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Medizin

SPRINT MIND: Intensive Blutdrucksenkung hinterlässt Spuren im Gehirn

Mittwoch, 14. August 2019

/Sebastian, stock.adobe.com
Baltimore/Austin – Eine intensive Blutdrucksenkung, die bei älteren Hypertonikern Blutdruckwerte von jungen gesunden Menschen anstrebt, verändert bereits nach wenigen Jahren das Gehirn. Eine Analyse der SPRINT MIND kommt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 524-534) zu dem Ergebnis, dass Schäden an der weißen Hirnsubstanz vermindert werden – während sich die Hirnatrophie paradoxerweise beschleunigte. Die Langzeitergebnisse einer prospektiven Beobachtungsstudie (JAMA 2019; 322: 535-545) bestätigen den Verdacht, dass die arterielle Hypertonie ein wichtiger Risikofaktor für Demenzen ist.

Das Gehirn ist – vielleicht neben den Nieren – das Organ, das durch einen zu hohen Blutdruck auf Dauer am meisten geschädigt wird. Seit längerem ist bekannt, dass die arterielle Hypertonie der wichtigste Risikofaktor für Schlaganfälle ist. Neuere Untersuchungen zeigen, dass auch das Risiko von Demenzen erhöht ist.

Deutlich wird dies in prospektiven Beobachtungsstudien, die die Patienten teilweise über Jahrzehnte begleiten. Zu diesen Langzeituntersuchungen gehört die ARIC-Studie („Athero­s­clerosis Risk in Communities“). Fast 16.000 Menschen aus vier US-Regionen wurden seit Ende der 1980er Jahre insgesamt sechsmal zu medizinischen Untersuchungen einbe­stellt. Dabei wurde auch der Blutdruck gemessen. In einer Stichprobe von 4.761 Teilneh­mern wurden bei den letzten beiden Termine ausführliche neurokognitive Tests durchgeführt. Dabei wurde entdeckt, dass 516 Teilnehmer (11 Prozent) an einer Demenz erkrankt sind.

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Keenan Walker von der Bloomberg School of Medicine in Baltimore und Mitarbeiter haben untersucht, ob der Blutdruck bei den früheren Untersuchungen Hinweise auf die späteren Demenzen lieferte. Dabei kam heraus, dass Menschen, die im mittleren Lebensalter und danach einen normalen Blutdruck hatten, am seltensten an einer Demenz erkrankten. Die Inzidenz betrug 1,31 Demenzen auf 100 Personenjahre. Bei Menschen, die mit Mitte 40 oder 50 noch einen normalen Blutdruck hatten, später aber hyperton wurden, war die Inzidenz mit 1,99 auf 100 Personenjahre etwas höher. Noch häufiger erkrankten Menschen, die ab dem mittleren Lebensalter einen erhöhten Blutdruck hatten, der später hoch blieb. In dieser Gruppe erkrankten 2,83 auf 100 Personen und Jahr an einer Demenz. Die Studie bestätigt damit, dass die Hypertonie ein wichtiger Risikofaktor für Demenzen ist.

Walker und Mitarbeiter machten noch eine weitere merkwürdige Beobachtung: Menschen, die im mittleren Lebensalter einen normalen Blutdruck hatten, im Alter aber einen zu niedrigen Blutdruck entwickelten, erkrankten ebenfalls häufiger an einer Demenz. Die Inzidenz betrug 2,07 auf 100 Personenjahre. Am höchsten war das Risiko für Personen, die von einer Hypertonie im mittleren Lebensalter in eine Hypotonie im hohen Alter glitten. Hier kam es zu 4,26 Demenzen auf 100 Personenjahre.

Warum bei einigen Hypertonikern im Alter die Blutdruckwerte sinken, konnte die Studie nicht klären. Möglich ist, dass die Hypotonie nicht die Ursache, sondern die Folge einer beginnenden Hirnleistungsstörung ist, die im Alter zur Demenz führt.

Prospektive Beobachtungsstudien können nicht zweifelsfrei klären, ob die Behandlung einer Hypertonie die Entwicklung einer Demenz im Alter verhindern kann. Dies kann nur durch randomisierte kontrollierte Therapiestudien belegt werden. Zu diesen Studien gehört die SPRINT-Studie („Systolic Blood Pressure Intervention Trial“). An der Studie hatten Patienten im Alter von über 50 Jahren teilgenommen, die einen auf 130 bis 180 mm Hg erhöhten systolischen Blutruck hatten. Alle Teilnehmer erhielten Medikamente zur Blutdrucksenkung. Bei der Hälfte der Teilnehmer wurde ein Zielwert von 140/90 mm Hg angestrebt, wie ihn die Leitlinien empfehlen. Bei der anderen Hälfte wurde versucht, den Blutdruck auf Werte von unter 120/80 mm Hg zu senken, wie ihn gesunde junge Menschen ohne Atherosklerose haben.

Eine solche intensive Blutdrucksenkung ist nicht unumstritten. Zu den Bedenken gehört, dass der niedrige Blutdruck die Durchblutung des Gehirns gefährden und damit einer Demenz Vorschub leisten könnte. Bei einem Teil der Studienteilnehmer wurden deshalb regelmäßig neurokognitive Tests durchgeführt. Die Anfang des Jahres publizierten ersten Ergebnisse der SPRINT-MIND-Studie zeigten, dass die Bedenken unbegründet waren.

Die intensive Blutdrucksenkung hatte nicht zu einem Anstieg der Demenzerkrankungen geführt. Das Erkrankungsrisiko war im Gegenteil mit einer Hazard Ratio von 0,83 (95-Prozent-Konfidenzintervall 0,67 bis 1,04) sogar tendenziell vermindert. Bei der Demenzvorstufe MCI („mild cognitive impairment“) war der Zusammenhang mit einer Hazard Ratio von 0,81 (0,61 bis 0,95) sogar signifikant (JAMA 2019; 321: 553-561).

Jetzt stellt ein Team um Nick Bryan von der Dell Medical School in Austin/Texas den zweiten Teil der SPRINT-MIND-Studie vor. Bei 449 Teilnehmern war vor Beginn der Studie und vier Jahre später eine Magnetresonanztomografie des Gehirns durchgeführt worden. Die Forscher interessierten sich vor allem für Veränderungen in der weißen Hirnsubstanz. Bei Hypertonie-Patienten kommt es im Verlauf des Lebens zu einer Zunahme von Läsionen der weißen Hirnsubstanz („white matter lesions“, WML), die in der Magnetresonanztomografie als Hyperintensitäten (in der FLAIR und T1-Bildgebung) sichtbar werden. Sie gelten als Manifestation einer zerebralen Mikroangiopathie („Small Vessel Disease“), die zu Schlaganfällen, aber auch zu Demenzen führen kann.

Auch bei den Teilnehmern der SPRINT-MIND-Studie kam es zu einer Zunahme der WML. Sie fiel allerdings bei den Patienten mit einer intensiven Blutdrucksenkung geringer aus. In dieser Gruppe nahm die Ausdehnung der WML-Areale von 4,57 auf 5,49 cm3 zu (Differenz 0,92 cm3), während es in der Kontrollgruppe mit der weniger intensiven Blutdrucksenkung zu einem Anstieg von 4,40 auf 5,85 cm3 kam (Differenz 1,45 cm3).

Der Unterschied zwischen den Gruppen von 0,54 cm3 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 0,20 bis 0,87 signifikant. Es könnte deshalb sein, dass die intensivere Blutdrucksenkung auf Dauer die Entwicklung einer „Small Vessel Disease“ mit den Folgen Schlaganfall und Demenz verlangsamen kann. Sicher vorhersagen lässt sich das nach einer Behandlungszeit von etwa vier Jahren jedoch nicht. Die SPRINT-Studie war nach 3,2 Jahren wegen eines signifikanten Rückgangs der kardiovaskulären Ereignisse vorzeitig abge­brochen worden.

Auch in der SPRINT-MIND-Studie gab es ein überraschendes Ergebnis. Normalerweise hätte man erwartet, dass die intensivere Blutdrucksenkung auch die allmähliche Abnah­me der Gesamthirnmasse im Alter („Atrophie“) verlangsamt. Das Gegenteil war der Fall. Das mittlere Gesamthirnvolumen verringerte sich unter der intensiven Blutdrucksenkung von 1134,5 auf 1104,0 cm3 (Differenz 30,6 cm3), während es unter der Standardbehand­lung nur zu einem Rückgang von 1134,0 auf 1107,1 cm3 kam (Differenz 26,9 cm3).

Der Unterschied von 3,7 cm3 zwischen den beiden Gruppen war nach der Berechnung von Bryan mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,1 bis 6,3 cm3 signifikant. Die intensive Blutdrucksenkung hatte damit zu einer Beschleunigung der Hirnatrophie geführt. Worauf dieses Phänomen zurückzuführen ist, kann die Studie ebensowenig klären wie die Frage, ob der geringe Unterschied irgendeine klinische Bedeutung hat.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #754103
Biochemie
am Donnerstag, 15. August 2019, 10:56

Warum sind die Ursachen von (Latein) Demenz viele?

Ohne jeden zweifel kann der Blutdruck, wie in dieser Studie zu erkennen einen Einfluss auf die Entwicklung einer Demenz haben.

Wir sollten eine Studie entwickeln, die sich auf eine Vielzahl an anderen Faktoren ausbreitet.
Nur ist dieses sehr Kompliziert.
Doch die Auswirkung von Psychologischen Daten wie: Trauma, Bindung, usw.
Ernährung die wiederum sehr unterschiedlich sein kann und so schwer zu vergleichen ist.
Genetik also was wurde mit vererbt.
Umweltgift die wiederum unterschiedlich sind da Menschen auch unterschiedliche schnell Entgiften, welches wieder mit der Ernährung zusammenhängen kann.

Das senken des Blutdrucks kann eine Auswirkung haben. Nur eine Wirklichkeit nahe Erklärung geht nicht unter der Betrachtung der Gesamten Geschichte.
Unsere Vorfahren haben sehr nah mit der Natur zusammen gelebt. Es bleiben ein Stück unserer Geschichte.















Avatar #768821
Himmelsrichtungen
am Mittwoch, 14. August 2019, 23:03

Anmerkung zur Sprintstudie

Vielleicht liegt der günstigste Wert zur Vorbeugung eines Schlaganfalls ja nicht bei über 140mm Hg oder unter 120 mm sondern irgendwo dazwischen, z.B. bei 130-135 mm Hg ? Außerdem gibt es ja auch immer Tagesschwankungen, die evtl. auch mal bei der Auswertung berücksigtigt werden müssen und vielleicht noch andere Faktoren wie Gefässwiderstand ,Alter und Konstitution der Probanden. Letztlich soll es ja wohl nicht dazu kommwn, dass es im Gehirn zu einer Blut- bzw. Sauerstoffunterversorgung durch zu starke Blutdrucksenkung kommt. Liesse sich vermutlich alles mal feststellen, oder ?
LNS

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