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Medizin

Akute schlaffe Myelitis: Antikörper gegen Enteroviren im Liquor nachgewiesen

Mittwoch, 14. August 2019

fotoliaxrender - stock.adobe.com

New York – US-Forscher haben bei Kindern mit akuter schlaffer Myelitis, einem Polio-ähnlichen Krankheitsbild, Antikörper gegen Enteroviren im Liquor entdeckt. Mit dem Bericht in mBio (2019; doi: 10.1128/mBio.01903-19) mehren sich die Hinweise, dass die Erkrankung, die in den letzten Jahren in den USA vermehrt beobachtet wurde, eine infektiöse Ursache hat.

Die Poliomyelitis tritt derzeit nur noch in einigen Regionen in Afghanistan und Pakistan auf. Die „Kinderlähmung“ ist damit jedoch nicht völlig aus Europa und Amerika verschwunden. Hier erkranken, wenn auch sehr selten, weiterhin Kinder an akuten schlaffen Lähmungen in den Extremitäten, die auf eine Entzündung des Rückenmarks (Myelitis) zurückgeführt werden. In Deutschland wurden 2016 einige sporadische Fälle beobachtet. In den USA sind seit August 2014 insgesamt 574 Kinder erkrankt.

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Die Patienten erleiden eine plötzliche Schwäche in Arm oder Bein, die mit einem Verlust des Muskeltonus und der Reflexe einhergeht. Meist ist die Erkrankung auf die Extremitäten beschränkt, es kann aber auch zu einer Gesichtslähmung oder zu Schluckstörungen kommen.

Mehr als 90 Prozent der Lähmungen treten im Anschluss an eine Atemwegsinfektion oder eine fiebrige Erkrankung auf. Experten vermuten deshalb Viren als Ursache. Der Verdacht fiel auf Enteroviren, weil auch die drei Polioviren (Typ 1-3) zu dieser Gattung gehören. Die Polioviren scheiden jedoch als Erreger aus, da sie in den USA und Europa seit längerem ausgerottet sind.

Es gibt aber noch eine Reihe anderer Enteroviren. Dazu gehören die Enteroviren D68 und A71. Beide können Atemwegserkrankungen auslösen, und sie wurden häufiger in den Atemwegen oder in Stuhlproben von Kindern mit akuter schlaffer Myelitis gefunden. Bei Mäusen kann durch die Inokulation mit Enterovirus D68 eine akute schlaffe Myelitis ausgelöst werden.

Ein wichtiges Glied der Beweiskette fehlte jedoch. Im Liquor cerebrospinalis wurde das Virus bisher nur bei vier von 567 erkrankten Kindern nachgewiesen. Dies könnte daran liegen, dass die Viren nur kurzzeitig vor dem Auftreten der Symptome im Gehirn aktiv sind.

Auch ein Team um Ian Lipkin von der Mailman School of Public Health in New York war zunächst nicht erfolgreich. Mit einer neuen Methode zur Gensequenzierung („VirCapSeq-VERT“) wurden nur bei einem von 14 Patienten Genspuren der Viren im Liquor gefunden.

Die Forscher haben daraufhin nach Antikörpern gefahndet, die vom Immunsystem auch nach dem Ende einer Infektion noch produziert werden. Dies war nicht einfach, da die Forscher nicht genau wussten, wonach sie suchen sollten. Antikörper reagieren auf bestimmte Abschnitte von Oberflächenproteinen. Diese Epitope sind bei den meisten Viren in großer Variabilität vorhanden.

Die Forscher benutzten deshalb einen Peptid-Mikroarray, der gleichzeitig Tausende verschiedener Epitope enthielt, die bei Enteroviren auftreten. Mit dieser Methode wurden bei elf der 14 Kinder im Liquor Antikörper gegen Enteroviren nachgewiesen. Von den elf Epitopen sind sechs auf der Oberfläche von Enterovirus D68 vorhanden. Bei acht der elf Patienten wurden die Antikörper auch im Serum gefunden.

Damit ist die Beweiskette zwar noch nicht geschlossen. Idealerweise müsste die Erkrankung mit Liquorproben der Patienten im Tierversuch erzeugt werden. Der Verdacht, dass das Enterovirus D68 ein möglicher Auslöser der akuten schlaffen Myelitis ist, hat sich jedoch weiter erhärtet. Die Forscher können jetzt einen einfacheren Antikörpertest entwickeln, um die Liquorproben weiterer Patienten rasch zu screenen. © rme/aerzteblatt.de

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