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Medizin

652-Städte-Studie: Feinstaub erhöht Sterberisiko auch in niedrigen Konzentrationen

Donnerstag, 22. August 2019

Feinstaub in Neu Delhi /dpa
Feinstaub in Neu Delhi /dpa

Shanghai – Eine globale Studie bestätigt, dass die Exposition mit Feinstaub (PM10 oder PM2,5) die Sterblichkeit kurzfristig erhöht. Nach der Publikation im New England Journal of Medicine (2019; 381: 705-715) ist kein Schwellenwert erkennbar, so dass vermutlich auch Feinstaubkonzentrationen unterhalb der geltenden Grenzwerte gesundheitsschädlich sind. Das Risiko steigt hier sogar überproportional stark an.

Der vor allem bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern entstehende Feinstaub dringt bei einer Größe von unter 10µm (PM10) in die größeren Atemwege und bei einer Größe von unter 2,5µm (PM2,5) auch in die Alveolen ein. Zahlreiche frühere Zeitreihenanalysen haben gezeigt, dass ein Anstieg von PM10 und PM2,5 mit einer erhöhten täglichen Mortalität verbunden ist. Die Studien waren jedoch meist auf einzelne Städte, Regionen oder Länder beschränkt.

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Das „Multi-City MultiCountry (MCC) Collaborative Research Network“ hat jetzt erstmals die Daten aus 652 urbanen Regionen in 24 Ländern zusammengefasst, und die zweitäglichen Expositionsdaten mit der Sterblichkeit verglichen. Die meisten Daten wurden in China erhoben, wo die Feinstaubbelastung heute deutlich höher ist als in westlichen Ländern. Das Team um Haidong Kan von der Fudan-Universität in Shanghai hat aber auch zahlreiche Daten aus Nordamerika und Europa (nicht aber aus Deutschland) verwendet.

Die Ergebnisse bestätigen zunächst einmal die bekannten Tatsachen: Eine Zunahme des 2-Tages-Durchschnittswertes der PM10-Konzentration um 10 µg/m3 war mit einem Anstieg der Gesamtsterblichkeit am gleichen Tag um 0,44 % (95-%-Konfidenzintervall 0,39 bis 0,50 %) verbunden. Die kardiovaskuläre Tagesmortalität stieg um 0,36 % (0,30 bis 0,43 %) und die Tagesmortalität an Atemwegserkrankungen um 0,47 % (0,35 bis 0,58 %).

Jeder Anstieg von PM2,5 um 10 µg/m3 war mit einer Zunahme der Gesamtmortalität um 0,68 % (0,59 bis 0,77 %) verbunden. Die kardiovaskuläre Mortalität nahm um 0,55 % (0,45 bis 0,66 %) und die Tagesmortalität an Atemwegserkrankungen um 0,74 % (0,53 bis 0,95 %) zu.

Kein Grenzwert für Schädlichkeit von Feinstaub erkennbar

Interessant sind die Dosis-Wirkungs-Kurven. Ein Anstieg der Mortalität war zum einen auch unterhalb der derzeitigen Grenzwerte der Welt­gesund­heits­organi­sation von 50 µg/m3 für PM10 und 25 µg/m3 für PM2,5 vorhanden. In der Studie war kein Grenzwert für die Schädlichkeit von Feinstaub erkennbar.

Zum anderen waren die Dosis-Wirkungs-Kurven non-linear. Der Anstieg des Sterberisikos war unterhalb der Grenzwerte mit jeder 10µg/m3-Erhöhung größer als bei einer höheren Exposition. Dies bedeutet, dass Länder mit vergleichsweise niedrigen Feinstaubwerten wie die USA und Teile Europas bei einer weiteren Senkung mehr für die Gesundheit der Bevölkerung erreichen können, als etwa China, wo die höchsten Feinstaubbelastungen gefunden wurden.

Die Non-Linearität erklärt teilweise, warum das Sterberisiko bei PM2,5 mit jedem Anstieg um 10 µg/m3 in China nur um 41 % stieg, in Australien dagegen um 142 %. Andere Gründe könnten laut Kan die hohen Lufttemperaturen sein. Dies mag erklären, warum in Schweden die Auswirkungen geringer ausfielen als in Griechenland. Da die Schädlichkeit des Feinstaubs mit den an den Partikeln gebundenen Toxinen (etwa Schwermetallen) erklärt wird, könnten auch andere Unterschiede in der Luftqualität von Bedeutung sein, ganz zu schweigen von möglichen genetischen Unterschieden in der Empfindlichkeit.

Die flachere Dosis-Wirkungs-Kurve bei höheren Expositionen könnte auch mit der Bevölkerungsstruktur zusammenhängen. In weniger entwickelten Ländern wie China leben wegen der höheren Geburtenrate in den Städten mehr jüngere Menschen als beispielsweise in Japan, wo die Dosis-Wirkungs-Kurve deutlich steiler verläuft. Dies sind allerdings nur Spekulationen. Die Studie kann nur die Assoziation aufzeigen, nicht aber die Ursachen klären.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #715180
DrSchnitzler
am Freitag, 23. August 2019, 14:02

... BEMERKENSWERT.

Regelhaft verhält sich die ZUVERLÄSSIGKEIT der Wirkung eines jeden (Wirk-, Gift-) Stoffes PROPORTIONAL zur Dosis:

- je HÖHER die Dosis, desto ZUVERLÄSSIGER eine Wirkung. Was denn sonst, bitte?

- "nahe Null" muss aber die "Unzuverlässigkeit" der Wirkung (Aussage) GEGEN UNENDLICH gehen. Eine Aussage, dass "ein Partikel" („keine Untergrenze“) auf irgendeine Weise ZUVERLÄSSIG tödlich sein soll, ist - nach menschlichem Ermessen - praktisch völlig UNMÖGLICH (Gedankenexperiment: man verdünne ein beliebiges Arzneimittel auf eine „homöopathische“ Dosis wie zB D6 oder D12 und behaupte allen Ernstes, man könne damit ZUVERLÄSSIGE Effekte erzielen...).

Dargestellt (1, Abb. 3) ist aber das GENAUE GEGENTEIL:
- die "Zuverlässigkeit" (Vertrauensbereich) der angeblich tödlichen Wirkung ist bei HOHEN Konzentrationen am geringsten(!), bei geringsten Konzentrationen jedoch (in etwa) AM HÖCHSTEN.

Die Rechenmodelle KÖNNEN also so – ganz grundsätzlich – nicht stimmen, jedenfalls nicht bezogen auf die dargestellte "Zuverlässigkeit" der Befunde (Aussagen). Bei (nahe) NULL Wirkstoff kann (praktisch) NIEMAND mehr daran sterben. Alles andere wäre auf diesem Planeten unmöglich plausibel.

Die Ergebnisse der Cochrane-Analyse (2) stützen diese Aussage („kein Effekt“).

_____________
Der Unterzeichner stellt ausdrücklich klar, dass a) kein Interessenkonflikt besteht, und b) auch für ihn der Schutz menschlichen Lebens unverhandelbar ist.

MfkG Dr. A. Schnitzler, FAfIM, Lüneburg


Referenzen
(1) Liu C, Chen R, Sera F et al.: Ambient Particulate Air Pollution and Daily Mortality in 652 Cities. N Engl J Med 2019. 381:705-715. doi: 10.1056/NEJMoa1817364
(2) Zylka-Menhorn V: Luftverschmutzung: Komplexität erlaubt keine allgemeingültigen Aussagen. Dtsch Arztebl International 2019. 116:A-1110.
Avatar #550935
Arco
am Donnerstag, 22. August 2019, 21:05

Höchst umstritten...

... Sind diese Statistiken zu Sterberisiken bei Feinstaubbelasstung. Selbst wenn man die politische und damit finanzielle Motivation der Studienleitungcausser Acht lässt, ist es offensichtlich, dass ein vernünftiges Setting für derartige "Studien" seriös nicht darstellbar ist.
Zum Beispiel: Menschen, die an stark feinstaubbelasteten Strassen leben, gehören ganz überwiegend zur sozialen Unterschicht. Aber gerade in dieser wird ungesund gelebt, sich mangelhaft ernährt, es wird mehr geraucht und schlechtere Sozialisierungen erhöhen das Mortalitätsrisiko.
Mit der gleichen Sinnhaftigkeit könnte man auch eine erhöhtes Mortalitätsrisiko bei Frühaufstehern postulieren.
LNS

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