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Medizin

Tramadol könnte Hypoglykämien auslösen

Donnerstag, 29. August 2019

Tramadol kann als Kapsel, Tropfen oder Retardtablette, rektal als Zäpfchen und intravenös verabreicht werden. /dpa

San Diego – Das Schmerzmittel Tramadol, das zunehmend als sichere Alternative zu anderen Opioiden betrachtet wird, kann offenbar schwere Hypoglykämien auslösen. Dies kam in einer Analyse von Datenbanken der US-Arzneimittelbehörde FDA in Scientific Reports (2019; 9: 12490) heraus.

Das FDA Adverse Effect Reporting System (FAERS und AERS) dient der Suche nach bisher nicht bekannten unerwünschten Arzneimittelwirkungen (UAW). Ärzte, Apotheker, Patien­ten oder auch Anwälte können dort Fälle melden, die ihnen ungewöhnlich vorkommen.

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Die Möglichkeit wird häufig genutzt. Von Anfang 2004 bis August 2012 sind insgesamt 12 Millionen UAW-Meldungen eingegangen. Darunter waren 6.355 Fälle, in denen die Patienten Tramadol erhalten hatten. In 1,13 % dieser Fälle war es zu einer Hypoglykämie gekommen, definiert als ein Abfall des Blutzuckers auf unter 70 mg/dl.

Bei den meisten anderen Opioiden ist diese UAW deutlich seltener aufgetreten. Bei Codein lag der Anteil nur bei 0,10. Ein Team um Ruben Abagyan von der Universität von Kalifornien in San Diego ermittelt eine Reporting Odds Ratio (ROR) von 11,80, die bei einem allerdings weiten 95-%-Konfidenzintervall von 1,64 bis 85,03 signifikant war.

Auch im Vergleich zu den meisten anderen Opioiden waren die ROR deutlich erhöht. Gegenüber Morphin betrug sie 26,19 (10,57 bis 64,86) und gegenüber Fentanyl sogar 32,69 (16,86 bis 63,38). Einzig Methadon wurde annähernd so häufig mit einer Hypogly­kämie in Verbindung gebracht wie Tramadol (Inzidenz 0,87 %, ROR 1,29; 0,87 bis 1,93). Es könnte deshalb sein, dass Methadon ebenso das Risiko auf eine Hypoglykämie erhöht.

Wie häufig die Komplikation in der Praxis ist, lässt sich aus den Inzidenzen in den UAW-Datenbanken nicht ablesen, da die Meldungen freiwillig und deshalb völlig unsystema­tisch erfolgen. Die Hypoglykämien traten jedoch nicht nur bei Diabetikern auf. Auch bei gesunden Menschen kann es nach der Einnahme von Tramadol offenbar zu einem be­droh­lichen Abfall des Blutzuckers kommen.

Abagyan hat auch einen Vergleich zu Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern und NMDA-Antagonisten durchgeführt. Dies geschah, weil Tramadol neben seiner Wir­kung auf Morphin-Rezeptoren auch die Wiederaufnahme von Serotonin und Noradrenalin hemmt, also im Prinzip wie ein Antidepressivum wirkt.

Auch hier war das Hypoglykämie-Risiko von Tramadol signifikant höher. Die ROR lagen zwischen 5,16 (3,34 bis 8,00) im Vergleich mit Venlafaxin und 19,90 (8,03 bis 49,29) im Vergleich mit Desvenlafaxin. Auch gegenüber den NMDA-Antagonisten Atomoxetin, Me­mantin und Minocyclin war ein erhöhtes Risiko nachweisbar.

Die Studie kann laut Abagyan zwar nicht beweisen, dass Tramadol der Auslöser der Hypo­glykämien ist. Dazu müssten größere randomisierte kontrollierte Studien durchgeführt werden. Es ist jedoch nicht die erste Studie, die ein entsprechendes Signal gefunden hat.

Epidemiologen der McGill University in Montreal kamen in einer Analyse der United King­dom Clinical Practice Research Datalink, die elektronische Krankenakten von briti­schen Patienten verwaltet, zu einem ähnlichen Ergebnis.

Nach den in JAMA Internal Medicine (2015; 175: 186-193) publizierten Daten war die Einnahme von Tramadol mit einem um 52 % erhöhten Risiko einer Krankenhauseinwei­sung aufgrund einer Hypoglykämie (Odds Ratio 1,52 (1,09 bis 2,10) verbunden, das in den ersten 30 Tagen der Einnahme besonders stark erhöht war (Odds Ratio 2,61; 1,61 bis 4,23). © rme/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #3275
VVZF
am Montag, 2. September 2019, 08:58

Tramadol könnte Hypoglykämien auslösen

Besteht möglicherweise ein Zusammenhang zwischen der Appetitsteigernden Wirkung von SNRI wie Amitriptylin und den unter Tramadol beobachteten Hypoglykämien? Kommt es auch unter Tramadol gehäuft zu unerwünschten Gewichtszunahmen?
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