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„Der Wandel durch die Digitalisierung betrifft jeden Arzt“

Dienstag, 24. September 2019

Berlin – Das Projekt „Medizin 4.0“ untersucht ethische Fragen im Zusammenhang mit digitalen Technologien im Gesundheitswesen. Dabei sind auch Ärzte aufgefordert, sich einzubrin­gen. Das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) fragte Projektleiter Eckhard Nagel von der Univer­sität Bayreuth nach dem vom Bundesministerium für Gesundheit geförderten Vorhaben.

Fünf Fragen an Eckhard Nagel, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth

DÄ: Warum ist das Thema „Ethisches Fundament der Digitalisierung“ so bedeutsam?
Eckhard Nagel: Die Integration digitaler Technologien in das Gesundheitswesen ist heute nicht mehr nur Zukunftsmusik, sondern eine alltägliche (Arbeits-)Realität geworden. Umso wichtiger ist es, nun einen grundlegenden ethischen Umgang mit den Veränderungen, welche uns durch die verschiedenen neuen Möglichkeiten begegnen, verantwortungsvoll zu begründen. Sowohl die Hochtechnologie in der medizinischen Versorgung, wie KI-Systeme, Big Data Anwendungen und neue Behandlungsmethoden, als auch die ständige Verknüpfung von gesundheitsbezogenen Daten und deren mobile Erhebung durch Apps, Wearables und anderen digitalen Geräten verändern das Gesundheitswesen auch in unserem Land in seinen grundlegenden Strukturen.

Das ist verbunden mit vielen Versprechungen, großen Erwartungen, aber auch neuen Ängsten. Damit umzugehen gehört zu den aktuellen Herausforderungen für die Ärzteschaft. Bei der hohen Geschwindigkeit der Weiterentwicklung fällt es besonders schwer zwischen Fiktion und realem Fortschritt zu differenzieren und die wirklichen Neuerungen adäquat für und mit den Patienten zu nutzen. Wichtige ethische Grundregeln wie das Nichtschaden-Prinzip oder die Verschwiegenheitspflicht müssen mit dieser Entwicklung Schritt halten. Das macht es für jeden Arzt schwer und es bedarf wissenschaftlicher Untersuchungen, die hier Orientierung geben können.
 
DÄ: Welche ethischen Probleme ergeben sich im Augenblick aus der Digitalisierung in der Medizin?
Nagel: Bei der Digitalisierung in der Medizin hilft es, Fragen zu formulieren, die den Rahmen der Problemstellungen umreißen: Wer darf gesundheitsbezogene Daten einsehen, die in einer App erhoben werden? Und wer trägt die Verantwortung dafür beziehungsweise wem gehören diese Daten? Ist Verantwortung im Technologiebereich anders als in anderen Lebenskontexten zu definieren und zu gestalten? Inwieweit können/sollen selbst erhobene Daten von Patienten in die Diagnose und Behandlungsentscheidung einbezogen werden? Inwieweit müssen/dürfen solche Daten der Gesellschaft und der Forschung zur Verfügung gestellt werden? Welchen generellen Stellenwert, welchen spezifischen medizinischen Wert haben diese Daten?

Solche Fragen geben einen Einblick, wie weitreichend der Wandel ist, den die Digitalisierung in der Medizin wie in der Gesellschaft angestoßen hat. Dieser Wandel betrifft jeden Arzt. Auch die jeweilige Rolle des Patienten, die Beziehung zu den Behandelnden und das Gesundheitssystem insgesamt sind diesem Einfluss ausgesetzt. 

DÄ: Welche Bereiche sind besonders sensibel beziehungsweise wo sehen Sie besondere Probleme?
Nagel: In unserer Forschung fokussieren wir uns im Moment auf die mobile App-Technologie und digitales Monitoring. Dabei ist insbesondere der sensible Bereich der möglichen Veränderungen in der Arzt-Patient-Beziehung hervorzuheben – gerade hier gibt es ja viele Erwartungshaltungen, Fragen und Sorgen. Darüber hinaus sind Anpassungen im ärztlichen Berufsbild und Selbstverständnis zu erwarten – auch hinsichtlich der Anforderungen, die in Zukunft an Ärzte gestellt werden. Weiterhin untersuchen wir, ob digitale Technologien und deren Vernetzung zu Veränderungen im Verhältnis von Eigenverantwortung und Solidarität im Gesundheitswesen führen und welchen Einfluss gesundheitsbezogene Apps auf die Selbstbestimmung des Individuums haben.

DÄ: Das Projekt „Medizin 4.0“ untersucht ethische Fragen im Zusammenhang mit digitalen Technologien im Gesundheitswesen. Wie ist die Erhebung konzipiert und was genau wollen Sie von den Ärzten wissen?
Nagel: Unser aktuelles Vorgehen ist als empirisch-normatives Design angelegt und verbindet hierbei die Stärken sozialwissenschaftlicher Untersuchungen mit ethischen Forschungsmethoden und Analysen. Hierzu werden Daten aus Beobachtungen, Interviews mit Experten und mehreren Umfragen unter verschiedenen Stakeholdern kombiniert.
Die Erhebung der ärztlichen Perspektive, zu dessen Teilnahme alle in Deutschland tätigen Ärzte aufgerufen werden, erfolgt online als auch papierbasiert.

Mit dem Fragebogen, welcher von Ärzten, Soziologen, Psychologen und Ethikern entwickelt worden ist, möchten wir die jeweilige individuelle ärztliche Sicht auf die durch die Digitalisierung angestoßenen Veränderungen im Gesundheitswesen erfahren. Der Fokus liegt dabei auf gesundheitsbezogenen Apps und Wearables.

Durch die parallelen Befragungen bei Bürgern, Krankenkassen und wirtschaftlichen Unternehmen und deren Einbettung in die Erhebungen können so wichtige Hinweise zur Identifikation der jeweiligen Spannungsfelder gegeben und aus ethischen Analysen Handlungsempfehlungen abgeleitet werden.

DÄ: Wie wird mit den Ergebnissen umgegangen und wer finanziert das Projekt?
Nagel: Das Bundesministerium für Gesundheit fördert das Projekt „Medizin 4.0“ im Rahmen seiner Initiative „Ethische Aspekte der Digitalisierung im Gesundheitswesen“. Die Ergebnisse der Studie werden in einem iterativen Prozess mit unserem Projektpartner, dem Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwigs-Maximilians-Universität München, diskutiert und fließen in die Entwicklung einer Bewertungsmatrix für digitale, mobile Technologien ein.

Daraus leiten wir gemeinsam Handlungsempfehlungen für Anwender, Ärzte sowie Entscheidungsträger im Gesundheitswesen ab. Die Erkenntnisse der Studie werden somit eine solide Grundlage für die kommenden Diskussion hinsichtlich der Implementierung neuer Technologien im Gesundheitswesen bilden. Umso wichtiger ist es, dass sich die Kollegen mit ihren Stimmen einbringen und die Ergebnisse dadurch aktiv mitgestalten.  Die ersten Ergebnisse erwarten wir im Jahr 2020. © hil/aerzteblatt.de

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