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Medizin

Studie: Glutenhaltige Kost in den ersten Lebensjahren erhöht Zöliakie-Risiko

Donnerstag, 15. August 2019

/psdesign1, stockadobecom

Lund – Kinder mit einem erhöhten genetischen Risiko erkranken häufiger an einer Zöliakie, wenn sie in den ersten Lebensjahren glutenreiche Nahrung zu sich nehmen. Dies kam in einer internationalen Kohortenstudie im US-amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 322: 514-523) heraus, die nach Gründen für die starke Zunahme der Erkrankung sucht.

Die Zöliakie bietet gute Voraussetzungen für die Erforschung einer Autoimmunerkrankung. Die Gene, die die Anfälligkeit erhöhen, und der Auslöser der Immunreaktion sind bekannt. Bei den Genen handelt es sich um eine Gruppe von HLA-Antigenen, ohne die es selten zur Erkrankung kommt. Der Auslöser ist das in vielen Getreidearten enthaltene Klebereiweiß Gluten.

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Dass die Erkrankung in westlichen Ländern in den letzten Jahren deutlich häufiger geworden ist, kann nicht an den Genen liegen, die sich kaum verändert haben dürften. Geändert haben sich allerdings die Ernährungsgewohnheiten und zwar auch in den ersten Lebensjahren, in denen die Krankheit meistens ausbricht. Der Verzehr von Getreide­produkten mit einem hohen Glutengehalt, sprich Weizen, hat vor allem in Mittel- und Nordeuropa zugenommen.

Die TEDDY-Studie („Environmental Determinants of Diabetes in the Young“), die ursprünglich die Ursachen der ebenfalls zunehmenden Zahl von Typ 1-Diabetes-Erkrankungen erforschen sollte, bot die Möglichkeit, den Zusammenhang näher zu untersuchen. Die Studie hat an sechs Zentren in den USA, Finnland, Schweden und Deutschland (LMU München) bei fast 425.000 Neugeborenen in einer Blutprobe die HLA-Antigene bestimmen lassen. Von den Kindern, die ein erhöhtes Risiko hatten und bei denen mehrfach ein Zöliakie-Screening (Nachweis von Tissue Transglutaminase (tTG)-Antikörpern) durchgeführt wurde, wurden 6.605 Kinder bis zum Alter von median neun Jahren begleitet. In den ersten fünf Jahren hatten die Eltern sieben Mal einen dreitägigen Ernährungs­tagebuch geführt, aus dem ein Team um Daniel Agardh von der Universität Lund in Schweden den Glutengehalt berechnet konnte.

Von den genetisch prädisponierten Kindern entwickelten 1.216 (18 Prozent) dauerhaft tTG-Antikörper, und bei 447 Kindern (7 Prozent) kam es zu Zöliakie, die durch eine Darmbiopsie bestätigt wurde. Die Serokonversion (also der erste Nachweis der Antikörper) trat meist im Alter von zwei bis drei Jahren auf, und die Zufuhr von Gluten erwies sich als ein entschei­dender Risikofaktor.

Je mehr Gluten in den ersten fünf Jahren in der Nahrung der Kinder enthalten war, desto häufiger kam es zur Serokonversion. Jeder Anstieg der Glutenzufuhr um 1 Gramm pro Tag erhöhte das Risiko um 30 Prozent. Die Hazard Ratio von 1,30 war mit einem 95-Prozent-Konfidenzintervall von 1,22 bis 1,38 signifikant. Bei einer durchschnittlichen Zufuhr (Referenz) von 3,71 g/Tag entwickelten 28,1 Prozent der Kinder tTG-Antikörper. Bei einem Anstieg um 1g/Tag waren es bereits 34,2 Prozent. Die Differenz von 6,1 Prozentpunkten (4,5 bis 7,7 Prozentpunkte) war signifikant.

Für das Erkrankungsrisiko ermittelte Agardh sogar eine Hazard Ratio von 1,50 (1,35-1,66) für jeden Anstieg der Glutenzufuhr um 1g/Tag. Bei der Referenzzufuhr erkrankten 20,7 Prozent der Kinder. Bei einem Anstieg um 1g/Tag waren es 27,9 Prozent (Differenz 7,2 Prozentpunkte; 6,1 bis 8,3 Prozentpunkte).

Da die meisten Kinder bereits im Alter von drei Jahren erkrankten, nahmen die Forscher die Glutenaufnahme in den ersten beiden Lebensjahren unter die Lupe. Eine tägliche Glutenaufnahme von mehr als 2g/Tag erhöhte das Erkrankungsrisiko um 75 Prozent (Hazard Ratio 1,75; 1,10-2,81).

Zwei Gramm Gluten sind laut Agardh in einer Scheibe (35 g) Weißbrot oder in 150 Gramm gekochter Pasta enthalten.

Eine Konsequenz aus der Studie wäre, dass Kinder mit einem erhöhten genetischen Risiko in den ersten Lebensjahren keine glutenhaltigen Nahrungsmittel erhalten sollten oder die Zufuhr doch stark einzuschränken. Eine solche Empfehlung sollte jedoch zunächst in einer randomisierten kontrollierten Studie getestet werden.

Die Erfahrungen aus zwei früheren randomisierten Studien zeigen, dass die Ergebnisse epidemiologischer Studien nicht immer ein guter Ratgeber sind. So hatten Beobachtungs­studien darauf hingewiesen, dass die vorsichtige Gabe von Gluten im vierten bis sechsten Monat eine Toleranz erzeugen kann, die die Kinder vor einer späteren Zöliakie schützt. In zwei daraufhin durchgeführten randomisierten Studien („PreventCD“ und „CELIPREV") wurde jedoch keinerlei präventive Wirkung erzielt. Auch eine längere Stillzeit mit der Gluten-freien Muttermilch konnte die Zahl der Zöliakie-Erkrankungen nicht verhindern. Das optimale Konzept zur Vermeidung der Zöliakie wurde bisher nicht gefunden. © rme/aerzteblatt.de

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