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Medizin

Gesundheitliche Schäden durch Mikroplastik im Trinkwasser noch unklar

Donnerstag, 22. August 2019

 Detailaufnahme von mit Mikroplastik verunreinigtem Meerwasser./Tunatura, AdobeStock.com
Mikroplastik im Trinkwasser kann aus Regen-, Schmelzwasser oder Abwasser stammen. /Tunatura, AdobeStock.com

Genf – Die Vorkommen von Mikroplastik im Trinkwasser und seine etwaigen gesundheit­lichen Auswirkungen sind weitestgehend unerforscht und müssen noch viel genauer untersucht werden. Zu diesem Schluss kommt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ihrem heute veröffentlichten Bericht zu Mikroplastik im Trinkwasser und mögliche Auswir­kungen auf Umwelt und Gesundheit.

Die Aufnahme von Mikroplastik in den menschlichen Körper oberhalb einer Größe von 150 μm sei unwahrscheinlich, schreibt die WHO. Denn Studien weisen darauf hin, dass diese vergleichsweise großen Partikel vom Darm nicht absorbiert, also wieder ausgeschieden werden, ergänzt Dieter Fischer vom Leibniz-Institut für Polymerforschung Dresden.

Der Bericht geht zudem von einer „limitierten Absorption kleinerer Partikel“ aus. Der analy­tische Nachweis kleiner Mikroplastik-Partikel im menschlichem Körper sei schwierig, so Fischer. Zur Aufnahme kleiner Mikroplastik-Partikel unter 10 µm und Nanoplastik kleiner 1 µm wisse man daher fast nichts.

Auf der Basis der vorliegenden, allerdings noch lückenhaften Informationen, scheine „Mikro­plastik im Trinkwasser nach heutigem Stand kein Gesundheitsrisiko darzustellen“, sagte WHO-Expertin Maria Neira. Andere Verunreinigungen des Wassers seien aus heutiger Sicht wesentlich bedeutsamer, sagte WHO-Experte Bruce Gordon.

WHO fordert zusätzliche Abwasserfilterung

Trotzdem fordert die WHO weitere Forschung zu den Gesundheitseffekten von Mikroplastik sowie Maßnahmen zur zusätzlichen Filterung des Abwassers. Dem Bericht zufolge könne durch eine solche Filterung 90 % des Mikroplastiks sowie weitere gesundheitsschädliche Substanzen wie Chemikalien und mikrobielle Erreger aus dem Wasser entfernt werden.

Das weitaus größere Problem in Deutschland ist aber, dass die Klärschlämme (...) zum Teil zur Düngung wieder auf landwirtschaftliche Flächen gelangen. Dieter Fischer, Leibniz-Institut für Polymerforschung Dresden

Mit Ultrafiltrationsmethoden ließe sich dieser Anteil sogar noch steigern, erläutert Fischer. „Das weitaus größere Problem in Deutschland ist aber, dass die Klärschlämme, die alle herausgefilterten Partikel (unter anderem Mikroplastik) enthalten, zum Teil zur Düngung wieder auf landwirtschaftliche Flächen und damit wieder zurück in die Umwelt gelangen“, ergänzt der Arbeitsgruppenleiter Mikroplastik und Raman-Spektroskopie, Abteilung Analytik. Auch auf dieses Problem würde der Bericht vorsichtig hinweisen. Fischer fordert daher: „Hier sollte der Gesetzgeber dringend handeln.“

Im Jahr 2017 seien weltweit rund 348 Millionen Tonnen Plastik (Fasern ausgenommen) angefallen. Diese Menge werde sich angesichts des Bevölkerungswachstums, des Verbrauchs und des Wegwerfverhaltens bis 2025 verdoppeln und bis 2050 wohl verdreifachen, schätzt die WHO. Allein in Europa stellten 60.000 Firmen mit einem Umsatz von 355 Milliarden Euro Plastik her.

Woher das Mikroplastik im Trinkwasser im Detail stammt, ist oft unklar, heißt es in dem WHO-Report. Wichtige Quellen seien Regen- oder Schmelzwasser und Abwasser. Insgesamt seien die verfügbaren Studien aber zu lückenhaft, um das jeweilige Ausmaß dieser Zuflüsse genauer zu bestimmen oder die Quellen noch exakter zu erfassen. „Darüber hinaus kann eine Verschmutzung auch bei anderen Prozessen wie der Behandlung, der Verteilung und dem Abfüllen passieren.“

Mikroplastik in Kosmetika und Zahnpasten

Es gelte in jedem Fall, die Wissensbasis zu erweitern und vor allem das Wachsen des weltweiten Plastikmüllbergs zu stoppen. Statt über Mikroplastik sollte man über Plastik allgemein sprechen, findet der Umweltmediziner Hanns Moshammer von der Medizinischen Universität Wien. „Primär sehe ich die Gefahr von Mikroplastik eher für Ökosysteme als für die menschliche Gesundheit.“ Gefahren gehen laut Moshammer nicht nur von Mikroplastik, sondern durchaus auch von ‚Makroplastik‘ aus. „Für den Menschen ist der wichtigste Aufnahmepfad für Mikroplastik derzeit sicher nicht das Wasser, sondern Kosmetika und Zahnpasten, wobei ich unmittelbare Gesundheitsrisiken hier eher ausschließen würde.“

Jüngst hatte ein Forscherteam unter Leitung des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) in Bremerhaven berichtet, dass Mikroplastik-Teilchen im Schnee aus der Luft auf die Erdoberfläche rieseln - selbst in der abgelegenen Arktis. Die winzigen Teilchen werden in der Atmosphäre transportiert und können so über weite Strecken verteilt werden.

Wenig Mikroplastik im deutschen Leitungswasser

Menschen nehmen nach Angaben australischer Forscher täglich Mikroplastik zu sich – durch Nahrung, Trinkwasser oder durch bloßes Atmen. Bis zu 5g der winzigen Teilchen kommen so pro Woche in den Körper – abhängig von den Lebensumständen. Eine Kreditkarte wiegt in etwa 5g. Die Untersuchung basiert auf Daten zu Mikroplastik – also Teilchen kleiner als 5 mm – in der Atemluft, im Trinkwasser, in Salz, Bier und in Schalentieren.

In deutschem Leitungswasser sei erheblich weniger Mikroplastik entdeckt worden als in Mineralwasser, sagte Martin Wagner von der Norwegian University of Science and Technology in Trondheim. Zwei Studien weisen Mikroplastik in Mineralwasser nach. Hier wurden zwischen 300 und 6.000 Partikeln pro Liter gefunden. „Verglichen dazu sind die Mengen an Mikroplastik in Leitungswasser deutlich niedriger. In deutschem Leitungswasser wurden beispielsweise 0,0007 Partikel pro Liter gefunden.“

© gie/dpa/aerzteblatt.de
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