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Ärzteschaft

Dringlichkeit von Terminen wird oft überschätzt

Freitag, 16. August 2019

/RioPatuca Images, stock.adobe.com

Berlin – Hohes Vertrauen, aber Überschätzung der Dringlichkeit des eigenen gesundheit­li­­chen Anliegens: Laut der alljährlichen Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bun­desvereinigung (KBV) vertrauen die Menschen in Deutschland ihren niedergelassenen Ärzten. Hier gibt es wie bereits in den vergangenen Befragungen Zufriedenheitswerte von 90 Prozent für den eigenen Arzt.

Im Fokus der diesjährigen Umfrage lag aber auch die sub­jek­­tive und persönliche Ein­schät­­zung, wie dringlich der Arztbesuch war. Dabei gaben 47 Prozent der Befragten an, dass ihr Besuch dringlich gewesen sei, 19 Prozent schätzen dies als sehr dringlich ein. Gefragt nach dem Anlass des Arztbesuches gaben bei der Kategorie „aktuelles Problem“ 53 Prozent eine Dinglichkeit an, 29 eine sehr hohe Dringlichkeit. Auch beim Thema Vor­sorge oder Impfung wurde von 30 Prozent der Befragten „dringlich“ angegeben, sechs Prozent sahen dies als „sehr dringlich“ an.

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„Die gefühlte Dringlichkeit ist in vielen Fällen höher als die tatsächliche – auch wenn das aus medizinischer Sicht nicht angebracht ist“, sagte Stephan Hofmeister, stellvertretender Vorsitzender der KBV bei der Vorstellung des diesjährigen Befragung heute in Berlin. KBV-Vorsitzender Andreas Gassen fügte hinzu: „Auf eine routinemäßige Vorsorgeuntersu­chung muss ich als Patient im Zweifel tatsächlich länger warten als wenn ich eine Grippe habe.“

Auch wurden die Befragten um ihrer Einschätzung gebeten, ob in ihrem näheren Umfeld noch genügend Ärzte vorhanden sind. So sehen 68 Prozent der Befragten, dass in Wohn­ort­nähe noch genügend Hausärzte verfügbar seien, das sind fünf Prozentpunkte weniger als zwei Jahre zuvor. Dagegen sagen heute 27 Prozent, dass bereits zu wenig Hausärzte vor Ort wären.

Bei Fachärzten ist das Bild noch deutlicher: 50 Prozent sagen, dass genügend Fachärzte vor Ort seien, 44 Prozent sehen das nicht so. Besonders bei der Suche nach Fachärzten vor Ort hat sich diese Wahrnehmung verändert: Hatten 2013 noch 34 Prozent das Prob­lem, einen Facharzt zu finden, sind es heute bereits 49 Prozent. Eine Definition, welchen Kilometerradius mit „wohnortnähe“ gemeint sei, gibt es allerdings nicht.

Es müsse bedacht werden, dass die subjektive Wahrnehmung von Entfernung zwischen Großstadtbevölkerung und Menschen auf dem Land sehr unterschiedlich seien, erklärte Studienautor Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. „Gerade in den Groß­städten werden die Diskussion über Entfernungen heftiger geführt. Landbevölkerung ist es eher gewohnt, längere Wege im Alltag zurück zu legen.“ Nach den Untersuchungen klagen vor allem Menschen in Berlin und Sachsen-Anhalt über weite Entfernungen zum Hausarzt.

Privatversicherte warten länger

Streitpunkt bei den Arztterminen ist seit Jahren die Wartezeit auf einen Termin in der Praxis. Bei der aktuellen Erhebung zeigt sich, dass sich die Wartezeiten auf einen Termin zwischen gesetzlich und privatversicherten Patienten angleichen.

So gaben 29 und 30 Prozent der gesetzlich und privat-Versicherten an, keine Wartezeit beim letzten Praxisbesuch gehabt zu haben. Jeder vierte gesetzlich Versicherte bekam innerhalb von einem Tag bis zu einer Woche einen Termin, bei privat Versicherten war dies jeder dritte.

Im Verlauf der Befragung seit 2008 haben sich die Wartezeiten deutlich angeglichen, da auch Privatversicherte inzwischen länger warten müssen. „Der Grund ist simpel: Arztzeit wird immer knapper. Da wir einen nahezu barrierefreien Zugang zu ärztlichen Leistungen haben, ohne Steuerung bei gleichzeitig steigendem medizinischen Bedarf, führt das da­bei auch noch zwangsläufig zu einer höheren Nachfrage“, sagte KBV-Chef Gassen.

Andrang auf Notaufnahmen

Auch in der Diskussion um den Gang in die Notaufnahme bei Bagatellfällen liefert die Um­frage neue Zahlen: So geben 20 Prozent der Befragten an, im vergangenen Jahr in einer Notaufnahme gewesen zu sein. Von denen waren 55 Prozent am Wochenende dort, 44 Prozent an einem Werktag. 87 Prozent sagen, dass der Besuch in der Notaufnahme nach eigenem Ermessen zwin­gend gewesen wäre, 12 Prozent sagen, auch ein niederge­lassener Fach- oder Hausarzt hätte helfen können.

Während 2018 in der Befragung eine Trendwende weg vom Krankenhaus am Wochen­en­de und zu nächtlicher Stunde festgestellt wurde – damals gaben nur 33 Prozent an, in ein Krankenhaus gegangen zu sein und 26 Prozent zum ärztlichen Bereitschaftsdienst – gibt es 2019 einen Schritt zurück: Bei der telefonischen Befragung gaben 42 Prozent der Menschen an, in einem Krankenhaus gegeben zu sein und 26 Prozent bei einem Bereit­schaftsdienst. Die KBV kündigte in Zuge dessen an, die Nummer des ärztlichen Bereit­schaftsdienste 116117 mit einer Kampagne ab Ende August bekannter machen zu wollen.

Skepsis bei Videosprechstunden

Skeptisch sind die Befragten noch über die Videosprechstunden. 62 Prozent geben an, sie würden diese Angebote, wenn es sie bereits gäbe, nicht nutzen wollen. Vor allem in den Altersgruppen zwischen 60 und 79 Jahren liegt die Skepsis weit über 60 Prozent. Dage­gen erklären die Hälfte der Jüngeren zwischen 18 und 39, dass sie die Sprechstunde per Video nutzen würden.

„Das legt den Schluss nahe, dass die meisten Menschen den persönlichen Kontakt zu ih­rem Arzt bevorzugen und eine Fernbehandlung oder auch nur -beratung eher ablehnen“, sagte Thomas Kriedel, KBV-Vorstandsmitglied und zuständig für die Digitalisierung. Da­her warb er dafür, dass trotz Digitalisierung die analogen Möglichkeiten beim Arztbesuch erhalten bleiben müssten. „Am fehlenden Internet oder technischer Ausstattung liegt das übrigens nicht, nur 15 Prozent gaben dies als Grund für ihre Skepsis an“, so Kriedel.

Studienleiter Jung von der Forschungsgruppe Wahlen erklärte, dass man nicht vergessen dürfe, dass viele Haushalte von älteren Menschen nicht mit den technischen Geräten für eine Videosprechstunde ausgestattet seien. Die Onlineterminvergabe dagegen halten immer mehr Menschen für wichtig. Vor allem Menschen zwischen 18 und 59 Jahren wollen zum größten Teil ihre Termine online erledigen, die Älteren sehen dies nicht so relevant für sie. © bee/aerzteblatt.de

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