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Politik

Deutschland: Lebenserwartung in sozial schwachen Regionen am geringsten

Freitag, 23. August 2019

/dpa

Berlin/Ludwigsburg – Die gesellschaftliche Teilhabe hat einen nachweisbaren Einfluss auf die Lebenserwartung der Menschen in Deutschland. Das geht aus dem jetzt veröffent­lichten Teilhabeatlas des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüs­tenrot Stiftung hervor. In der Studie wurde untersucht, welche gesellschaftli­chen Teil­ha­be­chancen die 401 deutschen Landkreise und kreisfreien Städte ihren Bewoh­nern bieten.

Demnach leben Menschen umso länger, je besser es ihnen finan­ziell geht, je besser ge­bildet sie sind und je mehr Möglichkeiten zur Teilhabe und zur Selbstverwirklichung sie haben. Der Auswertung zufolge arbeiten Menschen mit den besten wirtschaftlichen und sozialen Teilhabechancen unter besseren Bedingungen, ernähren sich gesünder, treiben mehr Sport, sind besser sozial abgesichert, können sich eine bessere gesundheitliche Versor­gung leisten und leben am längsten.

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So ist vor allem in den wirtschaftlich schwachen Regionen Mitteldeutschlands und im Ruhrgebiet die Lebenserwartung vergleichsweise gering. Im wohlhabenden Süden des Landes leben die Menschen dagegen im Schnitt besonders lang. Neugeborene aus den Jahren 2013 bis 2015 haben dort die Aussicht auf ein durchschnittlich fast 82 Jahre währendes Leben.

In den Regionen mit mittleren und geringen Teilhabechancen sterben die Menschen im Vergleich immer noch mehr als ein respektive zwei Jahre früher – obwohl die regionalen Unterschiede den Autoren zufolge in den vergangenen Jahren geschrumpft sind.

Deutliche Abweichungen

Laut Versorgungsatlas weichen die Werte zwischen einzelnen Kreisen noch stärker von­einander ab. Während Neugeborene im äußerst wohlhabenden Landkreis Starnberg im Münchner Speckgürtel eine durchschnittliche Lebenserwartung von 83,4 Jahren haben, beträgt diese im rheinland-pfälzischen Pirmasens nur 77,4 Jahre.

Der Atlas zeigt auch, dass die meisten ostdeutschen Regionen 30 Jahre nach der Wieder­vereinigung noch in vielen Bereichen zurückliegen. In fast allen ländlichen Kreisen, aber auch in den meisten ostdeutschen Städten haben die Menschen demnach mit weniger Einkaufsmöglichkeiten, weiteren Wegen zum Arzt oder langsamerem Internet zu kämpfen als anderswo.

In dem Atlas heißt es zum Beispiel, dass die Versorgung auf dem Land mit Ärzten schwie­riger wird. Beispiels­weise in Sachsen-Anhalt würden rund 1.400 Landärzte fehlen. „Während im Bundesschnitt 67,5 Hausärzte 100.000 Einwohner behandeln, kümmern sich im sachsen-anhaltinischen Altmarkkreis Salzwedel, aber auch im nordrheinwestfälischen Landkreis Gütersloh oder im rheinland-pfälzischen Eifelkreis Bitburg-Prüm nur jeweils rund 50 Hausärzte um 100.000 Einwohner.“ Die meisten Städte seien hingegen gut versorgt und wiesen eine hohe Zahl an Hausärzten je 100.000 Ein­wohner auf.

Die Macher der Studie besuchten auch ausgewählte Regionen, um die gefühlten Teilhabechancen mit den erhobenen Daten abzugleichen. „In den Gesprächen zeigte sich, dass die Menschen ihre Lebensbedingungen weitgehend realistisch einschätzen“, sagte Manuel Slupina, Mitautor der Studie. „Mit den Unterschie­den bei den Teilhabechancen gingen sie recht nüchtern und pragmatisch um.“

Je nach Wohnort hätten die Menschen auch andere Erwartungen an ihr Umfeld, fügte Slupina hinzu. Die befragten Landbewohner seien sich meist des Nachteils bewusst, dass sie zum Arbeiten pendeln müssten und für manche Erledigungen auf die nächste größere Stadt angewiesen seien. „Trotzdem äußerten sie, dass sie gern dort leben.“

Linke spricht von Trauerspiel

Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch sprach angesichts der Ergebnisse von einem „dramatischen Politikversagen" und einem „Trauerspiel“. Er forderte die Bundesregierung zu entschlossenem Handeln auf: So müssten Themen wie Überschuldung von Kommu­nen, Netzabdeckung oder Bahnanbindung konsequent angegangen werden.

Die Sprecherin der Grünen-Fraktion für Kommunalpolitik, Britta Haßelmann, kritisierte die Arbeit der Kommission Gleichwertige Lebensverhältnisse. Seit deren Start sei „mehr als ein Jahr ins Land gezogen, ohne dass die Bundesregierung gemeinsam mit den Bun­desländern und Kommunen Vorschläge zur Linderung dieser Krise auf den Tisch gelegt haben“, erklärte Haßelmann. Gebraucht würden schnelles Internet, vernetzte Mobilität, bessere Gesundheitsdienste und eine regionale Grundversorgung auch in strukturschwa­chen Regionen". Es müsse „endlich gehandelt“ werden.

Der Grünen-Experte für Kommunalfinanzen, Stefan Schmidt, nannte die Studie einen „weiteren erschütternden Fingerzeig auf die immensen regionalen Ungleichheiten, die unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt immer mehr bedrohen“. Er forderte eine „substanzielle“ Beteiligung des Bundes am Abbau der Kassenkredite, um die Kommunen aus der Schuldenfalle zu befreien. © hil/sb/afp/may/aerzteblatt.de

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