem Wendepunkt steht. „Po­li­tik und Wirtschaft stehen in der Pflicht, Strategien etwa für eine nachhaltigere Landwirt­schaft und die Vermeidung von Lebensmittelabfällen zu entwickeln und umzusetzen“, sagte Rolf Sommer von WWF Deutschland. „Entweder wir handeln jetzt zugunsten unserer Erde, oder wir handeln weiter auf unser aller Kosten.“

Co-Autor Pörtner lobte in diesem Zusammenhang das Engagement der Jugend etwa über die Bewegung „Fridays for Future“. „Diese Mobilisierung der Gesellschaft hat Wahlen be­einflusst“, sagte Pörtner. Das sei eine Motivationskette, die wirke. Und sie zeige, dass man nicht nur die Politiker, sondern auch die Gesellschaft mit diesen Themen erreichen müsse.

Greenpeace bezeichnete den Bericht als „dringenden Aufruf“ zur Agrarwende. „Der Land-Sektor muss nun stärker in die nationalen Beiträge zur Erfüllung des Pariser Klimaab­kommens einfließen“, erklärte Christoph Thies, Waldexperte bei Greenpeace. Er kritisiert am Report aber, dass die massive Aufforstung sehr unkritisch gesehen werde. „Wir bevor­zugen die Alternative der Renaturierung von Ökosystemen wie Wäldern und Mooren.“ So entstünden zugleich Lebensräume für viele Tier- und Pflanzenarten.

Ressource Land ist begrenzt

Die Land- und Forstwirtschaft steuert laut IPCC rund 23 Prozent der vom Menschen ver­ur­sachten Treibhausgase bei. „Hier liegt sehr viel Potenzial“, sagte die deutsche Co-Auto­rin des Berichts, Almut Arneth aus Karlsruhe. Generell mache der Bericht deutlich, dass die Ressource Land begrenzt sei. „Wir können nicht weitermachen wie bisher.“ Dem ent­gegen steht, dass Brasilien in den ersten Monaten des laufenden Jahres deutlich mehr Flächen im Amazonasgebiet gerodet hat als im Vorjahreszeitraum.

Im Pariser Klimaabkommen wurde 2015 das Ziel festgelegt, die Erderwärmung auf deut­lich unter zwei Grad, wenn möglich sogar auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit zu begrenzen. Dazu müssten die Staaten den Nettoausstoß ihrer Treibhausgase stark reduzieren. Einige wollen große Flächen für neue Wälder nutzen, die die Treibhausgase aus der Atmosphäre ziehen solllen. In Verbindung mit dem Ziel der Lebensmittelsicher­heit für die gesamte Bevölkerung drohen so Landkonflikte – zusätzlich zu den Entwick­lungen, die der Klimawandel bereits jetzt ausgelöst hat. © dpa/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

23. August 2019
Berlin – Die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs/ Ärzte in sozialer Verantwortung (IPPNW) hält den Klimawandel für die größte Gefahr für die globale Gesundheit. „Der
IPPNW: Klimawandel gefährdet globale Gesundheit
22. August 2019
Den Haag – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) unterstützt eine drastische Verschärfung des EU-Klimaziels bis 2030. Sie könne den niederländischen Vorschlag, die Treibhausgase in der Europäischen
Merkel unterstützt drastische Verschärfung des EU-Klimaziels
20. August 2019
Wiesbaden/Frankfurt am Main – Landeanflüge zum Flughafen in Frankfurt am Main tragen zur städtischen Umweltbelastung mit Ultrafeinstaub bei. Allerdings ist diese Belastung deutlich geringer als
Landeanflüge sind Quelle für Ultrafeinstaubbelastung
20. August 2019
Paris – Die Länder der Nordhalbkugel müssen infolge der Erderwärmung nicht nur mit intensiveren, sondern auch mit längeren Hitzeperioden rechnen. Das geht aus einer Studie der Humboldt-Universität
Studie: Hitzewellen und Starkregenperioden werden länger dauern
14. August 2019
Heidelberg – Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt eine Forschungsgruppe des Instituts für Global Health am Universitätsklinikum Heidelberg zum Thema „Klimawandel und Gesundheit in
Millionenförderung für Heidelberger Forschungsgruppe zu Klimawandel und Gesundheit
13. August 2019
Berlin – In der Debatte über die Folgen des Klimawandels sollte nach Ansicht des Umweltbundesamts mehr Augenmerk auf besonders betroffene Bevölkerungsgruppen gelegt werden. „Wir wünschen uns, dass das
In Klimakrise Betroffene mehr im Blick haben
12. August 2019
Berlin – Die Bundestagsabgeordneten haben 2018 mehr Flugmeilen zurückgelegt als im Jahr zuvor. Insgesamt flogen die Parlamentarier rund 9,08 Millionen Meilen – gut 22 Prozent mehr als 2017.
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER